27.03.2022

Predigt am 4. Fastensonntag C22

Lk 15,1-3.11-32

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Sie haben ein Bild vor sich liegen. Es ist ein Bild von Albrecht Dürer: „Der verlorene Sohn“. Dürer hat dieses Thema und dieses Motiv nicht zeitlebens beschäftigt. Kurz vor seinem Tod malte er dieses Bild in großer Detailtreue. Es war sein letztes Bild. Ob er es bewusst gemalt hat in Bezug auf sich selbst: So zum Vater heimzukehren? Man könnte viel dazu sagen. Ich möchte jedoch eine inhaltliche Anmerkung zu dem Bild machen, die uns hoffentlich einen großen geistlichen Gewinn verspricht. Mir ging es jedenfalls so.


2. Hören wir mal die Textpassage, die zu dem Bild passt. Es ist der Augenblick, in dem der verlorene Sohn zu dem ihm entgegeneilenden Vater heimkommt: „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und es traf ihn ins Herz. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ Merken Sie den Unterschied? Rembrandt hatte wohl nicht den Mut, die Radikalität des väterlichen Betroffenseins zu malen: Der Vater fiel dem Sohn um den Hals. Das geht wohl nicht, wenn der Sohn vor dem Vater niederfällt, wie es hier im Bild dargestellt wird. Ich kann mir das eher so vorstellen, dass der Sohn stehen blieb und er Vater, überwältigt von der Heimkehr des Sohnes, sich ihm liebkosend um den Hals wirft.


3. Wie aber könnten wir dann diese Geste des Um den Hals Fallens deuten? Ich könnte mir Folgendes vorstellen, und wir können das wohl gut nachempfinden: Der Sohn hat das Vaterhaus verlassen. Und zwar wollte er weit weg, „in ein fernes Land“. Die Aussage ist klar: ich will weg, ich will mit euch nichts mehr zu tun haben. Ich halte es hier nicht mehr aus. Wenn so etwas auch heute passiert, dass irgendwann einmal ein Jugendlicher oder junger Erwachsener wegwill, und zwar auf Nimmerwiedersehen weg will, dann ist es ganz natürlich, dass die Eltern sich fragen: Was haben wir falsch gemacht? Waren wir zu streng, haben wir zu sehr kontrolliert, haben wir unser Kind zu sehr umsorgt und ihm damit die Luft zum Atmen genommen? Haben wir unserm Kind nichts zugetraut und ihm die Freiheit genommen? Egal, welche Fragen dann kommen. Es wird sich immer irgendwie ein Schuldgefühl einstellen.


4. Und das stelle ich mir mal bei dem Vater in unserer Geschichte vor. Nachdem ihm sein jüngerer Sohn verlassen hat, wird er sich nicht auch die Frage gestellt haben: Was habe ich falsch gemacht? Wird er sich vielleiht sogar verändert haben, dass er sich sagte: Ja, ich habe vieles falsch gemacht. Wenn er doch bloß wieder zurückkäme, heute würde ich vieles anders machen. Wird also nicht auch der Vater von Schuldgefühlen heimgesucht worden sein? Denn bei einem Bruch dieser Größenordnung ist nie einer allein dran schuld. Nein, auch der Vater wird Schuldgefühle bekommen haben. Und er musste damit leben. Die ganze Zeit.


5. Und nun kommt der Sohn nach Hause. Das Wunder, das nicht für möglich Gehaltene und doch zutiefst Ersehnte und Erwünschte, trifft ein. Können wir jetzt verstehen, warum der Vater dem Sohn entgegeneilt und er, der Vater, ihm, dem Sohn, um den Hals fällt? DerV Vater fällt dem Sohn um den Hals. Das heißt: Er, der die ganze Zeit Schuldgefühle mit sich herumgetragen hat, bittet mit dieser Geste den Sohn um Vergebung. Die Heimkehr des Sohnes ist die Absolution für den Vater, die Lossprechung für den Vater. Dem Vater, natürlich auch dem Sohn, wird ein Neuanfang geschenkt. Und der Vater nutzt diese Chance zum Neuanfang ganz überschwänglich. Es gibt ein Festmahl.


6. Dürfen wir das sagen? In dem Gleichnis wird ja der Vater oft mit Gott gleichgestellt. Es wird gesagt, dass, so wie der Vater sich des verlorenen Sohnes erbarmt, so erbarmt sich Gott unser. Hätte wohl dann auch Gott „Schuldgefühle“? Hier gibt es das gewagte Wort des heiligen Augustinus: „Gott hat sich durch seine Verheißungen zum Schuldner gemacht“. Wenn Gott also den Menschen als ein Wesen, das Gott denken kann und an ihn glauben kann, erschaffen hat, dann kann Gott nicht bei sich selbst bleiben, sondern er ist es dem Menschen schuldig, ihm seine Herrlichkeit zu verheißen und zu zeigen. Wenn der Mensch eine Sehnsucht nach Liebe, Gerechtigkeit und Ewigkeit hat, und der Mensch diese Sehnsucht als unerfüllte Sehnsucht erfährt, dann ist Gott es dem Menschen schuldig, dieser als Verheißung geschenkten Sehnsucht eine Erfüllung zu geben. „Gott hat sich durch seine Verheißungen zum Schuldner gemacht“.


7. Vielleicht hat Rembrandt das gefühlt, als es für ihn galt, zu sterben und heimzukehren zum Vater. Gott wird ihn, weil er es schuldig ist, in die Arme nehmen.

Franz Langstein

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