08.05.2022

Predigt am 4. Sonntag der Osterzeit C 2022

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich will eine kleine Begebenheit berichten, die sich vor etwa drei Wochen abgespielt hat: Ich saß oben in der Ritterstraße in meinem Büro, als ich eine Gans ziemlich laut schnattern hörte. Ich wunderte mich zwar ein wenig, dachte mir aber zunächst nichts dabei. Erst als sie gar nicht mehr aufhörte, laut zu schnattern, wurde mir klar, dass das ein Hilferuf sein könnte. Ich bin also runter und fand in den Raum zwischen der lutherischen Pfarrkirche und der Mauer an der Ritterstraße eine Nilgans. Normalerweise wäre sie nicht in Not, denn sie könnte ja einfach davonfliegen. Aber das war nicht möglich, denn sie war Mutter und hatte drei Küken bei sich, die sie offensichtlich in einem Nest an der lutherischen Pfarrkirche ausbrütete. Und nun kam der Tag, an dem sie sich aufmachte, mit ihren Küken zur Lahn zu gehen. Aber dieser Zwischenraum von Kirche und Mauer war zu allen Seiten hin abgeschlossen. Und das war auch gut so. Denn der Weg zur Lahn hätte diese junge Familie über die Universitätsstraße und Frankfurter Straße geführt. In ihrer Hilflosigkeit und Not schnatterte also die Gans sehr laut. Ich rief also die Feuerwehr, die für solche Rettungsaktion zuständig ist. Auch das Ordnungsamt wurde alarmiert und eine Ordnungshüterin kam dann auch bald. Leider musste ich dann fort, weil ich eine Beerdigung hatte. Ich musste mir also den Rest am Abend erzählen lassen, als ich die Ordnungshüterin wieder traf. Die Feuerwehr kam also und fing die Mutter mit ihren zwei Küken ein und brachten sie zur Lahn. Ich wandte ein, dass es doch drei Küken gewesen seien. Ja, so erzählte sie mir weiter, das dritte Küken war zwischenzeitlich entwischt und wurde später von Passanten an der Kugelkirche gefunden. Diese wiederum riefen ebenfalls die Feuerwehr an, die nochmals ausrückte und das Küken zur Lahn brachte. Dort fanden sie auch die Familie wieder. Und als die Mutter ihr Küken erblickte, war sie voller Freude und Aufgeregtheit, und auch das Küken sprang sofort ihrer Mutter und ihren Geschwistern entgegen. Sie erkannten sich.


2. Warum erzähle ich das? Weil wir heute im Evangelium folgende Sätze hörten: „Meine Schafe hören auf meine Stimme und ich kenne sie, und sie folgen mir.“ Wenn man das so sagen darf: Der Anblick der Mutter hat bei dem wiedergefundenen Küken eine Resonanz ausgelöst und umgekehrt: Der Anblick ihres Kükens hat bei der Mutter eine Resonanz ausgelöst, die daher rührt, dass die beiden zusammengehören, und zwar existentiell zusammengehören, vom Wesen und vom Leben her zusammengehören. Könnte es nicht sein, dass das Johannes-Evangelium Ähnliches beschreiben will: „Meine Schafe hören auf meine Stimme und ich kenne sie, und sie folgen mir“? Man muss dazu wissen, dass es damals durchaus üblich war, dass Hirten ihren Schafen Namen gaben und dass sie diese mit Namen riefen und die Schafe auch folgten. Denn Namensgebung ist auch immer ein Zeichen der Zusammengehörigkeit. Namen lösen Resonanzen aus. Wenn mich einer mit Namen anredet, dann fühle ich mich angesprochen, dann löst das in mir etwas aus. An anderer Stelle im Johannes-Evangelium heißt es deshalb vom guten Hirten: „Die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen“. Die Zusammengehörigkeit, die sich im Nennen des Namens manifestiert, löst also eine Resonanz aus, löst also etwas aus.


3. Das Johannes-Evangelium beschreibt also die Zusammengehörigkeit von Gott und Mensch im Bild des Hirten und seinen Schafen. Wie ist diese Zusammengehörigkeit zu beschreiben? Sie ist nur aus dem Inneren des Menschen heraus zu beschreiben: Im Menschen ist eine Sehnsucht letzter und tiefster Geborgenheit, eine Ahnung nach Größerem als er selbst ist, eine Verlässlichkeit, dass doch die eigene Existenz zutiefst versöhnt ist und gut und sinnvoll ist, eine Hoffnung, dass doch alles im Leben Sinn macht, kurz: Ein Wunsch nach Liebe, der die ganze Existenz meint und annimmt und birgt und Ewigkeit verheißt. Diese Ursehnsucht des Menschen kann nur Gott erfüllen. Letztlich ist es auch die „Ursehnsucht“ Gottes, so beim Menschen zu sein. Und deshalb ist er in Christus gekommen und hat sich in ihm gezeigt. Christus ist deshalb der Hirte, der durch sein Leben, seine Worte und seine Taten beim Menschen genau diese Resonanz ausgelöst hat und auch bei uns auslöst: Er ist die Erfüllung dessen, was wir uns ersehnen. Ihm folgen „die Schafe“, wenn sie seine Stimme hören, um im Bild zu bleiben. Weil in Christus Gott erfahrbar wurde, löst die Begegnung mit Christus im Menschen diese Resonanz aus: Hier ist der gekommen, der Leben und Versöhnung und Sinn gibt. So folgen nun die schönen Sätze: „Und ich gebe Ihnen ewiges Leben, und sie werden nicht zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“ Und, und, und, als könnte Gott nicht genug geben.


4. Und dann folgt der tiefe Schlusssatz: „Mein Vater, der sie (die Schafe) mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins.“ Auch hier ist es zum besseren Verständnis gut zu wissen, dass die Hirten oft im Dienst eines Viehbesitzer die Schafe hüteten. Den Hirten wurden also die Schafe übergeben: „Mein Vater, der die Schafe mir gab.“ So also beschreibt das Johannes-Evangelium die Sendung Jesu: Gott ist es, die tiefe Sorge um uns trägt und in Christus wurde diese Sorge um uns greifbar, sichtbar. Und diese Greifbarkeit Gottes in Christus löst bei uns eine tiefe Resonanz des Glaubens und des Vertrauens aus.

Franz Langstein

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