St. Johannes Evangelist, Kugelkirche

Predigt am 26. Sonntag C22

Lk 16,19-31

25.09.2022

Liebe Schwestern und Brüder!

 1.Um so manche Evangeliumserzählungen besser zu verstehen, ist immer wieder mal gut, sich vor Augen zu halten, aus welcher Erfahrung heraus die Evangelien geschrieben wurden. Die Evangelisten legen wert darauf, das Leben und die Botschaft Jesu festzuhalten, schriftlich zu fixieren, damit Leben und Botschaft Jesu für die Nachwelt nicht verloren gehen sollten. Ihnen war das deshalb wichtig, weil in Christus die verschwenderische Liebe Gottes selbst aufgeleuchtet ist. Für die Evangelisten war dies aber nicht nur eine theologische Feststellung, sondern selbst etwas, woran sie glaubten und wovon sie geprägt waren. In Christus erschien der Wille Gottes, eins zu werden mit der ganzen Schöpfung, auch mit den Abgründen der Schöpfung, der Sünde, der Gewalt, dem Tod. Im Kreuz Christi vollendet sich diese Einheit, diese „Hochzeit“ – ein Bild, das die heiligen Schriften immer wieder benutzen als Symbol für das Verhältnis von Gott und Mensch. Und in Christus nahm dieser Wille Gottes zur Einheit mit der Schöpfung Gestalt an. Johannes berichtet uns, dass am Kreuz aus der Seite Jesu Blut und Wasser flossen. Das ist eine Deutung der in der Christenheit gefeierten Sakramente Taufe und Eucharistie: Diese Sakramente sind Symbole des sich an uns verschenkenden Gottes: In der Taufe schenkt er uns sein Innerstes, seinen Geist, den Geist der Liebe; in der Eucharistie feiern wir den Bund Gottes mit uns, der sich in der Hingabe Christi am Kreuz vollendet hat. Das, was uns da aufstrahlt, ist von heilbringender Bedeutung für die Menschen und für die Welt.


2. Wenn wir uns dessen vergegenwärtigen, dass das die Hintergrundfolie der Evangelisten ist, dass also in Christus die Liebe Gottes aufgeleuchtet ist und dass sich diese Liebe besonders zeigt in seiner Hinwendung zu den Armen und Ausgestoßenen, weil sie diese Erfahrung der Liebe Gottes am meisten benötigen, dann erschrickt uns das heutige Evangelium: „Das ist ein reicher Mann, vor dessen Tür ein Armer namens Lazarus sitzt, dessen Leib voller Geschwüre war, und der seinen Hunger gern gestillt hätte, was dem Reichen beim Essen vom Tisch fiel. Stattdessen ber kamen die Hunde.“ Diese uns geschilderte Szene wird erst auf dem Hintergrund dessen, was uns die Evangelisten über die Liebe Gottes schildern möchten, zum Skandal. Wie kann jemand, dem die unermessliche Liebe Gottes gilt, dem sich Gott schenken möchte, so hartherzig sein? Wie kann jemand so verschlossen gegenüber der Liebe sein, dass er nicht davon geprägt ist, sondern versteinert ist? Wie kann jemand, der um Liebe bettelt, einem andren so gleichgültig bleiben? Es ist fast so, als wollte uns Lukas sagen: Schaut her, soweit kommt es, wenn Menschen nicht die Erfahrung der Liebe Gottes gemacht haben.


3. Später wird uns berichtet, dass der Reiche an einem Ort der Qual kommt. Er wendet sich an Abraham, der ihn doch bitte die Zunge mit Wasser kühlen möge. Abraham antwortet, dass das nicht geht, denn „zwischen uns und euch ist ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund.“ Hannah Arendt, die große Philosophin, Schülerin von Martin Heidegger, sie hat übrigens auch hier in Marburg eine Zeitlang gewohnt, gest. 1975 in New York, nimmt in ihren Buch: „Über das Böse“ Bezug auf den Apostel Paulus, der im Römerbrief schrieb: „Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse. … Das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das vollbringe ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der es bewirkt, sondern die in mir wohnende Sünde. Ich stoße also auf das Gesetz, dass in mir das Böse vorhanden ist, obwohl ich das Gute tun will.“ Hannah Arendt sagt dazu, dass Paulus eine Entdeckung gemacht habe. Sie nennt es: „zwei in einem“ zu sein. Also jemand, der das Gute will und doch es nicht vollbringt. Oder jemand, der das Böse nicht will und es doch tut. Der Mensch erfährt sich als zwei in einem. Und weiter schreibt sie, dass daraus folgt, dass der Mensch es mit sich aushalten muss. Diese zwei wohnen nun mal in mir zusammen. Und wenn ich mit einem zusammenwohnen muss, nämlich mit mir selbst, der böse ist, dann halte ich es mit mir selbst nicht besonders gut aus. Das ist genau das, was auch die moderne Psychologie sagt: Ich muss es mit mir aushalten. Ich muss lernen „ja“ zu mir zu sagen. Ich muss mich mögen können. Das kann ich aber nicht, wenn das andere ich in mir ein Böser ist. Wir reden heute gern davon, dass der Mensch authentisch sein müsse, mit sich selbst im Klaren, dass er mit sich stimmig sein müsse, also – um mit Hannah Arendt zu formulieren – dass diese zwei in einem sich vertragen müssen. Oder noch anders formuliert: Böse ist ein Mensch, der seien eigene innerste Berufung nicht vollzieht. Böse ist ein Mensch, der sich nicht liebt und deshalb auch Gott nicht lieben kann.


4. Könnte man also diesen Abgrund, von dem hier die Rede ist, der Abgrund zwischen da unten und dem Ort, wo Lazarus wohnt, heute modern als den Abgrund im Menschen selbst beschreiben? Ich bin nicht der, der ich sein sollte. Ich bin gespalten. Zwischen dem, der ich sein sollte und dem, der ich bin, tut sich ein Abgrund auf. Auf das Evangelium bezogen: Der Reiche, für den sich Gott in seiner Liebe verschwenderisch hingegeben hat, sollte der sein, der von dieser Liebe geprägt sein sollte, angerührt vom Elend des armen Lazarus. Stattdessen lebt er mitleidlos, skandalös, hartherzig, ohne jedes Mitgefühl. Zwischen dem, wer er als Mensch sein sollte und dem, wer er ist, tut sich ein unüberwindlicher Abgrund auf. Oder anders formuliert: Die Menschen bereiten sich selbst die Orte der Qualen, wenn sie in diesem tiefen Gespaltensein leben, wenn sie an ihrer Bestimmung zu lieben vorleben.


5. Natürlich könnte man konkretisieren, was das für uns heißt: Das aber sollte jeder für sich selbst tun. Ob im persönlichen Bereich oder im sozialen Bereich oder im globalen Bereich: Liegen heute nicht auch die Armen Afrikas vor unserer Haustür? Solchen und ähnlichen Fragen müssen wir uns stellen. Auch das hat etwas mit Authentizität zu tun und mit der Frage, wie sehr wir von der Liebe Christi berührt sind.

Franz Langstein



  •  
  •  
  •  
 

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 17.30 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat
Freitag 18.00 h Beichtgelegenheit
Freitag 18.30 h Heilige Messe