St. Johannes Evangelist, Kugelkirche

Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis 2021


Mk 8,27-35

12.09.2021

Liebe Schwestern und Brüder!

 1. Schwer erträgliche Worte, die wir gerade im Evangelium gehört haben: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich“. „Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen“. Also vom Lebensverlust ist die Rede, vom Kreuztragen und von der Selbstverleugnung, also davon, dass man nicht mehr der sein kann, der man sein möchte. Also Weisungen, die man nicht gerne hören möchte, geschweige denn erfahren möchte: Statt Kreuztragen will der Mensch doch lieber Glück und Erfolg, statt Lebensverlust den Lebensgewinn und statt Selbstverleugnung den Selbstbesitz und die Selbstverwirklichung. Aber Sie spüren schon, wenn ich das so aufzähle: Glück, Erfolg, Lebensgewinn, Selbstbesitzung und Selbstverwirklichung: So ist unser Leben eben nicht; zumindest nicht immer. Es gehört unweigerlich auch die andere Seite zu unserem Leben: Nicht nur Glück, sondern auch Kreuztragen, nicht nur Lebensgewinn, sondern auch Lebensverlust und nicht nur Selbstverwirklichung, sondern auch Ohnmacht und Selbstverleugnung. Da ist Jesus eigentlich ganz realistisch. Er weiß, dass es Illusion ist, das Leben nur auf der Erfolgsspur anzusiedeln. Und er weiß, dass es gefährlich ist, sein Leben für Illusionen zu leben. Die Gefährdung Jesu war, sein Leben zu leben als erfolgreicher Messias und Wunderheiler und sich feiern zu lassen als politischer Hoffnungsträger. Seine Gefährdung war, das Lebensglück am Erfolg und an der Anerkennung zu messen.


2. Zweimal wird dies im Leben Jesu ganz deutlich: Einmal bei der Versuchung in der Wüste, als ihm die Möglichkeiten eröffnet wurden, aus Steinen Brot zu machen, also machen zu können, wozu man gerade Lust hat; von der Zinne des Tempels zu springen, also Anerkennung zu erheischen und allen Reichtum der Welt zu besitzen, wenn der nur den Teufel anbeten würde, also sich mit dem Bösen arrangieren würde. Und Jesus fährt den Teufel an und sagt. „Weg mit dir, Satan“. Und genau den gleichen Satz hören wir jetzt auch: Als Jesus seinen Jüngern eröffnet, dass er nach Jerusalem gehen werde und dort wohl sterben werden, ist es Petrus der sagt: „Das soll nicht mit dir geschehen“. Da ist sie wieder, die alte Versuchung und Gefährdung Jesu. Und Jesus fährt Petrus an mit genau den gleichen Worten wie bei der Versuchung in der Wüste: „Weg mit dir, Satan“. Nicht Petrus ist damit gemeint. Nicht Petrus ist der Satan, sondern die innere Gefährdung und Versuchung Jesu, die Petrus ausgelöst hat, ist das Satanische. Kreuztragen, Selbstverleugnung und Lebensverlust gehören zum Leben dazu. Alles andere ist eine gefährliche Illusion, weil der Mensch Opfer seiner Illusionen werden kann. Und müssen wir es in diesen Tagen nicht schmerzvoll lernen, dass wir nicht so weiter machen können wie bisher? Dass wir lernen, dass es nicht immer weiter so geht mit dem Wohlstand auf Kosten anderer und der Natur? Wir müssen lernen, das Kreuz zu tragen, Verzicht zu üben, ein Stück Leben im Sinn von bisheriger Lebensqualität zu verlieren und sich selbst zu verleugnen im Sinn, dass man eben nicht alles haben und machen kann, was man möchte.


3. Wenn ein Mensch sich der Illusion hingibt, dass nur Erfolg zu einem glücklichen Leben zählt, wird er alles tun, um diesen Erfolg zu bekommen. Wieviel Anderes und Schönes bleibt da auf der Strecke. Er müsste diese Illusion mal verlieren, was für ihn gleichbedeutend ist mit Selbstverleugnung, d.h. nicht mehr der sein zu können, der man sein will. Aber wie segensreich könnte so eine Erfahrung sein, diese Illusion mal zu verlieren und zu spüren, wieviel tiefer und intensiver ein Leben sein kann. Es gibt Menschen, die geben sich der Illusion hin, dass Anerkennung und ewige Jugend und Gesundheit erst ein Leben gelingen lassen. Und was tun sie alles für diese Illusion und wieviel bleibt da an Leben auf der Strecke. Das Loslassen solcher Illusionen wäre sehr heilsam, wird aber empfunden als Kreuz, als schwere Last. Aber welcher Segen stünde dahinter. Wie könnte Leben neue Dimensionen erobern. Oder jemand gibt sich der Illusion hin, dass Macht das wichtigste ist. Immer selbst bestimmen; immer sein Leben im Griff haben, immer tun können, was man will. Wieviel geht da an Leben verloren, wenn man nur für diese Illusion lebt! Diese Illusion loslassen käme eines Lebensverlustes gleich. Und doch heißt es: „Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen.“


4. Das heißt: In allen gefühlten Minderungen unseres Lebens, in allen echten oder gefühlten Verlusten unseres Lebens kann ein großer Segen liegen. Wenn manches anders kommt als man denkt, kann gerade diese andere ein Segen sein, mit dem man zuerst gar nicht gerechnet Wenn man aus gewohnten Lebensbahnen geworfen wird, kann gerade eine neue Lebensbahn die Augen öffnen für etwas Neues. Wenn Schuld in einem Menschen sein perfektionistisches Selbstbild, das er mühsam aufrechterhält, zerstört, kann er vielleicht sich selbst neu entdecken, ihm helfen, seinen Perfektionismus als Illusion zu entlarven und er kann barmherziger werden. Und wenn jemand sterben muss und seine ganze Ohnmacht erfährt, er also bis zum Äußersten sich selbst verleugnen muss, weil er nichts mehr hat, worauf er sich stützen könnte, wäre dies ein Loslassen seiner selbst in die Hände Gottes. Ein Loslassen, dass er auch als tiefen Frieden empfinden kann.

Franz Langstein



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