St. Johannes Evangelist, Kugelkirche

Predigt am 2. Advent Lesejahr C22

Lk 3,1-6

05.12.2021

Liebe Schwestern und Brüder!

1.  Es gibt eine verbreitete religiöse Auffassung, die der Meinung ist, das Religiöse, der Glaube an Gott gehöre eher dem Geistigen an als dem Materiellen, sei eher zeitlos als geschichtlich, es sei eher ortlos als an Orte gebunden. Das Religiöse sei eine Sache des Herzens, des Ideellen. Gott sei eben überall, nicht an Orte gebunden, und Gott sei zu allen Zeiten, immer, nicht an bestimmte Zeiten gebunden. Diese Auffassung mag nicht verkehrt, ist aber – christlich betrachtet – nur die halbe Wahrheit. Denn das heutige Evangelium überrascht mit einer ganz anderen Auffassung.


2. Hier beginnt das Heil geschichtlich klar verortet, in Raum und Zeit. „Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius.“ Das ist mal eine klare Zeitangabe. Tiberius tritt die Nachfolge des Kaisers Augustus am 19. August 14 n. Chr. an. Demnach ist das fünfzehnte Jahr also mit dem 19. August 28 bis zum 19. August 29 zu datierten. Ausgerechnet hier, in diesem Jahr, beginnt die Geschichte des Heils mit dem Vorläufer Johannes und seiner Predigt. Warum nicht 1000 Jahre früher oder 100.000 Jahre später. Nein, ausgerechnet im Jahre 28 oder 29. Und warum bricht das Heil nicht überall aus, sondern in jenem Gebiet, in denen solche Leute regierten wie: „Pontius Pilatus war Statthalter von Judaä, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Phippus Tetrarch von Ituräa und Trachonotis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas.“ Klare Ortsangaben, klare Zeitangaben. Ausgerechnet dann und da beginnt mit dem Auftreten Johannes des Täufers die Ankündigung Jesu, d.h. das Öffentlich werden Jesu als Messias. Nein, das Christentum ist keine ideelle, abstrakte, geistige Religion, sie ist ganz und gar geschichtlich, und damit konkret. Der Ewige offenbart sich selbst in seinem Sohn Jesus Christus zu einer bestimmten Zeit und der Allgegenwärtige wird konkret erfahrbar an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit. Hier und jetzt, nicht überall und immer. Konkret, nicht abstrakt ist Gott erfahrbar. Gott, der ewige und allgegenwärtige, hat sich um unsertwillen geschichtlich gemacht. Geschichtlich gemacht heißt dann aber auch: Er hat sich in unsere Geschichte hineinbegeben.


3. Und schauen wir uns doch mal die Typen an, die da genannt sind: Pontius Pilatus, der römische Statthalter in Judäa: Historische Quellen beschreiben ihn als überaus harten und provozierenden Prokurator. Und dann sind da die Tetrarchen Herodes Antipas, Philippus und Lysanias genannt. Zeitgenössische Quellen heben lediglich Philippus als wohltuenden Regenten hervor, der sich in seinem Regierungsstil deutlich absetzt von den anderen. Und dann sind da zwei Hohepriester genannt, Hannas und Kajaphas. Das lässt aufhorchen: Normalerweise gibt es nur einen Hohenpriester. Aber Lukas hat das in seinem Evangelium messerscharf beschrieben: Kajaphas war der offizielle Hohepriester, Im Hintergrund wirkte aber sein Schwiegervater Hannas, welcher fünf seiner Söhne und seinen Schwiegersohn Kajaphas in den Besitz der Hohepriesterwürde brachte. So sicherte Hannas seiner Familie nachhaltig politischen Einfluss, Macht und Geld. Es ging nicht um Religion, wie man bei einem Hohepriester vermuten könnte, es ging um Macht, Geld, Einfluss. Und in diese Geschichte voller Machtinteressen, Korruption und Gewalt – „da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias.“ Hier und jetzt.


4. Das ist das Wertvolle, wenn das Christentum behauptet, dass das Christentum geschichtlich ist; das heißt: Gott wird in Raum und Zeit erfahren, ganz konkret. Selbst in dunkler Geschichte, selbst dort, wo Gewalt, Macht und Korruption eine Gesellschaft beherrscht: Gott bleibt konkret, gebunden an die Zeit und Ort. Das ist auch tröstlich: Wenn Gott abstrakt wäre, also immer und überall, dann ist das so viel wie nie und nirgendwo. Zwischen „Immer und Überall“ und „Nie und Nirgendwo“ gibt es kaum einen Unterschied. Aber wenn wir sagen, dass Gott in Christus geschichtlich geworden ist, als konkret geworden ist, dann können wir ihn im Konkreten erfahren. Und zwar im konkreten Leben: In Ihrem wie in meinem. In der Geschichte unseres Lebens. In der Zeitlichkeit und Ortsgebundenheit unseres Lebens.


5. „Alle Wege führen zu Gott“, das ist wieder so ein abstrakter Satz. Konkret wird der Satz, wenn man sagt: „Gott findet seinen Weg zu mir in den Ereignissen und Begegnungen meines Lebens“. Und er findet seinen Weg zu mir an den Orten und Zeiten – wieder ganz konkret – an denen er selbst in konkreten Zeichen erfahrbar wird: In der Taufe feiert der Mensch das Hineingetaucht sein in die Ewigkeit und Geborgenheit Gottes. Man kann immer allgemein sagen: „Ich bin Kind Gottes“. Ja, das stimmt. Aber ich kann konkret sagen: Am 25. Juli 1958 wurde ich im Marienkrankenhaus in Kassel getauft und aufgenommen in den geheimnisvollen Leib Christi, der mich nährt und beseelt. Ich kann immer sagen: Gott ist überall und auch in der Natur erfahren werden. Ja, das stimmt: Aber ich kann konkret sagen: Nur hier in der Kirche, am Sonntagmorgen, heute dem 5. Dezember um 11.00 Uhr begegne ich den durch Christus sich in unsere Geschichte hineingesenkten Gott, konkret in Wort und Sakrament. Ganz geschichtlich konkret. Deshalb ist unser Gott in Christus so menschlich geworden, weil er nicht jenseits unsers Lebens nur ideell als abstrakte Größe angebetet werden will, sondern sich um unsertwillen konkret erfahrbar gemacht hat. Ja, das Christentum verkündet eine geschichtliche und konkrete, und deshalb so konkrete Botschaft.

Franz Langstein



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