01.01.2026
Liebe Schwestern und Brüder!
1. „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“, so hörten wir vor einer Woche in der Weihnachtsbotschaft. Genau eine Woche später wird uns diese Verheißung in Erinnerung gerufen, wenn wir heute am Oktavtag von Weihnachten den Weltfriedenstag feiern. Seit 1968 begeht die katholische Kirche weltweit diesen Friedenstag. Somit liegt er bewusst auf dem Oktavtag von Weihnachten, also genau am achten Tag nach Weihnachten. Es wird also bewusst das Anliegen eines Weltfriedens an die Weihnachtsbotschaft gekoppelt.
2. „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“. „Bei den Menschen seiner Gnade“. Der Frieden kommt also aus einem Begnadetsein, aus der Erfahrung des Begnadetseins. Im Konzilsdokument „Gaudium et spes“ heißt es: „Der Friede besteht nicht darin, dass kein Krieg ist; er lässt sich auch nicht bloß durch das Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte sichern; er entspringt ferner nicht dem Machtgebot eines Starken. Er heißt vielmehr mit Recht und eigentlich ein Werk der Gerechtigkeit. … So ist der Friede auch die Frucht der Liebe, die über das hinausgeht, was die Gerechtigkeit zu leisten vermag.“ (GS 78). Der wahre Frieden also kommt nicht durch etwas dem Menschen Äußerliches, wie das Gleichgewicht der Waffenarsenale oder durch ein Machtdiktat eines Stärkeren. Vielmehr ist der Friede etwas, was aus dem Inneren des Menschen hervorgeht. Ähnlich wie Gewalt und Mord aus dem Inneren des Menschen, nämlich aus Hass und Egoismus kommen, so kommt auch der Friede aus dem Inneren des Menschen. Was aber vermag den Menschen innerlich zu verwandeln, ihn also des Friedens fähig zu machen?
3. Und da sind wir wieder bei der Weihnachtsbotschaft. „Friede bei den Menschen seiner Gnade“. Es geht um die Erfahrung einer Gnade, wie sie uns Weihnachten auf einzigartige Weise zuteilwurde. Gott nimmt sich so unser an, dass wir Gottes teilhaftig sind. Er wird ganz einer von uns, taucht in unsere Welt, um diese bis hin zum Kreuz mit seiner Gegenwart und Liebe zu umhüllen und anzunehmen. Und genau das nennen wir Gnade: Es wurde etwas zuteil, das wir selbst nicht machen können. Ein Geschenk. Die Gemeinschaft mit Gott. Wer diese tiefe Erfahrung der Gnade gemacht hat, lebt anders, weiß um andere Dimensionen seines Lebens. Er erfährt sich von Gott total geliebt und angenommen und weiß seine Existenz zutiefst mit Gott verbunden. So wird er befähigt, auch andere genauso zu lieben und anzunehmen. Er wird zu einem Menschen des Friedens, weil er selbst einen inneren Frieden hat; nicht mehr Angst um sich selbst, nicht mehr Egoismus als Ausdruck dieser Angst, nicht mehr Selbstbehauptung als Folge eines Verlorenheitsgefühls, nicht mehr Hass als Kehrseite mangelnder Liebe, nicht mehr Gewalt als Demonstration eigener Stärke, die doch nur eigene Schwäche verrät, sondern tiefen inneren Frieden in der Erfahrung der Menschwerdung Gottes. „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“.
4. Und seit 1970, also zwei Jahre nach der Einführung des Weltfriedenstages, wurde der Festtag der heiligen Gottesmutter Maria ebenfalls auf den 1. Januar gelegt, so dass wir heute Oktavtag von Weihnachten, Weltfriedenstag und Hochfest der Gottesmutter Maria haben. Und da steht dieser umstrittene, aber schon seit früher Christenheit verwendete Titel „Gottesmutter“. Freilich geht es nicht darum, dass Gott eine Mutter hat. Es ist vielmehr eine Aussage auf Christus hin: Der, den Maria unter ihrem Herzen getragen und geboren hat, ist göttlichen Ursprungs. Und das haben die Kirchenväter auch mystisch verstanden: Der Mensch, der Gott empfängt, gibt auch Gott weiter. Der Mensch selbst bringt göttliche Frucht hervor: Liebe, Frieden, Gerechtigkeit. Er gebiert die Erfahrung Gottes.
Franz Langstein