25.04.2021

Predigt am 4. Sonntag der Osterzeit B2021

Joh 10,11-18

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Immer wieder kommt es in den Evangelien vor, dass darin Bilder bemüht werden, die einen Aspekt der Sendung Jesu verdeutlichen wollen. So zum Beispiel, wenn es heute im Evangelium heißt: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben für die Schafe“. Diese Bilder waren natürlich im Umfeld Jesu vertraut. Sie waren auch religiöse mit Inhalt gefüllt. Denken Sie zum Beispiel an den Anfang des Psalms 23: „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen“, oder an eine Stelle beim Propheten Jesaja: „Wie ein Hirt weidet Gott seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lämmer, an seiner Brust trägt er sie, die Mutterschafe führt er behutsam.“ Dieses Bild vom Hirten war auch religiös vertraut. Es konnte aber nur religiös vertraut sein, wenn es eben im Alltag der Menschen vorkam, wenn also das alltägliche Hirtendasein vertraut war. Das ist bei uns Heutigen nicht mehr der Fall. Wenn Bilder im Alltäglichen nicht mehr vorkommen, dann verlieren sie auch ihre religiöse Symbolik. Am besten wäre also, wir würden jetzt hier einen echten Schafhirten, frisch von seiner Herde kommend, einfach mal von seinem Alltag erzählen lassen. Dann hätten wir wahrscheinlich mehr vom heutigen Evangelium verstanden als wenn ich hier als Städter etwas über den Hirten als religiöses Symbol rede. Aber das ist ja das Problem vieler Bilder, die in der Bibel vorkommen: Gott als König, Gott als Richter, Gott als Vater usw. Sie erschließen sich religiös nicht immer sofort, weil sie im Alltag kaum vorkommen oder weil sie früher anders am Alltag vorkamen als heute, wie zum Beispiel „Gott als Vater“. Die Vaterrolle war früher eine ganz andere als heute.

2. Aber natürlich ist es schön, wenn ein Mensch sagen kann: „Gott ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“. Wenn er rückblickend auf sein Leben dies ganz beglückend feststellen kann, wie sehr Gott immer bei ihm war und ihn behütet hat. Diese Menschen sind religiös zu beneiden. Und doch fällt es vielen heutigen Menschen schwer, nicht nur, weil sie vielleicht schwere Schicksalsschläge verkraften mussten, sondern weil es uns nach Auschwitz grundsätzlich schwerfällt, von Gott als Hirten zu sprechen. Sollen wir deshalb auf solche Bilder verzichten?

3. Aber ich denke, es gibt für viele religiöse Menschen noch eine ganz grundsätzliche Schwierigkeit, von Gott in diesen Bildern zu sprechen. Und das müssen wir auch ganz ernst nehmen. Diese Bilder, wie Gott als Vater, Richter, Hirte, König, haben die Eigenschaft, dass sie sich Gott so vorstellen, als wäre Gott ein Gegenüber von mir: Gott ist der Hirte, der seine Schafe hütet. Gott ist der König, der über die Menschen regiert. Gott ist der Richter, der die Menschen richtet. Gott ist der Vater, der für seine Kinder sorgt. Immer ist es ein Gegenüber: Hier der Mensch, da Gott. Es sind Bilder einer Ich-Du-Beziehung. Es sind also letztlich Bilder eines Getrenntseins von Gott. Und damit können heute manche religiöse Menschen nicht mehr so viel anfangen.

4. Viele religiös sensible Menschen empfinden heute eher ein Einssein mit Gott. Gott ist nicht einfach immer nur das Gegenüber. Und sie drücken dieses Einssein dann auch anderes aus, in anderen Bildern; in Bildern, die Einheit zum Ausdruck bringen. Diese Bilder sind dann zum Beispiel: Gott ist der Urquell, dem ich mich verdanke. Gott ist der gebärende Urgrund, dem ich mich empfange. Gott ist der Wurzelgrund, aus dem ich hervorgehe. Gott ist das Brot, das mich speist und am Leben erhält. Gott ist der Weinstock, dem sich die Reben verdanken. Da sind wir sogar bei biblischen Bildern. Oder ganz gewagt: Gott ist das Dunkle, in das ich im Dunkel des Todes eintauche.

5. Viele religiöse Menschen empfinden so. Es sind Bilder der Einheit, nicht des Getrenntseins. Es sind Bilder der Gemeinschaft, nicht des Gegenübers. Es sind Bilder des Empfangens und somit des sich Verdankens.

6. Aber jetzt kommt’s! Sind diese Bilder des Gegenübers und der Einheit nun im Widerspruch? Ich glaube, dass sich beide Bilder gegenseitig vertiefen. Wenn wir so von Gott empfinden, dass er die Quelle ist, aus der wir ständig hervorgehen, dann bekommt der Satz: „Der Herr ist mein Hirte“ eine ganz tiefe Bedeutung. Gott ist der, der mich behütet wie ein Hirte, weil ich allezeit mich ihm verdanke und allezeit aus ihm hervorgehe und ich mich allezeit aus ihm empfange. Er ist also auch dann noch wie ein Hirte, „ob schon ich auch wanderte im finsteren Tal“, weil mich niemand von meinem eigenen Urgrund abschneiden kann. Das Bild vom Hirten ist also keine Garantie, dass mir nichts passiert; aber es ist eine Garantie, dass Gott so um mich besorg ist, dass mich nichts ihm, dem Urgrund allen Lebens, trennen kann. Denn Gott sich mir geschenkt.


Franz Langstein

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