15.04.2022

Einführung in die Osternacht

Der Weges Jesu von Palmsonntag bis Ostern

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir feiern die Osternacht! Wir sind bis heute Nacht einen Weg gegangen, von Palmsonntag über Karfreitag.

Wir haben am Palmsonntag die Sehnsucht der Menschen gefeiert – eine Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Gemeinschaft, gütigem Gott… Jesus weckte diese Sehnsucht durch sein Leben, seine Botschaft, seine Taten. Er ritt auf einem Esel in Jerusalem ein, und erfüllte so eine alte Prophezeiung, nach der der König des Friedens auf einem Esel kommen wird. Die Menschen jubelten ihm zu.


Fünf Tage später kam es zur Katastrophe am Karfreitag. Alle Hoffnungen zerschellten an der Kreuzigung Christi. Alle Sehnsucht wurde wieder mal aufs Bitterste enttäuscht. Wieder kam nicht der Gesandte Gottes. Das Schlimme war: Karfreitag war vor allem eine Gotteskrise. Ist überhaupt auf Gott noch Verlass? Seine Jünger, die all die Zeit mit ihm gingen, verließen ihn fluchtartig. Sie fühlten sich wohl am meisten als von Gott Betrogene.

Aber allgemein gilt: Wenn Menschen keinen Grund mehr haben zu einer Hoffnung, dann ist doch der letzte Grund immer noch Gott. Aber am Karfreitag zerbrach auch dieser letzte Grund. Mit dem Kreuzestod Christi war jede Rede vom Reich Gottes nur noch Hohn. Es gab nichts mehr zu hoffen. Selbst Gott als Hoffnung schied aus. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, rief Jesus am Kreuz. Am Karfreitag war alles dunkel, auch Gott. Gott schien fern, abwesend.


Und deswegen treffen wir uns hier, in der Osternacht, im Dunkel. Es ist das Dunkel des Karfreitags, es ist das Dunkel vieler Menschen, es ist das Dunkel der Hoffnungslosigkeit und der zerbrochenen Gottessehnsucht und einer tief gefühlten Gottesabwesenheit.


Richard Kearney, irischer Philosoph, hat vor 10 Jahren ein Buch herausgebracht mit dem Titel: „Anatheismus – Rückkehr zu Gott nach Gott“. Wörtlich: „Returning to God after God“. Er meinte damit: Wenn man Gott total vergessen hat und Gott niemandem mehr etwas bedeutet und er nicht mehr vorkommt, wie sieht dann eine Rückkehr zu Gott aus? Man kann auf nichts Vorgehendes oder Traditionelles mehr aufbauen. Es ist ja jede religiöse Tradition vergessen und jede Gottesvorstellung abhandengekommen. Es wäre spannend, wie eine Gottesvorstellung nach Gott aussähe.

Ich glaube aber, dass es solche Punkte in der Geschichte immer gab. Alte Gottesvorstellungen sind so sehr zusammengebrochen, dass man nur auf Neues hoffen kann. Wir hatten sicherlich so etwas mit dem Aufkommen des naturwissenschaftlichen Zeitalters. Gott war nicht mehr im Gewitter, in der einer gelungenen Ernte, in einem Schicksalsschlag. Alles war plötzlich erklärbar, berechenbar.


Oder nach Auschwitz: Wir können nach Auschwitz nicht mehr so von Gott reden als wäre da nichts passiert. Der Ausdruck „Guter Gott“ kommt da einigen nur schwer über die Lippen.

Das aber gibt es auch im persönlichen Leben: Rückkehr zu Gott nach Gott. Ein Kind wird Gott auf eine bestimmte Weise gelernt haben. Irgendwann merkt der Jugendliche, dass der Kinderglaube nicht mehr trägt. Er wird vollkommen abgestriffen: Es gibt keinen Weihnachtsmann, kein Nikolaus, kein Osterhase. Der Mensch muss zu einem ganz neuem Gottesverständnis zurückfinden. „Returning to God after God“.

Wenn das gelingt, dann ist es gut. Dann ist man vielleicht rückblickend sogar froh, dass einem die alten Gottesvorstellungen weggebrochen sind, weil die neuen viel tragfähiger sind.


Ich will mal postulieren, dass das mit dem Karfreitag ganz ähnlich war. Alle Hoffnungen auf Gott, alle Sehnsüchte nach ihm sind am Kreuz Christi zerbrochen. Gott, der letzte Grund aller Hoffnung, ist zerschellt. Vielleicht ist man im Nachhinein auch froh, dass es so gekommen ist. Wir müssen zu einem anderen Gottesverständnis finden. Und vielleicht könnten wir auch sagen: Im Nachhinein ist es doch gut, dass da ein Gottesverständnis am Kreuz Christi zerschellt ist. Der Leipziger Theologie und Dichter Christian Lehnert schreibt: „Wunderbar, dass es in der Bibel eine Figur wie Judas gibt. Jede Heilsgewissheit braucht ihren Verräter…. „Ich verrate euren Glauben. Ich liefere euren Gott aus. Ich rufe die Soldaten herbei… Denn der Verrat erst birgt die Rettung, nimmt euch den Gott, den ihr kennt, und eure Sicherheit. Nur dort, aus seiner eigenen Negation heraus, kann der Glaube das werden, was er ist: Wagnis und Gnade und wirkliche Bergung“.


Deshalb sind wir hier in der Nacht zusammengekommen, weil wir glauben, dass die Nacht die Voraussetzung ist für ein neues Kommen Gottes. Weil wir ahnen, dass uns aus der Nacht ein Geheimnis entgegenkommt. In der dunklen Nacht liegt das Geheimnis der Liebe verborgen. Wo der Mensch aufhört, sich Bilder von Gott zu machen, kann Gott erst kommen, wie er ist.

Das ist wohl das Neue, das auch die Jünger so erfüllt haben mag, dass sie nach der Flucht am Karfreitag nach Jerusalem zurückkehrten uns alsbald die Botschaft von der Auferstehung verkündetet. Das Neue also, dass Gott nicht mehr so gedacht werden könne, dass er Garant eines irdischen Glücks und eines politischen Friedensreiches ist, sondern dass der Kreuzestod Christi ganz neu verstanden wurde in dem Sinn, dass Gott in Christus auch die Schrecken des Menschen auf sich genommen hat und an sich genommen hat, so dass der Mensch zu jeder Zeit seines Lebens mit Gott verbunden sein wird. Zurecht sprechen die neutestamentlichen Schriften immer wieder von Neuschöpfung, Wiedergeburt usw.


Vielleicht ist es das Positive an unserer Zeit: Weil sie zum Großteil in einer Gottesnacht lebt, kann erst aus dieser Nacht Gott kommen. Weil wir Gott nicht einsperren in unsere Vorstellungen, kann er sich so zeigen, wie er ist. Im Dunkel ist „Wagnis, Gnade und wirkliche Bergung“. „Returning to God after God.“

Öffnen wir uns dem Osterfest, dass da aus dem Dunkel emporsteigt und unsere Herzen öffnen will für etwas unerhört Neues.

Franz Langstein

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