St. Johannes Evangelist, Kugelkirche

21.05.2017

Predigt am 6. Ostersonntag A17



Liebe Schwestern und Brüder!

 

  1. Abschied liegt in der Luft. So können wir wohl fühlen, wenn wir uns das heutige Evangelium vor Augen halten. Es ist ein Ausschnitt aus der großen Abschiedsrede Jesu, wie sie im Johannes-Evangelium steht. Und zwar in den Kapiteln 14 bis 17. Ab dem 18. Kapitel beginnt dann die Passionsgeschichte. Es beginnt der Weg ans Kreuz. Und dieses Evangelium positioniert die Liturgie nicht etwa in die Karwoche, sondern in den Tagen vor Christi Himmelfahrt. Denn auch Christi Himmelfahrt ist ein Abschied. Das ist durchaus möglich, denn für das Johannes-Evangelium ist der Kreuzestod Christi die Verherrlichung Christi, sein Hinübergang in die Herrlichkeit des Vaters. Deshalb kann man durchaus das heutige Evangelium vor Himmelfahrt platzieren. Abschied liegt also in der Luft. Christus entzieht sich den Seinen. Für immer.

 

  1.   Aber was ist das denn für ein merkwürdiger Abschied! Was stehen da für widersprüchliche Sätze! „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch“. Wie jetzt: Du kommst wieder. Was soll das heißen? Oder: „Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet.“ Was meinst Du damit?, ist man geneigt zu fragen. „Nur kurze Zeit“, dann sehen wir dich wieder.

 

  1. Bei näherer Betrachtung dieser Sätze werde ich das Gefühl nicht los, dass hiermit etwas Wesentliches gesagt sein will. Ich versuche es mal mit eigenen Worten wiederzugeben. Abschied: Das ist ja etwas, das uns mehr oder weniger vertraut ist. Wenn wir z.B. von einem Menschen Abschied nehmen müssen, der – wie man manchmal sagt – eine Persönlichkeit darstellt, die uns viel bedeutet hat, dann sagt man manchmal: „Was er uns hinterlassen hat, ist uns Aufgabe und Verpflichtung.“ Oder: „Wir wollen in seinem Sinne sein Werk fortsetzen“. Wobei wir „in seinem Sinne“ durchaus auch mit „Geist“ wiedergeben können. Wir wollen in seinem Geist handeln. Ich glaube, damit nähern wir uns einer Erfahrung an, die sich durchaus im heutigen Evangelium widerspiegelt. „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch zurück“. In einem ersten Annäherungsversuch an diese seltsame Sätze des Johannes-Evangeliums kann man also sagen: „Die Jüngergemeinschaft wird nicht als eine Gruppe verwaister Kinder zurückgelassen, sondern sie werden im Geiste Christi sein Werk weiterführen und gerade deshalb ihn in ihrer Mitte spüren und erfahren. Seine Botschaft und seine Liebe leben fort in der Gemeinschaft der Jünger“. Damit ist auch ausgedrückt: Wie Jesus in unserer Mitte fortlebt. Nämlich in der Erfahrung der Liebe und Geborgenheit, der Annahme und Wertschätzung, die sich Menschen gegenseitig schenken. So lebt Christus in unserer Mitte fort.

 

  1. Aber wir können noch einen Schritt weitergehen: Da steht nämlich noch so   ein merkwürdiger Satz: „Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet.“   „Die Welt sieht mich nicht mehr“, heißt es hier. Ja, nach rein weltlichen Maßstäben ist er weg. Gekreuzigt. Tot. Aus, Schluss, vorbei. Es zählt hier nur das Offensichtliche, das Nachweisbare, das Beweisbare. Rein äußerlich betrachtet: Ja, Jesus ist tot, beseitigt, weg. Aber es   gibt noch andere Maßstäbe als die rein Äußerlichen. Wo man also Christus äußerlich nicht mehr dingfest machen kann, weil er rein äußerlich in der Tat tot ist und weg ist, da wird der Boden bereitet, dass der Mensch zu ahnen beginnt: Es ist ja viel zu wenig, Christus allein nur äußerlich, im Gegenüber erfahren zu können, sondern er will inwendig, nicht im Gegenüber, sondern in Gemeinschaft, im Ineinander erfahren werden. Christus muss sich erst verabschieden, damit das Gegenüber aufgehoben wird, aber gerade dadurch, dass er jetzt äußerlich weg ist, wird er inwendig geahnt und gespürt. Jetzt, da er nicht mehr im Gegenüber ist, ist er im Einssein mit uns da:   „An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch“. Das ist eine ganz neue Form der Präsenz Christi. Deswegen kann es hier heißen: „Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet.“   Ihr aber seht mich. Weil er lebt und weil wir leben, d.h. weil wir Christus, das Leben Gottes, in uns tragen. Wir sind „Leib Christi“, wie Paulus schon fast 50 Jahre vorher geschrieben hat.

 

  5.     Vielleicht kann man diese nicht ganz so einfachen Gedanken des Johannes-Evangeliums zusammenfassen und sagen: Die Gemeinschaft der Jünger,

          und damit auch wir, werden im Abschied Jesu nicht als Waisen zurückgelassen, sondern sie erfahren seine bleibende Gegenwart im geschwisterlichen

          Miteinander. Und auf diese Weise wird Christus ganz inwendig bei den Seinen bleiben. Sie erfahren sich selbst als fortlebenden Leib Christi, als

          Erfahrungsort seiner Gegenwart. „Und ihr seht mich wieder“. Wo deshalb Menschen zusammenkommen und in seinem Geist das Brot brechen, wird er

          untern ihnen lebendig. Er lässt uns nicht als Waisen zurück.




   Franz Langstein



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