St. Johannes Evangelist, Kugelkirche

17.06.2018

Predigt am 11. Sonntag B18

Mk 4, 26-34

Liebe Schwestern und Brüder!

1.      „Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Mann, der Samen auf seinen Acker säte.“ Und: „Das Reich Gott kann man vergleichen mit einem Senfkorn. Es ist das kleinste aller Körner und wächst zu einer großen Staude.“ Man kann diese Gleichniserzählungen Jesu unter die Überschrift stellen: „Alles fängt einmal klein an“. Das gilt für alles. Das gilt für den unendlich scheinenden Kosmos genauso für alles, was lebt. Auch für unser Leben. Auch wir fingen klein an; ganz klein.   
 
2.        Gilt das aber auch für unser geistliches Leben? Für das Wachsen im Religiösen und in der Gotteserkenntnis? Man kann das vermuten. Denn Jesus sagt: „Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Mann, der Samen auf seinen Acker säte“. „Mit dem Reich Gottes“, also mit dem geistlichen Leben. Auch das fing bei mir und bei Ihnen einmal klein an. Wir, wohl die meisten unter uns, wurden als Babys oder kleine Kinder getauft. Ich war bei meiner Taufe drei Tage alt. Alles fing einmal klein an. Wenn ich das wörtlich nehme: „Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Mann, der Samen auf seinen Acker säte.“ In der Taufe hat haben wir genau das gefeiert: In mir ist ein Same hineingelegt, der darauf wartet, aufzugehen und zu wachsen: Der Heilige Geist. Das göttliche Leben in uns.
 
3.      Und dieses göttliche Leben ist erst einmal ganz klein und kindlich in mir. Als mein Opa starb, hatte ich damit keine Probleme: Opa ist im Himmel. Alles ist gut. Der Glaube war ein Urvertrauen in das Leben. Alles ist gut. Gott lässt die Ernte wachsen. Er sorgt für uns. Es war einfach, an einen Gott zu glauben, der sich um einen kümmert; man sah noch nicht das Theodizeeproblem: Was ist aber mit den Menschen, die ungerechterweise sterben? Kümmert er sich da nicht? Es war ein einfacher, schöner, vertrauensvoller, nicht kaputtdiskutierter Glaube. Das ändert sich, wenn man Jugendlicher wird. Der Samen, der in einem grundgelegt ist, will ja wachsen; will aus dem Anfangsstadium heraus. Die Jugendzeit stellt Fragen: Ist Opa wirklich im Himmel? Gibt es den Himmel überhaupt? Lässt Gott wirklich alles wachsen? Oder wächst das alles nicht von selbst? Sorgt Gott wirklich für uns? Warum verhungern dann Kinder? Die erlernten Kindergebete waren nur noch peinlich. Der kindliche Glaube muss herauswachsen zu einem Erwachsenenglauben. Dies heißt auch: es kommt zu einer Glaubenskrise. Krise aus dem Griechischen „Krisis“ im Sinne einer Zuspitzung, Entscheidungssituationen, Wendepunkte. Nicht alle bestehen diese Krise. Viele werfen ihren Glauben ganz weg. Vielleicht fehlt es ihnen an erfahrenen religiösen Lehrern und Vorbildern. Aber diese Krise ist eine Krise, die den in uns hineingelegten Glauben zum Wachsen bringen will. In der Zeit dieser Krise liegt nun auch das Sakrament der Firmung. Es will zur Reife einer Entscheidung führen. Aber egal: „Der Samen wächst, und der Mann weiß nicht, wie“. Wir haben nicht immer alles im Griff. Das Wachstum geschieht auch ohne uns. Wir wissen nicht immer wie. „Glaubend gehen wir unseren Weg, nicht schauend“, sagt Paulus. Alles im Vertrauen. Dieses Vertrauen wird nun immer wichtiger. Man lernt, immer weniger von Gott zu wissen. Also bleibt einen nur das Vertrauen übrig.
 
4.      Und das Wachstum geht weiter. Es kommt die erste Liebe. Die tiefe, plötzliche Erfahrung, dass ich um meiner selbst willen geliebt werde. Ich spiele zwar noch den Gockel, indem ich meine, dass Rasierwasser, Haargeel, Können, Leistung, Prahlerei der Grund sein könnte, geliebt zu werden. Aber irgendwann kapiere: Ich werde um meiner selbst willen geliebt. Das ist eine großartige, auch religiöse Erfahrung. Weil Gott mich genauso liebt. Die Liebe kann zu einer Ahnung für die Liebe Gottes werden. Deswegen sagt man ja, dass die Liebe, endgültig zugesagt, auch ein Sakrament ist, eine Erfahrung Gottes. „Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Mann, der Samen auf seinen Acker säte.“ Der Samen will weiterwachsen. Jetzt lernt der Mensch auch die opferbereite Liebe kennen. Denn Liebe meint im eigentlichen Sinn immer den anderen. Wenn Kinder auf die Welt kommen: Was geben Eltern nicht alles für die Kinder. Man lernt um der Liebe willen Entbehrungen auf sich zu nehmen. Wieder wächst das Samenkorn. Die Liebe wird reifer; der Mensch wird reifer. Man steht zueinander nicht nur in guten Tagen, auch in bösen Tagen; nicht nur in Gesundheit, auch in Krankheit.
 
5.        Und dann kommt das Alter. Das Samenkorn ist schon längst zu einem großen Halm geworden. Jetzt kommt die letzte Wachstumsphase:  Der Mensch macht die Erfahrung des Loslassens. Das berufliche Leben ist beendet, die Kinder sind aus dem Haus. Im Alter sterben mehr und mehr Freunde weg. Auch geliebte Menschen. So manche Gottesbilder müssen nun korrigiert werden. Wieder eine kritische Situation. Manche können das nicht und verlieren im Alter ihren Glauben. „Es wird Nacht und es wird Tag. Der Samen wächst und der Mann weiß nicht, wie“. Ja, so ist es: Es wird Nacht und es wird Tag. Zur Reifung christlichen Leben gehört nicht nur der Tag, also die schönen Stunden. Die lichtvollen Stunden, die uns die Gewissheit der Nähe Gottes geben. Es gehören auch die Nachtstunden dazu. Gerade in der Dunkelheit des Glaubens wird unser Vertrauen aufs höchste gefordert. „Der Mann weiß nicht wie“, sagt Jesus. Vielleicht sind wir Gott am nächsten, wo wir meinen, wir seien ihm am entferntesten; vielleicht sind wir am tiefsten mit ihm verbunden, wo wir meinen, er sei uns abhanden gekommen? Wer weiß das schon. Bringen wir ihm unser Vertrauen entgegen. Nachterfahrungen: Die Erfahrung von Schicksalsschlägen macht uns solidarischer mit Notleidenden. Die Erfahrung von Schuld macht uns barmherziger. Auch in der Nacht wächst das Samenkorn.
 
6.       Und dann kommt das Sterben. Die letzte Reifung des Samenkornes. Das Loslassen. Der Mensch gibt sein Ich auf. Er übergibt sich einem größeren Ganzen. Er übergibt sein kleines Leben, an dem er oft egoistisch festgehalten hat, nun endlich einer größeren Lebensfülle, die immer schon der gebärende Urgrund seines Lebens gewesen ist. Jetzt erkennt er das neu. Er übergibt sich mit größtem Vertrauen dieser großen Lebensfülle, die wir Gott nennen. Er gibt sein kleines Leben, das ihm oft übertrieben wichtig war, auf. Das Samenkorn hat nun seine Vollendung erreicht.
 
7.         Jesus will uns mit dem heutigen Evangelium großes Vertrauen ins Leben geben. Ja sagen zum je eigenen Leben und uns zum Vertrauen zu dem je eigenen Leben aufhelfen. Wir müssen nicht mit übertriebenen religiösem Eifer das Wachstum fördern: das ist eher wie Gift. Das Leben hat seine eigenen Gesetze. Übertriebener religiöser Eifer macht nur miesepetrig. Er macht stolz und hochmütig. Bleiben wir ganz normal: Vergessen wir das Vertrauen nicht, vergessen wir die Nächstenliebe nicht, vergessen wir das Gebet nicht, die Speise, die uns nährt auf unserem Weg, den Gottesdienst. Geben wir Raum dem, was die Theologie die „heiligmachende Gnade“ genannt hat. Ohne Zwang. Vertrauen wir einfach auf den Heiligen Geist in uns, den wir als Samenkorn in uns in der Taufe gefeiert haben.

   Franz Langstein



Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
36037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr

 

Gottesdienste

Samstag 18.00 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat


(nicht während der hessischen Schulferien)
Sonntag 18.00 h Heilige Messe
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe