Predigt am Dreifaltigkeitssonntag 2024

                                                                                        Mt 28,16-20           

26.05.2024

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir feiern heute Gott als den Dreifaltigen. „Vater, Sohn und Heiliger Geist“, eine uralte Formel. Schon im Matthäus-Evangelium haben wir sie eben gehört. Das ist ungefähr so, als hätte ein Gletscher vor Millionen Jahren einen großen Felsen mit sich geschleift und als sich das Eis zurückzog, liegt er nun da in der Landschaft, groß und unverrückbar. Wir stehen davor, bewundern ihn und wir wissen, dass er unverrückbar ist. So finden wir sozusagen diese Formel vom Vater, Sohn und Heiligen Geist vor, die aus uralten Zeiten auf uns zugekommen ist. Und wir stehen da, ehrfurchtsvoll, weil wir sehr wohl ahnen, dass da etwas Großes und zugleich Unverrückbares auf uns zugekommen ist. Aber was sollen wir damit anfangen?

2. Die Rede von der Dreieinigkeit Gottes möchte eine Brücke schlagen – zwischen Gott und Schöpfung, Gottheit und Menschheit. Und diese Brücke wird geschlagen durch Erzählungen. In der Formel „Vater-Sohn-Heiliger Geist“ steckt etwas Narratives, ein Handeln in zeitlicher Erstreckung, das man sich erzählt: Das ist Gott, den Israel auch als Vater verehrt und später von Jesus auch so genannt wird. Er hat alles ins Dasein gerufen. Er hat sein Volk geleitet durch die Jahrhunderte. Gleichzeitig ist er der Verborgene. Israel durfte sich kein Bild von ihm machen. Er ist der nicht Darstellbare, der Bildlose, der Unsichtbare. Die Erzählung geht weiter: Er bleibt nicht in seiner Bildlosigkeit und Unsichtbarkeit. Das Neue Testament wird später schreiben: „Jesus Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes.“ Gott tritt heraus aus sich und gibt sich in Christus zu erkennen. Er offenbart sich selbst. Und später werden die Christen erfahren, dass es da eine treibende Kraft gibt, die gerade in der Anfangszeit der Kirche die treibende Kraft der Kirche ist: Der Heilige Geist, das Wirken Gottes durch die Zeiten. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind also die Brücke Gottes auf die Schöpfung hin und auf den Menschen hin, eine Verbundenheit. Der Dreifaltige Gott ist diese Brücke, auf der er selbst zu uns kommt und auf der wir zu ihm kommen. Die Übergänge zwischen Jenseits und Diesseits verschwimmen. Es werden sich durchdringende Sphären geschaffen zwischen Diesseits und Jenseits. Man weiß nicht mehr genau, ob wir noch im Diesseitigen oder i schon im Jenseitigen sind und ob das Diesseitige nicht vom Jenseitigen durchdrungen ist. Das Christentum jedenfalls behauptet dies.

3. Aber Genaues weiß man nicht. Warum? Weil wir sehr vorsichtig sein müssen. Diese Vorsicht schlägt sich nieder in der Formel: „Gott, ein Wesen in drei Personen“. Die Wurzel des Personenbegriffs liegt im Theater. Personare – durchklingen. Das ist die Maske, durch die der Schauspieler klingt. Die Maske ist das nach außen Wahrnehmbare, was sich aber hinter der Maske verbirgt, bleibt unbekannt und verborgen. Die Maske ist eine Rolle, die jemand spielt. Aber sie ist nicht der Mensch hinter der Maske. Es zieht sich also durch die Gottheit ein Riss zwischen dem nach außen Gezeigten und dem versteckten inneren Wesen. Das heißt: Wir geben Gott, der sich nach außen zeigt, Namen. Die Rede von Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist ist theologische Begriffsbildung. Wir benennen die Rollen, die Masken, das, was von Gott nach außen sichtbar geworden ist in den Geschichten, die wir über ihn erzählen. Wir benennen das, wie sich Gott uns zeigt. Wir benennen jene Brücke, die die Gottheit auf uns selbst ist. Dabei benutzen wir Formeln. Aber es geht nicht um Formeln, sondern um den Vorgang des Gotteseinbruchs in unsere Welt. Die Formeln beschreiben ein Handeln Gottes an uns. Das ist in den Blick zu nehmen, nicht die Formel. Deshalb müssen wir vorsichtig sein. Gott erschöpft sich nicht in den Formeln. Er verbirgt wie hinter einer Maske hinter den Formeln.

4. Das heißt: Die Gottheit zeigt sich und zugleich verbirgt sie sich. Jede Offenbarung öffnet und die Augen und macht uns gleichzeitig blind. Jede Offenbarung ist hell und gleichzeitig dunkel. Die Menschen haben immer wieder über Jesus die Frage gestellt: „Wer ist dieser?“ Sie ahnten: Da ist jemand, durch den sich Gott zeigt, und konnten doch Gottes Wesen nicht sehen. Wir spüren, wie der Heilige Geist seine Kirche treibt, und haben keine Ahnung, was genau das heißt und ob es wirklich Gott ist.

5. Das heißt also: Dieser Gott ist nie wirklich nur einer: Er ist gleichzeitig der sich Offenbarende und der Verborgene, und indem er sich zeigt, auch der Wirkende. Verborgenheit, Offenbarung, Wirken – Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Brücke aus der Ewigkeit.

Franz Langstein