St. Johannes Evangelist, Kugelkirche

Predigt am Palmsonntag 2020 

 

Mt 21,1-11

05.04.2020

Liebe Schwestern und Brüder, 

1.     Stellen Sie sich einmal einen großen Jubelruf vor: Etwa damals, 2014, als Mario Götze die deutsche Nationalmannschaft zum Weltmeister schoss. Oder den Jubel beim Fall der Mauer 1989. 

Wir dürfen uns ganz Ähnliches beim Empfang Jesu in Jerusalem vorstellen. Das waren keine liturgisch gezähmten Jubelrufe. Das war Ekstase; hier brach sich eine alte Hoffnung bahn. Es kam jene Freude endlich heraus, die man empfindet, wenn nach langer Knechtschaft jemand kommt und Befreiung verkündet. Es war ein Jubel, weil sich mit Christus endlich uralte Sehnsüchte und Erwartungen erfüllen sollten. Es war ein Geschrei, ein Singen, ein Durcheinander. Nichts liturgisch fein Geordnetes, so wie wir in der Regel am Palmsonntag den Einzug Jesu nachempfinden.

 

Was erwarteten sie von ihm? Vielleicht die Befreiung aus der Knechtschaft der Römer? Vielleicht die Wiederherstellung Israels? „Hosanna, dem Sohne Davids“. Ist das die Hoffnung, dass er das davidische Reich wiederherstellen würde? Warum jubeln sie ihm zu? Weil sie Geschichten von Wunderheilungen gehört hatten und nun selbst hofften, dass Jesus ihre Krankheiten hinweg nehmen würde?

 

Was erwarten wir von Jesus? Was erwarten wir – gerade in Zeiten von Corona – von Jesus? Soll er jetzt sich als der große Wunderheiler zeigen? Können wir so etwas ernsthaft erwarten? In der Tat: jetzt schlägt wieder die Stunde der Wunderheiler, die vorgeben im Namen Jesu zu heilen: In Malawi hat ein selbsternannter Prophet einer Freikirche das Virus als Teufel identifiziert, und er treibt diesen Teufel aus mit den Worten: „Ich stehe hier und befehle diesem Dämon herauszukommen. Du wirst verschwinden im Namen Jesu“. Woanders bezeichnet man die Corona-Pandemie als Strafe Gottes. Und man macht alle möglichen religiösen Bußübungen, um die Strafe abzuwenden und Gott umzustimmen. Woanders führt man eucharistische Prozessionen durch die Straßen durch, in der Erwartung, dass das Allerheiligste mit seiner mächtigen Ausstrahlung das Virus vertreibt. Magische, archaische, ja heidnische Gottesvorstellungen feiern fröhliche Urständ.

 

Ich möchte das nicht weiter ausführen. Es hängt mit unseren Gottesvorstellungen zusammen. Heute – wie damals.

Die jubelnde Menge von Jerusalem: Hosanna dem Sohne Davids. Welche Erwartungen haben sich mit diesem Satz verbunden? Und diese Erwartungen sind alle bitter enttäuscht worden. Fünf Tage später hängt er, dem sie eben noch zujubelten, wie ein Verbrecher am Kreuz. Nichts wars mit der Errettung aus römischer Herrschaft, nichts wars mit Heilungen und Wundern. Bittere Enttäuschung! Die Emmaus-Jünger sollten das später zum Ausdruck bringen: „Wir aber hatte gehofft, dass er der sei, der uns erretten werde“. Hoffnung und Erwartungen an Gott wurden bitter enttäuscht.

 

Aber ist es tatsächlich so? Sind wir von Gott enttäuscht, weil er offensichtlich nichts gegen die Epidemie unternimmt? Überhaupt grundsätzlich nichts gegen Leid und Gewalt unternimmt? Sind wir wirklich von Gott enttäuscht oder sind wir vielmehr von einer Vorstellung enttäuscht, die wir uns von Gott machen? Wenn ich mir Gott vorstelle als den Allmächtigen über den Wolken, der gleichsam einem Puppenspieler die Welt nach seinem Willen tanzen lässt, dann habe ich freilich ein Problem damit, warum die Welt so falsch tanzt. Versagt der Puppenspieler? Kann er es nicht richtig?

 

Nein, nicht Gott hat mich enttäuscht, sondern meine Vorstellungen von Gott haben mich enttäuscht. Das ist wie bei einer Beziehung zwischen zwei Menschen: Am Anfang ist das der Traummann oder Traumfrau. So hat man sich immer den anderen Menschen vorgestellt. Aber irgendwann merkt man, dass der andere ja gar nicht meinen Vorstellungen entspricht? Hat mich jetzt der andere enttäuscht? Nein, ich bin vielmehr von meinen Vorstellungen enttäuscht worden. Der andere ist ja gar nicht der Traummann, die Traumfrau. Und jetzt kann ich beginnen, den anderen Menschen so zu lieben, wie er ist und nicht so, wie ich von ihm geträumt habe. Jetzt beginnt die wahre Liebe. Den anderen Menschen als ihn selbst zu lieben.

 

Bei Gott ist es ähnlich: Wir müssen notwendig von unseren Gottesvorstellungen enttäuscht werden, damit wir Gott lieben lernen, wie er ist und nicht, wie ich ihn gerne hätte. Der Kreuzestod Christi ist die große Enttäuschung all unserer Gottesvorstellungen, in der Machtfantasien mitschwingen. Der große Mystiker des Mittelalters, Meister Eckhard, hat einmal gesagt: „Die meisten Menschen lieben Gott so, wie man eine Kuh liebt. Man liebt die Kuh um der Milch willen“. Viele Menschen lieben Gott, weil sie hoffen, er gebe ihnen etwas: Gesundheit, Macht, Heilung usw. Es ist gut, dass diese Gottesliebe enttäuscht wird.

  Nein, Gott kann gar nicht etwas geben. Denn er hat nichts. Er hat nur sich selbst. Also kann er auch nur sich selbst geben. Und der Karfreitag wird uns zeigen, was es bedeutet: Gott gibt sich selbst. Er gibt sich selbst hinein in unseren Tod, in unseren Hass, in unserer Gewalt, in unser Sterben. Und indem er sich so hineingibt in unser    g a n z e s     Leben, sind wir untrennbar mit ihm verbunden. Nein, Gott wird uns nicht enttäuschen, nur unsere Gottesvorstellungen enttäuschen uns.

Franz Langstein



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