28.11.2021

Predigt am 1. Advent Lesejahr C22

Lk 21,25-28.34-36

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wie sollen wir mit solchen Worten umgehen: „An Sonne, Mond und Sternen werden Zeichen sichtbar. Über das Toben und Donnern des Meeres werden die Menschen vor Angst vergehen“? Zunächst einmal sind das Zeilen aus dem Lukas-Evangelium, Zeilen zwischen 70 und 80 nach Christus. Zeilen, die unter verschiedenen Eindrücken entstanden. Die römische Armee hat den Aufstand der Juden im Jahre 70 brutalst niedergeschlagen, das Land erobert, die Stadt Jerusalem ausgehungert und den Tempel dem Erdboden gleichgemacht. Israel hat aufgehört zu existieren. Kaiser Nero machte für den verheerenden Brand in Rom im Jahre 64 die Christen als Schuldige ausfindig und veranlasste eine grausame Christenverfolgung. Was ist da passiert?


2. Es ist das Verlässlichste, was der Mensch zu haben glaubte, zerbrochen: Die Religion, das sich auf Gott verlassen zu können. Da ist für jeden Einzelnen, egal ob mit der Zerstörung des Tempels für die Juden oder mit dem Brand der Stadt Rom für die Christen, eine ganz Welt zerbrochen. Eine ganze Welt. Für jeden einzelnen hat das kosmische Ausmaße. Das ist vergleichbar mit Verlässlichsten, was die Menschen der damaligen Zeit kannten: Die Sterne. Seit ewigen Zeiten ziehen sie ihre Bahnen, stehen immer am selben Ort, sie geben den Jahreszeiten ihren Rhythmus und kündigen Aussaat und Ernte an. Absolut verlässlich. Der Untergang Jerusalems und die Verfolgung der Christen durch Nero kann man damit vergleichen. Auf was kann man sich jetzt noch verlassen? „An Sonne, Mond und Sternen werden Zeichen sichtbar.“ Matthäus ergänzt sogar noch, dass die Sterne vom Himmel fallen. „Die Menschen werden vor Angst vergehen.“


3. Das sind extreme Erfahrungen von Menschen, die wir mal mehr oder weniger auch durchmachen. „Da bricht eine Welt zusammen“, sagen wir. Deswegen ist es gut, wenn wir auf diese Texte hören. Denn sie deuten solche extremen Erfahrungen. Im Grund sind nämlich diese apokalyptischen Texte, wie wir sie nennen, Trosttexte, Hoffnungstexte. Denn sie deuten diese extremen Situationen, sie deuten die Weltzusammenbrüche. Und wie werden sie gedeutet? Als vorläufig. „Nehmt euch in Acht, dass euch dieser Tag nicht plötzlich überrascht, so, wie man in eine Falle gerät; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen.“ Und dann bricht die Hoffnung durch: „Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen.“ Mit anderen Worten: Der Zusammenbruch alles Verlässlichen, selbst des Jerusalemer Tempels und der Gottverlässlichkeit ist nur vorläufig. Am Ende siegt die Hoffnung mit der Ankunft des Menschensohnes. Das Alte zerbricht, damit Neues wird.


4. Ich möchte diese Deutung einmal übertragen auf unsere kirchliche Situation: Viele Gläubige haben die Kirche mit ihren Riten als verlässlich erlebt. Religion und Glaube sollen dem Menschen Stütze sein. Das können sie aber nur, wenn man sich auf sie verlassen kann. In den letzten Jahren erleben wir nicht einfach einen Umbruch, sondern einen Abbruch dessen, was uns bisher vertraut war. Für manche fallen da wirklich die Sterne vom Himmel. Und da gibt es zweierlei Gefahren.

· Einmal: „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge“, gut – ganz so schlimm wie es im Evangelium steht, ist es nicht. Aber manche haben Angst, wie es weitergehen soll. Sie haben Angst in der Erwartung der Dinge, die da vielleicht kommen über die Kirche. Es ist ihnen nicht vertraut. Es ist die Gefahr, sich im Alten einzurichten und den Abbruch des Alten nicht wahrhaben zu wollen. Ich sage hier ausdrücklich dazu: Für mich sind da nicht nur sehr konservative Katholiken gemeint, die die Kirche des 19 Jahrhunderts behalten wollen, sondern für mich sind auch die gemeint, die das Alten retten wollen, indem sie einfach die Pfarreien größer machen. Ein Pfarrer für 14.000 Katholiken usw. Das ist für mich nichts Neues. Das ist für mich das Hinüberretten des Alten. Es wird auch nicht von Dauer sein. Das ist also die eine Gefahr: Man will das Alte retten, weil man das Neue nicht kennt, nicht will, es nicht für möglich hält.

· Die andere Gefahr ist: Man hat eine Ahnung vom Neuen. Man redet dann von Abschaffung des Pflichtzölibats, vom Frauenpriestertum, von neuen geschwisterlichen Gemeindestrukturen, von der Abschaffung des Klerikalismus usw. Es wird eine ganz neue und andere Kirche geben. Das Alte muss zerbrechen, damit Neues wird. Und die Gefahr dieser Menschen ist, es nicht abwarten zu können. Dass sie nicht bereit sind, den langen Weg zu gehen, der für diese Veränderungen erforderlich ist. Dass sie die Geduld nicht aufbringen. Denn sie möchten gern zu ihren Lebzeiten die Neuerungen noch erleben. Aber solche Prozesse ziehen sich hin in einer Kirche, die in Jahrhunderten denkt. Sie haben die Geduld nicht und geben auf. Das sind die beiden Gefahren. Und vielleicht ist das, was wir Fusionen der Gemeinden nennen, auch nur eine Zwischenstufe zum wirklich Neuen. Denn das die jetzt fusionierte Gemeinden keine Dauer haben können, wissen selbst die Bischöfe. Altes muss zerbrechen, damit Neues wird.


Wir stehen im Advent, der Zeit der Erwartung. Sie kommt wie gerufen. Einüben in das Warten können, in die Hoffnung auf das Neue, in die Geduld, nicht alles selbst erleben zu müssen, in die Fähigkeit, nicht die Zukunft zu gestalten, sondern die Gegenwart und die Unterscheidungsgabe zu spüren, was wirklich dran ist. Auch wenn die Sterne vom Himmel fallen. „Lasst euch nicht verwirren“. Und „haltet euch bereit“, denn das Kommen des Neuen erfordert einen langen Atem. Das Alte vergeht nur, damit Neues wird. Das ist ein Lebensgesetz, ein Naturgesetz, auch ein religiöses Gesetz. Der Tod gebiert das Leben.

Franz Langstein

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