Predigt am 3. Fastensonntag B24 

Joh, 2,13-25

03-03-2024 


1. Das muss wohl einen gewaltigen Eindruck gemacht haben, wie Jesus im Tempel von Jerusalem randaliert hat. Denn alle vier Evangelisten berichten darüber, wie er die Händler hinaustrieb, deren Tische umstieß und das Geld der Geldwechsler verschüttete. Diese Aktion wurde später im Prozess gegen Jesus von seinen Gegnern geltend gemacht. Die sogenannte Tempelreinigung war ein wichtiger Anklagepunkt gegen Jesus.

2. Es ist aber nun interessant, wie die vier Evangelisten darüber berichten. Denn es gibt einen entscheidenden Unterschied, wie Markus, Matthäus und Lukas darüber berichten und wie Johannes darüber berichtet. Und das ist sehr aufschlussreich, auch für uns. Markus, Matthäus und Lukas, die sogenannten Synoptiker, erzählen davon, wie Jesus im Tempel aufräumt mit dem Ziel: „Mein Haus soll ein Bethaus für die Völker sein, ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.“ Es geht also darum, dem Tempel die Würde des religiösen Raumes wiederzugeben. Und natürlich dürfen da keine Geschäfte gemacht werden. Es geht also um die Wiederherstellung des Tempels als Ort des Gebetes, als sakralen Ort.

3. Das Johannes-Evangelium geht da radikal weiter geht ins Grundsätzliche, ins Theologische. Zunächst heißt es auch dort: „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle“. Doch als Jesus gefragt wird, mit welchem Recht er dies tun dürfe, wird er radikal und grundsätzlich und sagt: „Reißt diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufbauen“. Hier geht es nicht mehr um die Wiederherstellung der Würde des Tempels. Hier geht es um etwas radikal Anderes. Um Abriss. Schauen wir mal genauer hin:

4. Viele religiöse Kultstätten wie auch der Tempel von Jerusalem haben a u c h ihre Existenz der Tatsache zu verdanken, dass der Mensch verzweifelt sucht, sich mit den Göttern oder mit Gott zu versöhnen. Diese verzweifelte Suche nach Versöhnung mit der Gottheit geschieht durch das Opfer oder die opferungsvolle Anbetung. Die religiösen Kultstätten sind überwiegend Opferstätten. Oft werden Tieropfern dargebracht. Diese gab es auch im Tempel, und das nicht wenig. Täglich wurden Tiere geopfert, oft als Sühneopfer oder Sündopfer. Es gab zur Vergebung der Sünden klare Vorschriften über den Opferkult. Es ist die Suche des Menschen nach Versöhnung mit dem Göttlichen. Es ist eine verzweifelte und letztlich vergebliche Suche.

5. Jetzt verstehen wir die Aussage Jesu im Johannes-Evangelium: „Reißt diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“. Dieser ganze Kult mit den Tieropfern taugt nicht zur Aussöhnung mit Gott. Und das Johannes-Evangelium merkt nun an: „Er (Jesus) aber meinte den Tempel seines Leibes“. Darin liegt der entscheidende Unterschied des Johannes-Evangeliums zu den anderen drei Evangelisten.

6. „Er meinte den Tempel seines Leibes. Und als er von den Toten auferweckt war, erinnerten sich seine Jünger, dass er diese gesagt hatte“. Der Tempel seines Leibes ist der Leib Christi. Der Leib Christi ist für uns Christen der Ort, durch den Gott durch die Menschwerdung, also durch die Leibwerdung das Irdische mit den Himmlischen, das Zeitliche mit den Ewigen, den Menschen mit Gott verbunden und somit versöhnt hat. In Christus sind Himmel und Erde eins. Wir sagen auch: Der Leib Christi ist ein Symbol. Allerdings muss man das richtig verstehen. Der neuzeitliche Symbolbegriff ist anders als der alte Symbolbegriff. In der Neuzeit ist schon jedes Verkehrsschild ein Symbol. Symbol kommt aus dem griechischen σνμβαλλέίν und heißt „zusammenwerfen“. In einem Symbol kommen also zwei Wirklichkeiten zusammen, die sichtbare und die unsichtbare. Die sichtbare Wirklichkeit ist der Leib Christi, seine sichtbare Erscheinungsform, sein Leib, die unsichtbare Wirklichkeit ist die Wirklichkeit Gottes, die sich in diesem Leib ausdrückt. Im Leib Christi kommen also Mensch und Gott zusammen. Oder anders formuliert: Im Leib Christi sind Menschheit und Gottheit miteinander versöhnt. Der verzweifelte Versucht der Menschheit, sich mit einer Gottheit zu versöhnen, ist durch den Leib Christi, durch die Menschwerdung Gottes an sein Ende gekommen. Gott hat und mit sich versöhnt. Und zwar bis durch das Kreuz hindurch. Deshalb erinnerten sich seine Jünger nach der Auferstehung, also nachdem das Versöhnungswerk vollendet war, an die Worte Jesu: „Reißt den Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufbauen“.

7. Kirchen sind eigentlich keine Kultstätten, in denen verzweifelt um die Versöhnung mit Gott gerungen wird, sondern sind Stätten, in denen diese Versöhnung gefeiert wird und erfahren wird. Deshalb sagen wir hier auch beim Empfang des Brotes: „Leib Christi“.