17.04.2022

Predigt am Ostersonntag

Der Weges Jesu von Palmsonntag bis Ostern

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ostern – Christus ist auferstanden! Ein leeres Grab – so haben wir gerade gehört. Reichlich wenig für einen glaubwürdigen Beweis der Auferstehung. Erscheinungsberichte über den Auferstandenen: Allesamt recht spät verfasst, dazu noch widersprüchlich. Wenig historisch, weil mit viel zu viel Theologie überfrachtet. Deshalb Glaubenstexte, keine historischen Texte. Können wir noch wirklich glauben, dass ein Toter auferstanden ist? Brauchen wir überhaupt Auferstehung, um gut zu leben? Auf der anderen Seite schreibt Paulus: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden … und wir sind erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.“ Ich erinnere mich, dass mein Vater mit dem Glauben an die Auferstehung kein Problem hatte. Er sagte immer: „Der beste Beweis für die Auferstehung ist doch, dass die Jünger am Karfreitag vor Angst geflohen sind und alles war aus, Schluss vorbei. Und dann aber werden die Jünger zu Verkündern der Auferstehung. Da muss doch irgendwas passiert sein.“ Wollen wir dem einmal nachspüren: „Da muss doch irgendwas passiert sein.“


2. Wie ist Jesus seinen Jüngern begegnet? Er ist ihnen begegnet mit einem Anspruch: „Folgt mir nach!“ Es war der Anspruch der Liebe, das Leben mit Jesus zu teilen, mit ihm unterwegs zu sein. So etwas ist nur möglich, wenn die Jünger Vertrauen aufbringen zu Jesus. Sie konnten dem Anspruch Jesu nur genügen, wenn sie ihm vertrauten. Es war also von Anfang an eine Vertrauensbeziehung. Und es muss ein großes Vertrauen gewesen sein, denn die Jünger gaben ihr altes Leben auf, ließen alles stehen und liegen, und folgten Jesus. Mit kann zurecht das Wort „Ganzhingabe“ verwenden. Hingabe heißt: Jemandem einen Vertrauensvorschuss geben. Bewusst: Vertrauensvorschuss. Sie kannten ihn ja kaum. Worauf gründete dieser Vertrauensvorschuss: Die Jünger ahnten oder fühlten oder spürten aus den Worten und Taten Christi, dass hier mehr als nur ein Mensch am Werk ist. Sie hofften, dass hier Gott selbst am Werk sei und dass Jesus der Messias sei. Der Vertrauensvorschuss galt also nicht nur Jesus, er galt vor allem Gott.


3. Hingabe, oder wie bei den Jüngern, Ganzhingabe, ist nur möglich als Ausdruck eines tiefen Vertrauens. Im Vertrauen also schenkt sich der Mensch und weiß sich beim anderen geborgen. Die Jünger wussten sich bei Christus geborgen. Und umgekehrt: Aus der Hingabe des Lebens erwächst der Empfang des Lebens. Darauf gründet das Vertrauen: Ich gebe mich hin, weil ich weiß, dass ich vom anderen her auch empfange. Sie geben sich in die Nachfolge Christi hin, vertrauend darauf, von Gott her das Leben zu empfangen, oder Reich Gottes oder wie immer es die Jünger auch genannt haben mochten. Oder anders ausgedrückt: Hingabe an Christus als Vertrauen zu Gott, dass er der Messias ist, ist mit der Hoffnung gepaart, dass er Leben und ewiges Leben schenkt.


4. Und nun kam die Katastrophe des Karfreitags. Jesus stirbt wie ein Verbrecher. Und noch schlimmer: Gott rettet Jesus nicht aus der Macht des Bösen. Es war ein Vertrauensbruch seitens Gottes. Die Hingabe der Jünger an Jesus als Ausdruck des Gottvertrauens erwies sich als Betrug. Wir können uns das kaum schlimm genug für die Jünger vorstellen, die ja alles verlassen haben und alles auf eine Karte gesetzt haben. Ihr Vertrauen ist ganz bitter enttäuscht worden. Es war alles umsonst: Aus ihrer Hingabe erwuchs kein Empfang des Lebens.


5. Und irgendwann nach Karfreitag: „Da muss doch irgendwas passiert sein!“ Irgendwann muss sich bei Ihnen eine Erkenntnis durchgesetzt haben. Sie hatten doch keinen Zweifel, dass nach all dem, was sie in all der Zeit mit Jesus an ihm erfahren haben, Gott am Werk war. Seine Art zu reden, von Gott zu reden, seine Klarheit der Botschaft, seine Taten der Liebe, sein Mut gegen bestehende unmenschliche Vorschriften vorzugehen, seine Liebe, die aus ihm strahlte und vieles mehr: Da gab es doch gar kein Zweifel, dass da Gott am Werk war. Und dass ihr Vertrauen, ja ihr Vertrauensvorschuss, durchaus voll und ganz berechtigt waren. Sollte es denkbar sein, dass Gott sie auf eine falsche Fährte gesetzt hat? Sollte es denkbar sein, dass Gott sich dieses Vertrauens unwürdig erwiesen haben sollte? Er von dieser Hingabe unberührt blieb? Sollte es denkbar sein, dass Gott Vertrauen enttäuschen kann?


6. Was freilich genau passiert ist, entzieht sich unserer Erkenntnis. Und welche Rolle das leere Grab oder Erscheinungen spielen, ist schwer abzuschätzen. Wichtig scheint mir nur der innere Vorgang der Jünger zu sein. Sie müssen irgendwann zu der beglückenden Erkenntnis gekommen sein, dass Gott kein Vertrauen enttäuschen kann und dass Gott den Vertrauensvorschuss, den man ihm gibt, nicht unbeantwortet lässt und dass aus der Hingabe des Lebens der Empfang des Lebens folgt. Gott ist treu, deshalb, uns so heißt das erste österliche Bekenntnis, „hat er Jesus von den Toten auferweckt“. Es steht also nichts anderes auf dem Spiel als die Treue Gottes selbst. Es steht nichts anderes auf dem Spiel als die Frage: Ist Gott vertrauenswürdig? Das heißt: würdig, einen Vertrauensvorschuss zu erhalten? Und für die Jünger gab es da nur eine Antwort: Um seiner Treue willen, um seiner Vertrauenswürdigkeit willen, um der Hingabe der Menschen willen, um der Liebe willen, um des Lebens Jesu willen hat er ihn auferweckt. Gott hat sich als treu erwiesen. Gott hat sich erwiesen als der, der Vertrauen nicht enttäuschen kann. Gott hat die Hingabe des Lebens beantwortet mit der Hingabe seines Lebens, so dass sie ewiges, göttliches Leben empfangen. Vielleicht ist es das, was die Jünger in einem Akt der Gnade von Gott als Erkenntnis empfangen haben und was sie so überwältig hat. Als der Jünger, den Jesus liebte, das leere Grab sah, gab es für ihn überhaupt keinen Zweifel mehr: „Er sah und glaubte“. Deswegen hat Paulus recht: Wenn Jesus nicht auferstanden wäre, wir, die wir auf Gott vertrauen, erbärmlicher dran wären als die, die nicht auf Gott vertrauen.


7. Ich finde es immer sehr ergreifend, wenn wir mal ein lateinisches Requiem hören, also eine Totenmesse: Dort lauten die letzten Worte: „Quia pius es“. „Denn Du bist treu“.

Franz Langstein

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