28.03.2021

Predigt am Palmsonntag B21

Les: Sacharia 9,9ff; Evangelium: Mk 11,1-10

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es ist schon eigenartig. Heute zieht Jesus umjubelt von der Menge in die Stadt Jerusalem ein, fünf Tage später ruft die Menge „Kreuzige ihn!“ Von der höchsten Höhe bis in die tiefste Tiefe – das in nur wenigen Tagen. Menschliche Extremsituationen werden in kürzester Zeit durchlebt. Ich muss Ihnen gestehen, dass mich so etwas fasziniert. Vielleicht ist es die Sehnsucht, selbst mal aus der Banalität und Alltäglichkeit des Lebens auszusteigen und was ganz Extremes zu erleben. Mich faszinieren so Filme, die solche Extremsituationen beschreiben, der Untergang, das Boot… Ich weiß nicht, warum? Und es gibt Menschen, die bewusst das Extreme suchen: Extrembergsteiger oder Extremtieftaucher; Menschen mit Extremsportarten usw. Mal an die Grenze kommen. Das Leben in seiner ganzen Höhe und Tiefe, Länge und Breite auskosten. Man muss so etwas nicht immer suchen: Das Leben kann von selbst an die Extreme kommen. Ich habe ja hier viele Hochzeiten, weil die Kugelkirche eine schöne Kirche ist. Dann erlebe ich hier das junge Glück. Strahlende Gesichter, Tränen in den Augen, Glückstränen, Hoffnung, Zukunft, Liebe, ein beseligendes Ja-Wort. Und dann erlebe ich auch Menschen, deren gemeinsamer Lebensweg zu Ende geht. Ehen gehen auseinander. Tiefe Abstürze. Was einmal so glücklich begonnen hat, endet so traurig, verzweifelt. Oder Menschen, die gerade sich noch bester Gesundheit erfreuten, erhalten plötzlich eine schlimme Diagnose. Was für ein Absturz! Man sagt ja so solchen Situationen oft: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Und das gilt sogar religiös: religiöses Glücksgefühl, Erfahrung von Nähe Gottes, Glaubensgewissheit, und nur wenig später Gefühl von Gottferne, Zweifel, Gottverlassenheit. Nicht einmal religiös sind wir auf der sicheren Seite.


2. Auch bei Jesus. Gerade war er am Berg Tabor. Sein Gewand strahlte ganz weiß. Seine Herrlichkeit offenbarte sich ihm. Seine Gottessohnschaft. Vom Himmel kam die Stimme: „Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ Das war erst vor wenigen Tagen. Heute zieht Jesus in Jerusalem ein. Umjubelt. Die Menge ist begeistert. Fünf Tage später der Absturz. Die Menge jubelt nicht mehr. „Kreuzige ihn“ werden sie rufen. Und „Das ist mein geliebter Sohn“ war einmal. Jetzt heißt es: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Menschliche und religiöse Extremsituationen innerhalb ganz weniger Tage. Es gibt keine Konstante im Leben. Nicht einmal eine religiöse Konstante. Was habe ich früher geglaubt, als ich Priester geworden bin. So, so dachte ich, jetzt habe ich es geschafft. Jetzt geht es schnurstracks in die Ewigkeit. Der Weg ist vorgezeichnet. Es hat nicht lange gedauert, bis man lernen musste, dass der Weg durchs Leben nicht geradlinig von der Geburt zum Tod, sondern über viele Umwege, Abwege, Irrwege und Sackgassen verläuft. Freudig und schmerzvoll. Voll des Glaubens und voll des Zweifels. Mal Palmsonntag, mal Karfreitag. Das ist unser Leben. Freilich die meiste Zeit läuft es irgendwie alltäglich daher. Mal ist das Glas halbvoll, mal halbleer. Was soll`s. Zum Glück läuft das Leben die meiste Zeit alltäglich daher. Aber es ist eben nicht konstant so.


3. Gibt es überhaupt eine Konstante? Heute ist Palmsonntag. In fünf Tagen Karfreitag. Vielleicht gibt es tatsächlich ein Konstante. Dann ist die aber nicht im Leben zu suchen. Dann wäre die Konstante dort anzusiedeln, wo wir nicht hingelangen.


4. Ich möchte es mal als Hobbyastronom mit der Erde im großen Kosmos vergleichen: Hier ist unsere Erde. Auf ihr spielt sich das ganze Leben ab. Mit allen Höhen und Tiefen. Mit allen Extremen. Mit allem Beglückendem und Traurigem. Alle Dramen. Aber die Erde dreht sich weiterhin um die Sonne. Und Erde und Sonne sind eingebettet in etwas viel Größerem, das wir Kosmos, auf Deutsch „Schmuckstück“, nennen. Egal, was ist. Die Erde dreht sich und bewahrt so das Leben auf Erden. Vielleicht ist es auch so um unser Leben bestellt. Egal, was ist. Wir sind mit unserer Existenz in etwas viel Größerem geborgen, in eine viel größere Liebe eingebettet, in ein weit über uns hinausgehendes göttliches Geheimnis verwurzelt. Egal, was ist. Das ist wohl die einzige wirkliche Konstante unseres Lebens.


5. Heute ist Palmsonntag. In fünf Tagen Karfreitag. Zwei Extreme. Aber über allem steht schon jetzt das ewige Ostern, die Konstante unseres Lebens. Das Eingebettet und Geborgensein in göttlicher Liebe. Egal, was ist und wie wir uns fühlen.

Franz Langstein

  •  
  •  
  •  
 

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 17.30 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe