St. Johannes Evangelist, Kugelkirche

19.11.2017

Predigten am 33. Sonntag im Jahreskreis A



Liebe Schwestern  und Brüder!

1.         Wir waren zu Hause drei Brüder. Und die schönsten Abende waren die, an denen unsere Eltern sagten, dass sie nicht da seien, sondern   weg müssten und erst spät abends wieder kommen würden. Sturmfreie Bude. Das war großartig. Im oberen Stock, da wo wir unsere Kinderzimmer hatten, gab es einen großen Flur, lang und breit genug, um Fußball zu spielen. Anschließend wurde der Fernseher angedreht. Herrlich. Keine elterliche Ordnungsmacht war da, niemand der aufpasste. Ein Gefühl von Freiheit. Daran musste ich denken, als ich im heutigen Evangelium las: „Mit dem Himmelreich ist wie mit   einem Mann, der auf Reisen ging.“ Was für ein Gefühl für die Diener. Ihr Herr geht auf Reisen, keine Obrigkeit mehr da, keine Ordnungsmacht: Was machen sie damit?

 

2.         Es geht also tatsächlich um Freiheit in diesem Gleichnis. Aber genau damit geht es um etwas, was einerseits ein ganz kostbares Gut menschlichen Lebens ist, andererseits ist die Freiheit des Menschen auch etwas, was menschliches Leben gefährdet und scheitern lassen kann. Wegen seiner Freiheit ist der Mensch auch so gefährdet. Deshalb halten Menschen die Freiheit nicht immer aus; sie rufen nach dem „starken Mann“, der es richten soll; unterwerfen sich Ideologien und lassen sich im blinden Gehorsam entmündigen. Das gilt auch religiös. Und davon handelt das Gleichnis: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging“. Übersetzt: Gott macht sich rar, Gott mischt sich nicht ein. Gott hält sich raus. Ist das nicht die Erfahrung vieler Menschen? Gott, wo   bist Du? Warum hältst Du Dich fern? Warum tust Du nichts? Aber auch umgekehrt: Gott ist tot, er ist weg; jetzt können wir machen, was wir wollen. Keine Angst mehr vor der Hölle? Keine Ordnungsmacht? Gott, der große Aufpasser und Richter ist endlich abgeschafft. Er ist auf Reisen gegangen.

 

3.       Wir müssen das ernst nehmen, was hier im Gleichnis steht: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging“. Er mischt sich nicht ein, er ist fort, aber genau dadurch schenkt er den Dienern vollkommene Freiheit und völlig freien Handlungsspielraum. Man kann auch sagen: Er schenkt ihnen Vertrauen. „Hier, hier habt ihr meine Talente; ihr werdet schon was draus machen.“ Das ist wohl die Erfahrung der ersten Christen: Sie hatten erwartet, dass Christus bald wiederkommen würde als Richter, um die Welt zu richten und zu retten. Deshalb lebten die ersten Christen sehr überzeugend. Dann aber kam er nicht. Jahrelang nicht, Jahrzehntelang nicht. Es sprach sich rum. Kommt er überhaupt bald? „Mit dem Himmelreich ist es wie mit   einem Mann, der auf Reisen ging.“ Christus schien verreist.

 

4.           Aber genau das ist auch eine Gefahr. Die Diener   können jetzt machen, was sie wollen. Und genau das ist auch die Angst vor der Freiheit. „Ja, da kann ja jeder machen, was er will! Wo kommen wir dahin?“ Also wird schnell ein enges Korsett gebastelt, ein Regelwerk, das alles bis ins Kleinste regelt, nach einem starken Mann gerufen, der sagt, wo es lang geht; und schon ist die Freiheit dahin. Sind wir überhaupt zur Freiheit fähig? Genau das ist die Frage des Evangeliums: Sind wir auch zu einer religiösen geistlichen Freiheit fähig? Oder brauchen wir auch religiös ein strenges Regelwerk, einen starken Mann, der alles regelt? Oder einen Gott, der   mit strengen Augen über uns wacht? Oder einen Gott, der uns sagt, was wir tun sollen? Sind wir zu einer geistlichen Freiheit fähig oder würden wir in dieser gewährten Freiheit abrutschen in Willkür, Beliebigkeit und Anarchie? Es gibt keinen Gott. Er ist weg. Jetzt rückt die Moral in den Mittelpunkt. Sie muss vernünftig begründet werden. Er Mensch handelt nicht mehr gut aus Freiheit, weil er ein guter Mensch ist, er handelt gut, weil es ihm die Vernunft gebietet.

 

5.       Das ist die Gefahr der Freiheit. Wir wissen das, die Kirche weiß das. Deshalb traut man den Menschen nicht. Wir trauen uns offensichtlich weniger als der Herr im Gleichnis: „Er rief seine Diener und vertraute ihm sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinem Vermögen.“ Dieser Herr hat offensichtlich ein großes Vertrauen zu seinen Dienern. Denn was er ihnen anvertraut, ist ein Riesenvermögen. Selbst der, der nur ein Talent bekommt, bekommt sehr, sehr viel. Ein Talent sind 6000 Denare. 30 Denare entsprechen einem Monatslohn eines Arbeiters. Ein Talent ist also das 200fache eines Monatslohns. Also der Herr hat großes Vertrauen zu den Dienern. Er traut ihrer Freiheit. Er vertraut darauf, dass sie sein Vertrauen nicht enttäuschen werden.

 

6.       Und beflügelt durch dieses Vertrauen fangen sie an zu wirtschaften und ihr Leben bekommt in dieser Freiheit eine tiefe Erfüllung und Bereicherung. Ihr Leben erfährt wirklich eine Bereicherung, sie verdoppeln das ihnen Anvertraute. Bis auf einen: Als dieser Diener dann zur Rechenschaft gezogen wird, sagt er bezeichnenderweise: „Weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt.“ Er hatte Angst vor dieser Freiheit, er hatte Angst, etwas falsch zu machen, er hatte Angst, Gott könnte ihn bestrafen, wenn er seine Freiheit gebraucht. Der Herr bräuchte ihn gar nicht mehr in die äußerste Finsternis zu schicken; Menschen, die Angst vor sich selbst haben, Angst vor ihrer Freiheit, Angst vor Gott,   also, die sich einen Gott wünschen, der klare Anweisungen und Regeln gibt, solche Menschen leben in ihrer Angstbesessenheit schon längst im Finstern. Deshalb müssen sie alles als sündig und gottwidrig bezeichnen, was sich Freiheit herausnimmt. Sie müssen sich nur mal die einschlägigen Internetseiten der Piusbrüder durchlesen, dann sehen sie, wie viel Hass den religiös Liberalen von dieser Seite entgegenschlägt.

 

7.       Was also sagt uns das Gleichnis? Es ist ein Plädoyer für die geistliche Freiheit. Sie ist der größte Reichtum des Menschen auch vor Gott. Er   hat uns Talente anvertraut; das ist sehr viel. Er ist verreist und wird so schnell nicht wiederkommen. Aber in der Zwischenzeit ist uns das Himmelreich anvertraut. „Mit dem Himmelreich ist es wie…“ Geistliche Freiheit heißt   also nun, Mitarbeiter der Gnade   zu sein, ja selbst Gnade hervorzubringen, Liebe Gottes hervorzubringen, das uns Anvertraute zu vermehren.   Er schenkt uns die Freiheit, mit der Gnade Gottes, die wir selbst empfangen haben, zu wirtschaften; mit der göttlichen Liebe, die wir empfangen haben, zu wirtschaften, jeder auf seine Weise. Mutig, auch experimentierend. Der größte Feind dieser Freiheit ist die Angst. Wir müssen nur einmal beobachten, wie ängstlich einige Bischöfe reagieren: „Wir können doch nicht über alles reden! Wo kommen wir dahin, wenn Glaubensdinge zur Diskussion gestellt werden? Wir sind doch keine Demokratie!“ Was hindert uns daran, mit den uns anvertrauten Talenten zu arbeiten? Letztlich ist Gott selbst uns anvertraut worden.

 

8.       Jetzt feiern wir Eucharistie. Wir feiern einen Gott, der sich mit uns an den Tisch setzt, voll Vertrauen und Freundschaft zu uns. Wir haben keinen Grund, vor Gott und unserer Freiheit Angst zu haben.


   Franz Langstein



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