13.02.2022

Predigten am 6. Sonntag im Jahreskreis C22

Lk 6,16.20-26

Liebe Schwestern und Brüder!

1. „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden.“ – Wie, bitte, sollen wir denn diese Sätze verstehen? Ist es damit getan, einem Armen zu sagen, dass ihm einmal das Reich Gottes gehören wird? Oder einen Hungernden zu vertrösten, dass er einst gesättigt sein wird? Ist einem Armen damit jetzt geholfen? Oder einem Hungernden? Die wollen nicht einst gesättigt werden, sondern jetzt! Wir fühlen uns an Karl Marx erinnert: „Religion ist Opium für das Volk“, also Vertröstung auf ein Jenseits. Das Christentum aber hat nicht die Kraft, die Verhältnisse jetzt zu ändern, sondern vertröstet nur noch auf das Jenseits. Hat Jesus also vertröstet?


2. Sie spüren, dass bei dieser Frage deutlich wird, dass es eben nicht um Vertröstung geht, um eine Änderung der Verhältnisse erst im Jenseits. So war Jesus nicht drauf. Sein ganzes Wirken zielte darauf, jetzt schon die Verhältnisse zu ändern. Jesus verspricht nicht einfach ein besseres Leben nach dem Tod. Er hat ja gerade die Armen, Hungernden, Weinenden, Ausgegrenzten aufgesucht und ihnen geholfen. Aber wie sollen wir denn zum Beispiel den Satz sonst verstehen: „Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden“, wenn nicht als Verheißung? Allerdings: Den Hungernden versprechen, dass sie satt werden, darf man nur, wenn man die Erfüllung nicht erst im Jenseits und nicht erst in einer ungewissen Zukunft erwartet, sondern in einer Zukunft, die jetzt beginnen soll.


3. Wie ist das zu verstehen? Jesus spricht immer wieder vom Reich Gottes. Für ihn ist klar, dass das Reich Gottes nicht einfach so kommt, sondern von Menschen verwirklicht werden soll. Er beruft zwölf Jünger als Symbol der zwölf Stämme Israels und macht somit deutlich: Ihr seid der Anfang der Erneuerung Israels. Hier soll wieder das Reich Gottes aufgerichtet werden. Jesus lebt ganz aus der Nähe Gottes und der Überzeugung, dass jeder Mensch ganz und gar von Gott geliebt ist. Deshalb könne auch jeder Mensch anders leben. Er beginnt damit und will, dass seine Jünger damit beginnen. Und als an Pfingsten Gottes Geist sie erfüllt, beginnt tatsächlich etwas Neues. Viele Menschen lassen sich taufen und leben anders. Es wird etwas spürbar vom Reich Gottes auf Erden. Das erste, was tatsächlich die christlichen Gemeinden schaffen: Es wird niemand ausgegrenzt, weder Juden noch Griechen, weder Arme noch Sklaven, egal aus welchem Volk oder Stamm. Pfingsten führt sie alle zusammen. Ein Stück Reich Gottes auf Erden. Die Armenfürsorge gehörte von Anfang an zu den herausragenden Merkmalen christlicher Gemeinden. So haben wir einen Brief des römischen Kaisers Julian (360-363), in dem es heißt: „Begreifen wir denn nicht, dass die Gottlosigkeit (Christentum) am meisten gefördert wurde durch die Menschlichkeit der Christen gegenüber den Fremden und durch die Fürsorge der Christen für die Bestattung der Toten? … Die gottlosen Galiläer ernähren außer ihren eigenen Armen auch noch die unsrigen, die unsrigen aber ermangeln offenbar unsrer Fürsorge“. Hier stimmte, was Jesus sagte: Selig die Hungernden, denn sie werden gesättigt werden“.


4. Das Anderssein aufgrund des wirtschaftlichen und/oder sozialen Status darf in den Augen des Evangelisten Lukas keine Trennung innerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft zur Folge haben. Nach Meinung des Lukas ist das Gefälle zwischen reichen und armen Gemeindemitgliedern eine Herausforderung. Darum geht es: Die Kirche, besser jede einzelne Gemeinde, soll eine Verwirklichung des Reiches Gottes sein. So liest sich also das heutige Evangelium nicht wie eine billige Vertröstung, sondern als Anspruch an eine christliche Gemeinde, ja als caritativer Pastoralplan: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ Das heißt, ihr werdet eine neue Heimat finden. „Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden“. Ihr werdet eine Gemeinschaft finden, in der Menschen aufeinander achten. „Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“ Trauernde bekommen eine Hoffnung. „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen.“ In einer christlichen Gemeinde gehen die Menschen anders miteinander um.


5. Das, was also Jesus „Reich Gottes“ nennt, ist eine schon auf Erden beginnende Wirklichkeit, die durch eine Gemeinschaft von Menschen, die an Christus glauben, erfahrbar werden soll. Das heißt aber auch, dass Kirche nicht eine Ansammlung frommer Menschen ist, die zum eigenen Heil hierherkommen. Ein solcher heilsegoistischer Ansatz hat mit dem, was sich Jesus unter „Reich Gottes“ vorstellt, nichts zu tun. So gesehen ist das heutige Evangelium auch eine Herausforderung. Ja, vielleicht bringen uns auch die Seligpreisungen in Verlegenheit. Wäre auch nicht das Schlechteste.

Franz Langstein

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