27.02.2022

Predigten am 8. Sonntag im Jahreskreis C22

Ein Wort zum Krieg in der Ukraine

Eph, 2,4-10

Joh 3,16-21

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es ist heute kein normaler Sonntag, den wir begehen. Es ist ein Sonntag, an dem wieder ein Krieg in Europa herrscht und eine Atommacht ein Land überfallen hat. Wir alle sind in Sorge. Viele beherrscht ein Gefühl der Ohnmacht. Wie wird es weitergehen? Viele erwarten von den Vertretern der Kirche, dass sie dazu Stellung nehmen. Ich will mich dem nicht verweigern. Ich muss allerdings auch zugeben, dass mich eine gewisse Sprachlosigkeit erfasst. Und außerdem ist in den Medien Vieles dazu gesagt worden, aus berufenem Munde. In der Freitagsausgabe der Oberhessischen Presse war ein Interview mit dem Marburger Politikwissenschaftler Professor Hubert Zimmermann abgedruckt, in dem er die Lage in der Ukraine analysiert. Auf die Frage, ob es denn eine schlüssige Erklärung gebe dafür, was Putin jetzt getan habe, antwortet Professor Zimmermann: „Die Erklärungen dafür hat er ja selbst in seiner Kriegserklärung gegeben, und sie klingen wie ein Lehrbuchbeispiel für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, leider aber nicht im individuellen Bereich, sondern in einem weltpolitischen Maßstab.“ Und weiter hinten sagt er: „In dem Sinne ist das Agieren dieses alten gekränkten Mannes besorgniserregend.“ Er trifft damit genau das, was viele auch fühlen und sich fragen: Wenn so ein narzisstischer und gekränkter Mensch so viel Macht hat, wie unberechenbar ist er dann? Was passiert noch? Denn das Böse entwickelt immer seine eigene Dynamik und verändert die Welt. Wir blicken hier in einen Abgrund. Wie kann jemand einfach befehlen, ein Land zu überfallen und dabei viele Tote, Verletzte, viel Leid und Zerstörung in Kauf nehmen? Wir schauen wohl wirklich in den Abgrund des Bösen, der sprachlos macht, weil es unvorstellbar scheint, dass jemand so etwas tut. Ich möchte mit Ihnen ein wenig genau darüber nachdenken, wie aus dem christlichen Menschenbild das Böse durch irgendwie zu fassen ist.


2. Ein Wort des heiligen Augustinus hat nach wie vor seine Gültigkeit und ist wie ein Schlüssel zum besseren Verständnis, warum ein Mensch dem Bösen anheimfällt: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir“. Ruhe findet der Mensch also in Gott. Das muss man so verstehen: Ruhe findet der Mensch einem unendlichen, nicht in einem endlichen und begrenzten Geliebtsein. Ruhe findet der Mensch in einer unendlichen Anerkennung seines Lebens, nicht einer endlichen und bedingten Anerkennung. Wer also Gott verloren hat, hat die unendliche Quelle seiner Anerkennung verloren. „Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Gefallen gefunden“, hören wir im Taufgottesdienst. Wer also diese Quelle der grundsätzlichen Gutheißung seiner Existenz verloren hat, muss jetzt im Endlichen das Unendliche suchen. Da er das Unendliche aber dort nicht findet, wird er süchtig. „Er wird abhängig süchtig nach endlicher Unendlichkeit“, schreibt Manfred Deselaers, der im Zentrum für Dialog und Gebet in Auschwitz arbeitet und das Böse analysiert hat.


3. Nun aber kommt etwas ganz Fatales hinzu: Es ist nämlich zunächst ganz normal, dass der Mensch im Endlichen seine unendliche Anerkennung durch Gott suchen will und sein Geliebtsein finden will. Denn das Unendliche teilt sich im Endlichen mit. Gott teilt sich durch das Irdische mit. Wir tun dies ja jeden Sonntag, wenn wir Brot und Wein nehmen. Wir schreiben diesen endlichen und irdischen Gaben Gottes Gegenwart zu. Das Endliche wird also zum Verheißungsträger des Unendlichen. Das Endliche hat Symbolcharakter für das Unendliche. Paul Ricoeur, französischer Philosoph, gestorben 2005, schreibt dazu: „Nur ein Wesen, das das Ganze will und es in den Gegenständen des menschlichen Lebens schematisiert, kann sich vergreifen, das heißt …, den Symbolcharakter …vergessen: diese Vergessenheit macht aus dem Symbol ein Idol“. Wo der Mensch also in dem Endlichen nicht mehr den unendlichen Gott erblicken kann, wird das Endliche selbst göttlich und somit zum Idol. Dieses Wort „Idol“ kommt aus dem Griechischen „Eidolon“ und meint „Bild“, durchaus auch im Sinne von Götzenbild. Und aus dem Idol erwächst die Ideologie, also eine eigene Idee, eine eigene Vorstellung, eigenes Bild von der Welt, das ich mir mache und von der ich mir freilich alles Glück erhoffe. Und das macht die Menschen so unberechenbar, weil sie in ihrer eigenen Welt leben, einer Welt voller Idole und verzweifelter Suche nach Anerkennung und Glück. Man will sich auch in den Geschichtsbüchern dieser Welt einen Namen verschaffen und somit Ewigkeit erlangen.


4. Und hier steht nun die Worte des Evangeliums, das wir eben hörten und das ich eigens ausgesucht habe für den heutigen Gottesdienst: „Das Licht kam in die Welt und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden.“ Heilsame Worte. Es gibt nämlich ein Korrektiv unseres Lebens, das ist Christus. An ihm können wir ablesen, was es heißt, aus dem Urquell der Liebe, aus Gott, zu leben. An ihm können wir ablesen, was es heißt, aus dem unendlichen Quell der Anerkennung und des Geliebtseins zu leben. „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ Er ist also das Licht, in dem wir sehen, was es heißt: Aus der Fülle der Liebe zu leben. Für den also, der ganz in der Verzweiflung der Suche nach Anerkennung im Irdischen tappt, der also im Dunklen nach Glück stochert, für den wäre Christus ein heilsames Korrektiv. Paulus schrieb es so treffend in der ersten Lesung, die wir hörten: „Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft, - Gott hat es geschenkt -, nicht aufgrund eigener Werke, damit sich keiner rühmen kann.“ Ich muss mir nicht mein eigenes Glück suchen, ich muss nicht Anerkennung erheischen, wenn ich meine, in den Geschichtsbüchern dieser Welt zu stehen. Keiner soll sich rühmen müssen, sagt Paulus. Wir sind schon gerühmt von Gott, gerettet, anerkannt, geliebt. Aber genau das ist das Problem: Er müsste anerkennen, dass er korrigiert werden müsste. „Jeder, der das Böse tut, hasst das Licht und kommt nicht zu Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden“. Ich bräuchte die Größe anzuerkennen, dass ich dem Bösen verfallen bin, d.h. der ideologischen Suche nach Anerkennung. Ich muss letztlich das Licht hassen, weil es mich entlarven würde. Alle Diktatoren der Welt haben das Religiöse verfolgt. Putin verfolgt nur deshalb die orthodoxe Kirche nicht, weil sie keine Kritik an ihm übt.


5. Insofern hat Professor Zimmermann durchaus etwas Wahres getroffen, wenn er Putin ein narzisstische Persönlichkeitsstörung attestiert. Von daher brauchten solche Menschen ein wirkliches Licht, von dem her sich das Gute klar definiert und von dem her sich auch das Böse als Böses entlarvt. Jesus spricht oft von sich als „das wahre Licht“. An ihm sich zu messen, sein Leben in sich leuchten zu lassen, bewahrt davor, dass falsche Idole den Menschen verführen. Denn „Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, damit die Welt durch ihn gerettet wird“, das heißt aus dem Bösen befreit wird.

Franz Langstein

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