St. Johannes Evangelist, Kugelkirche

22.04.2018

Predigt am 4. Ostersonntag B18

Joh 10,11-18

Liebe Schwestern und Brüder!


Das Bild vom Hirten und seiner Herde. Mir fällt da immer ganz unwillkürlich ein Bild ein, - im Nazarener Stil -, das im Schlafzimmer meiner Eltern hing: Jesus als der gute Hirt, der verträumt in die Gegend schaut, und ein Schaf in seinen Armen, dass ebenso verträumt sich vertrauensselig hingibt. Ich fand das eigentlich immer schon sehr kitschig, weil es mir schien, dass es den Ernst der Existenz eines Hirten mit seinen Schafen dermaßen romantisiert, dass es einfach nur noch nichtssagend war. Aber ich glaube, dass auch Menschen, die nicht mit diesen Bildern im Nazarener Stil groß geworden sind, Ihre Probleme haben mit dem Bild vom Hirten und seiner Herde.


Es hat etwas Entmündigendes an sich. Die Hirten, die Bescheid wissen, und die Schafe, die irgendwie doch die „dummen Schafe“ sind. Die Hirten, die den Weg kennen, und die Schafe, die nicht wissen, wo es lang geht. Lange hat dieses hierarchische Modell das Denken der Kirche geprägt. Ich erinnere mich an einen Studenten bei unseren Vorlesungen, der immer, wenn es kritisch wurde, fragte: „Und was sagt Rom dazu?“ Sich des eigenen Verstandes zu bedienen, haben Kant und die Aufklärer gefordert. Und wir leben im Zeitalter der Aufklärung. Da ist ein solches Bild vom Hirten und den Schafen nur schwer zugänglich.


 Aber auf der anderen Seite: Ist der Mensch wirklich so aufgeklärt, dass er ganz und gar allein Verantwortung für sein Leben übernehmen möchte? Wird nicht wieder nach den starken Männern gerufen, die einem sagen, wo es lang geht? In Amerika, in der Türkei, in Russland, in Polen, in Ungarn? Auch in der Kirche? Der Papst soll doch mal…., die Bischöfe müssen doch endlich…?  Hermann Kurzke, deutscher Literaturprofessor, hat schon 2003 festgestellt: „Kants Mündigkeitspostulat so utopisch… Ja, Mündigkeit ist anstrengend. Nur wenige Menschen wollen wirklich mündige Subjekte sein. Viel stärker als der Wille, sich seines Verstandes ohne Leitung eins anderen zu bedienen, ist die Sehnsucht nach einer Autorität, die einem sagt, was man tun soll. Viele haben ja auch keine wirkliche Chance, soll man es ihnen da übelnehmen, wenn sie die Herde vorziehen? Sie lieben den Pferch mehr als die unendlichen Weiten des Himmels. Durchschnittlich ist der Mensch lieber Schaf als Adler.“ Also, stimmt es doch wieder das Bild vom Hirten und der Herde? Ja, vielleicht ist es auch so, dass man auch in der Religion jemanden braucht, den man sich anvertrauen kann, weil er die Wahrheit verkündet, die man nicht immer selbst sich erarbeiten möchte. Vielleicht glauben das auch unsere Bischöfe, wenn sie vorzugeben meinen, wer zur Kommunion gehen darf und wer nicht, obgleich viele mündige Christen hier schon längst ihre Entscheidung getroffen haben.


  Mir hat sich das Bild vom Hirten und den Schafen noch mal ganz anders erschlossen, als ich im Fernsehen eine kurze Dokumentation über einen Hirten gesehen habe. Er war vorher ein erfolgreicher Grafikdesigner, der aber darin keine Erfüllung fand und sich entschloss, Hirte einer Schafherde zu werden. Und, so sprach voll Überzeugung, wie sehr er Erfüllung fand. „Wenn ich mal nicht gut drauf ist“, so sagte er, „und ich bin dann bei meiner Herde, dann kommen die Schafe zu mir, und ich fühle mich getröstet. Das sind dann so Augenblicke, an dem ich glücklich bin, Hirte geworden zu sein.“ Wissen Sie, was mir da in den Sinn kam? Ich habe da nicht mehr nachgedacht über Mündigkeit, über den Hirten als den wissenden Führer und die unwissenden Schafe; ich habe nicht mehr in diesen Machtkategorien gedacht, mit denen man das Bild von den Hirten und Schafen gerade im religiösen Kontext gerne deutet, sondern ich habe plötzlich einen ganz anderen Blick eingenommen: Der Mann war vorher erfolgreicher Grafikdesigner und wechselt diesen Beruf, weil er als Hirte mehr Erfüllung fand. Wenn Jesus nun von sich sagt: Er sei der gute Hirt, ist es dann nicht auch so? Er, der bei Gott war, hielt nicht daran fest, Gott zu sein, sondern entäußerte sich, so lesen wir in der Bibel. Ob Gott auch erst seine Erfüllung findet, wenn er bei den Menschen ist? Ob der Hirte die Herde nicht braucht, damit er glücklich ist? Das ist sehr menschlich gesprochen. Aber in einem Gebet heißt es: „Es ist deine Freude, Gott, bei den Menschen zu wohnen“. Und im Fernsehen sagte der Hirte weiter: „Die Schafe und ich, wir passen gut zusammen.“ „Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich“, heißt es im heutigen Evangelium. Gott und wir Menschen, wir passen gut zusammen. Und noch ein Satz aus dem Munde dieses Hirten aus dem Dokumentarfilm: „Eine Schafherde zu haben ist das Versprechen, immer da zu sein, wenn sie einen brauchen“.


 Kann man das nicht auch von Gott sagen? Eine Schöpfung geschaffen zu haben bedeutet das Versprechen, dass diese in Ewigkeit nicht verloren gehen wird. Und für dieses Versprechen stand Gott in seinem Sohn Jesus Christus ein. Deshalb ist Christus der „Gute Hirt“.  


                                                                                                                                                                                             


   Franz Langstein



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