28.02.2021

Predigt am 2. Fastensonntag B21

Gen 22,1-18; Mk 9,2-10

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Heute schauen wir in die Abgründe des Religiösen. Das klingt merkwürdig, hörten wir doch gerade im Evangelium, dass Jesus auf einen hohen Berg stieg und dass er dort im hellen Lichte erstrahlte. Aber die Liturgie der Kirche hat uns heute zwei Lesungen vorgestellt, die bewusst so gewählt wurden und die wir aufeinander beziehen sollen.


2. Es wird uns in der ersten Lesung berichtet, dass Abraham von Gott den Befehl erhält, seinen einzigen Sohn als Schlachtopfer darzubringen. Wir Heutigen sind über eine derartige Gottesvorstellung entsetzt. Gott kann so etwas niemals wollen. Wenn heute jemand käme und würde sagen: „Ich habe eine Gotteserscheinung gehabt, und Gott hat mir befohlen, meinen Sohn zu opfern und zu töten“, dann würde ich sofort die Polizei rufen. Und jeder würde bei einem solchen Menschen religiöse Wahnvorstellungen diagnostizieren, und es würde dafür gesorgt werden, dass er in eine Psychiatrie käme. Und das wäre gut so. Aber eigenartig: Bei dieser Abrahamsgeschichte hält das niemand für einen religiösen Wahn, sondern es wird heute Predigten geben, die darauf abzielen, wie groß der Glaubensgehorsam des Abraham ist und dass er bereit ist, für Gott alles zu geben, und die Prediger werden Abraham als Vorbild hinstellen. Der Schott, das ist ein kleines Messbuch mit Erläuterungen, schreibt dazu: „Gott prüfte den Glauben Abrahams, er befahl ihm, den einzige Sohn als Opfer darzubringen. Durch Schmerz und Verzicht kann der Mensch innerlich wachsen und reifen und jene Freiheit gewinnen, die ihn erst eigentlich zum Menschen macht.“ Das meinte ich, wenn ich sagte: Wir schauen in die Abgründe des Religiösen. Sogar der Wille zum Menschenopfer bekommt Vorbildcharakter.


3. Sie werden zurecht einwenden: Aber das war ja damals eine andere Zeit. Ja, das stimmt! Zur Zeit Abrahams gab es Menschenopfer. Gott hat man das Höchste zu geben, das man hatte, wenn es sein muss. Und genau das ist der entscheidende Punkt: Auch Abraham mag so gedacht haben. Gott ist das Beste zu geben. Und wenn er das eigene Kind fordert, ist dem im Gehorsam Folge zu leisten. Der Mensch hatte das Gefühl, dass da eine höhere Macht (Gottheiten, Göttliches oder Gott) so mächtig ist, dass man dieser Macht nicht widerstehen darf. Gott übt Macht über die Menschen aus, und deshalb ist Gott unbedingter Gehorsam zu leisten. Und jetzt komme wir dem näher, was ich mit „Abgründe des Religiösen“ meinte.


4. Immer hatten Menschen das Gefühl, im Auftrag Gottes oder im Auftrag einer höheren Macht zu handeln. Die Kreuzzugsfahrer fuhren nach Palästina, weil sie sich von Gott dazu beauftragt sahen und richteten dort ein Blutbad an. Hexen wurden verbrannt, weil man glaubte, Gott wolle es so. Und bis zum heutigen Tag wir mit dem Auftrag Gottes argumentiert: Weil Gott es will, dürfen keine Frauen Priester werden. Weil Gott es will, dürfen Priester nicht heiraten. Weil Gott es will. Gott ist absoluter Gehorsam zu leisten. Er ist eine Macht über unsrem Leben, dem nicht zu widersprechen ist. Nicht wenige Menschen haben ein solches Gottesgefühl und ein solches Gottesbild. Und so manche Kirchenoberen bedienen sich deshalb gerne dieser Rhetorik. Mit Gott kann man alles begründen. Ein 46jähriger Mann bekannte einmal: „Lange Zeit meines Lebens habe ich geglaubt. Jetzt bin ich überzeugter Atheist und glücklicher als ich je als Gläubiger war“. So eine Aussage spricht Bände. Welche Last muss für ihn „Gott“ gewesen sein?


5. Kommen wir zurück zu Abraham. Abraham ist genau in diesen Denkstrukturen. Man muss tun, was Gott will. Gott wird zur Last. Abraham muss seinen Sohn opfern, wenn Gott es will. Und in diesem inneren Zwiespalt kommt Abraham nun zur Erkenntnis: Nein, das ist nicht Gott, der das will. Ich denke nur, dass Gott das will, aber so ist Gott nicht. Ein Engel, so heißt es, ruft ihm zu: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zu leide“. Wohl war ein Engel in der Religionsgeschichte noch nie so wertvoll wie da. Man kann sagen, dass diese Abrahamserzählung eine religiöse Wegmarkierung bedeutet: Gott übt keine Macht über die Menschen aus. Er will nicht, dass ihm Menschen das Höchste opfern, weil sie glauben, Gott sei eine Macht, der man nicht widerstehen darf. Man darf nicht mit Gott argumentieren, um Opfer zu rechtfertigen. Der Satz: „Gott will das so“, um auf diese Weise eigene Interessen durchzusetzen oder Gott als Last anderen aufzulegen oder mir selbst Lasten aufzulegen, ist seit Abraham verboten.


6. Und jetzt kommen wir noch kurz zum heutigen Evangelium. Welch ein Unterschied: Dort der von der Last Gottes niedergedrückte Abraham, hier der in strahlendes Weiß eingehüllte Jesus. Dort jene Figur, die glaubt, einer übermenschlichen unberechenbaren Macht ausgeliefert zu sein, hier Jesus, der sich als Sohn Gottes begreifen darf.


7. Und von da an geht Jesus direkt nach Jerusalem ans Kreuz. Und wenn uns der Kreuzweg Jesu überhaupt etwas sagt, dann: „Gott übt keine Macht aus“. Er hat weder den Pilatus erschlagen noch die Hohenpriester. Er hat weder verhindert, dass Judas Jesus verrät noch verhindert, dass Jesus gefangen genommen wurde. Der Kreuzestod Jesu ist die Offenbarung eines Gottes, der sich ganz zurückzieht und auf seine Macht verzichtet. Und dafür gibt es nur einen Grund: Die Liebe. Ein mächtiger unerbittlicher Gott, der wie eine Last auf den Menschen drückt, hat mit Liebe nichts zu tun. Gott muss sich um seiner Liebe willen ganz zurücknehmen, sonst würde er den Menschen erdrücken. Deshalb ist das Kreuz Christi die höchste Offenbarung der Liebe Gottes, die völlige Zurücknahme Gottes, an der sogar Jesus seine Zweifel bekommt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Aber nur dort, wo Gott sich zurücknimmt, schaut auch der Mensch nicht mehr in den religiösen Abgrund. Denn jetzt kann man mit Gott nicht mehr die eigenen Untaten rechtfertigen oder mit Gott eigene Interessen durchsetzen.


8. (Wenn Papst Johannes Paul II. gesagt hat, dass Gott der Kirche keine Vollmacht gegeben habe, um Frauen zu Priestern zu weihen, dann stimmt das. Gott zieht sich zurück. Er wird der Kirche keine Vollmachten oder Anweisungen geben. Er hat übrigens genau aus diesem Grund auch der Kirche keine Vollmachten gegeben, nur Männer zu weihen. Das ist alles im Laufe der Kirchengeschichte entstanden und hat mit Gott herzlich wenig zu tun.)

Franz Langstein

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