St. Johannes Evangelist, Kugelkirche

09.07.2017

Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis A



Mt 11,25-30

Liebe Schwestern und Brüder!

1.     Vor etwa einem halben Jahr erhielt ich einen Anruf aus meiner früheren Kirchengemeinde. Dort war ein Mann verstorben, den ich gut kannte. Und die Kirchengemeinde bat mich, ob ich ihn nicht beerdigen könnte. Der jetzige Pfarrer, mein Nachfolger, wäre damit durchaus einverstanden. Warum war es der Wunsch der Kirchengemeinde, dass ich diesen Mann beerdigen sollte? Der Grund war, dass wir als Kirchengemeinde damals diesen Mann förmlich aus der Gosse gezogen haben. Immer wieder stark alkoholabhängig, arbeitslos, verwahrlost, obdachlos, hatte er sich an uns gewandt. Und es gelang der Kirchengemeinde, ihm das zu geben, was solchen Leuten oft fehlt: Anerkennung und Wertschätzung. Er fühlte sich wohl bei uns. Er verrichtete einige Hausmeistertätigkeiten und war immer wieder im Gottesdienst zu sehen. Nicht alle freilich haben das verstanden. Ich erinnere mich an eine Frau, die mir sagte: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, wen Sie da eigentlich beschäftigen?“ Nun ja, diese Frau hat vom Leben Jesu nicht viel verstanden. Wie auch immer. In der Tat war das alles nicht so einfach mit ihm. Immer wieder kam es zu Rückfällen, was den Alkoholkonsum betraf. Dann fiel er wieder für Wochen aus. Beschaffungskriminalität gesellte sich dann hinzu. Gefängnisstrafen drohten. Aber immer wieder kehrte er zurück zur Kirchengemeinde. Suchte unsere Nähe. Weil er vielleicht etwas spürte, was er woanders nicht bekam.


2.    Und nun war der Mann gestorben. Und die Gemeinde bat mich, ob ich nicht das Requiem und die Beerdigung machen könnte. Ich habe sofort zugesagt. Es war mir ein Herzensanliegen. Und ich habe mir überlegt, welchen Text könnte ich im Requiem zugrunde legen und darüber predigen? Und mir fiel genau der Text ein, den wir eben gerade hörten: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ - Spüren Sie, wie dieser Satz in so einem Zusammenhang plötzlich zu klingen beginnt? „… die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt.“ Und wie hat er sich abgeplagt, den ich da beerdigt habe. Immer wieder hat er versucht, wegzukommen von alten Süchten – und immer war er wieder rückfällig geworden. Immer wieder lechzte er nach Anerkennung – und trotz großen Einsatzes blieb er oft genug der „Penner“. Immer wieder hat er versucht, auf einen grünen Zweig zu kommen, und immer wieder brach der Zweig ab. Immer wieder hat er versucht, seinem Leben doch noch einen Sinn abzugewinnen und von diesem Sinn getragen zu werden oder Erfüllung zu finden und immer wieder erfuhr die Sinnlosigkeit seines Daseins. „… die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Was für ein wunderbarer tröstender Satz für  so einen Menschen.


3.    Ich habe sehr gern dieses Requiem in meiner früheren Kirchengemeinde gefeiert. Warum? Weil es mir ein Anliegen war, auf etwas ganz Wesentliches hinzuweisen. „Wir sollten dankbar und froh sein“,  so sagte ich in meiner Predigt beim Requiem, „dass wir ihn in unserer Mitte hatten. Er war für uns ein Beispiel, dass die Gnade Gottes auch dann noch mächtig ist, wenn ein Mensch auf keinen grünen Zweig kommt. Er war für uns ein Beispiel, wie tief und weit die Liebe Gottes reicht – trotz Versagens und immer wieder Hinfallens.“


4.    Und da sind wir plötzlich beim Anfang des heutigen Evangeliums: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“, spricht Jesus, „weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ Mit „Weisen“ und „Klugen“ sind die gemeint, die über Gott Bescheid wissen. Es sind die gemeint, die genau wissen, was zu tun und zu lassen ist, damit Gott einen liebt oder einem seine Gnade schenkt. Es sind die gemeint, die also anderen und auch Gott Vorschriften machen, was zu tun und zu lassen ist, damit man in der Liebe Gottes bleibt. Diesen „Weisen“ und „Klugen“ bleibt die Gnade Gottes verborgen. Sie werden nie erfahren, was Barmherzigkeit heißt, weil sie  diese nie nötig haben. Denn sie sind ja so „superfromm“. Den „Unmündigen“ aber wird Barmherzigkeit und Gnade offenbart. Mit „Unmündigen“ sind eben nun die gemeint, die vor der Unbegreiflichkeit Gottes kapituliert haben. Sie stehen vor Gott mit leeren Händen; ehrfürchtig stehen sie vor seiner Unbegreiflichkeit und Heiligkeit. Oft ist ihnen Gott dunkel, verstehen ihn nicht, haben viel mehr Fragen als Antworten. Das Schweigen, die Stille, das Staunen ist ihr Markenzeichen. Sie wissen um ihre Unzulänglichkeit, leiden darunter,  haben Schuldgefühle, aber dennoch verzweifeln sie nicht, sondern haben im letzten Winkel ihres Herzens eine Hoffnung auf Erlösung und Gnade und Erbarmen. „Ich werde euch Ruhe verschaffen.“


5.    Und  worin besteht diese unbegreiflich große Gnade? „Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will“. Da sind wir beim Größten angekommen, was Gnade heißt: „Dem es der Sohn offenbaren will“. Gnade ist die Offenbarung der Liebe und des Erbarmens Gottes, die ich für mich dankbar annehmen darf.  Und dieses kann nur den Unmündigen offenbart werden. Denn die anderen brauchen keine Gnade, da sie aus eigener Kraft vor Gott gut genug sind. Und dann schließt sich der Kreis: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Diese Ruhe, die Christus allen Mühseligen und Beladenen schenkt, ist das Vertrauen, das wir  haben sollen, dass uns trotz aller unserer Unzulänglichkeit eine ganz große Gnade und Liebe geschenkt ist.


6.    Ja, es ist ein Segen, wenn es in den Kirchengemeinden solche Menschen gibt wie den, den ich da beerdigt habe. Sie zeigen uns auf, was es Gnade heißt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“

   Franz Langstein



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