24.12.2021

Predigt in der Heiligen Nacht 2021

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Was feiern wir heute Abend hier eigentlich? Weihnachten. Ja, aber was sagt uns das? Wir sehen ein Kind in der Krippe. Ja, immer ein Zeichen der Hoffnung. Leben hat Zukunft. Das Leben trotzt der Armut, der Kälte und später sogar dem Tod am Kreuz? Ostern? Aber es wäre zu wenig, wenn wir nur das feierten. Manche sagen dann: Hier liegt das göttliche Kind, der von Gott gesandte Messias. „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr“, sagte der Engel zu den Hirten. Ja, ist es das, was wir feiern? Das wäre viel und damit könnten wir gut leben. Wir könnten uns mit anderen Religionen darüber verständigen: War nicht auch Buddha ein Gott Gesandter, Mohammed, die alttestamentlichen Propheten? Also einen unter mehreren Gesandten Gottes? Ein göttliches Kind, wobei man das Attribut „göttliches“ durchaus ersetzen könnte mit „wunderbares“ oder „besonderes“ Kind. Ist es das, was wir feiern? Nein, es wäre immer noch zu wenig. Unser christlicher Glaube geht noch einen Schritt weiter: „Hier liegt Gott selbst. Hier ist Gottes Sohn.“ Wie wirkt das jetzt? Wie klingt das jetzt? Geht da nicht unser christlicher Glaube einen Schritt zu weit? Können wir da noch mitgehen?


2. Ich möchte jetzt etwas persönlich werden. Manchmal scheint es mir, als gingen wir Christen hier einen Schritt zu weit. Soll dieses Kind in der Krippe wirklich Gott sein? „Wahrer Gott und wahrer Mensch“, wie die Theologie später formuliert hat? Der Verstand kommt da nicht mehr mit. Und Verstandesmenschen haben da ihre Probleme, weil sie es nicht ertragen, wenn der Verstand ausgeblendet werden muss. Mir geht es da ganz ähnlich. Manchmal überkommen mich Zweifel. Ist das wirklich so? Wie kann man nur so von Gott denken! Er wird Mensch! Im wahrsten Sinn des Wortes unfassbar.


3. Aber dann wieder: Unsere ganze Kirche, unser ganzer Glaube, all das, was wir Sakramente nennen, beruht tatsächlich darauf, dass Gott Mensch geworden ist. Dass nämlich Gott Mensch geworden ist, bedeutet, dass er Schöpfung geworden ist, dass er sichtbar geworden ist, dass er erfahrbar geworden ist. Und genau deshalb ist er im Sichtbaren und Erfahrbaren, nämlich in seiner Schöpfung, weiterhin sichtbar und erfahrbar: In Brot und Wein, im Wasser der Taufe, im Wort der Vergebung, in der Natur usw. Ja, das ist mit bewusst, dass dieses inkarnatorische Prinzip, das heißt diese Materialisierung Gottes, ganz wesentlich ist für unseren Glauben. Und dennoch: Gott ist Mensch geworden? Wissen Sie, was ich manchmal denke?


4. Angenommen ich käme in den Himmel. Dort schaute ich, wie es unser Glauben ausdrückt, Gott von Angesicht zu Angesicht. Und jetzt würde der liebe Gott kommen und mir sagen: „Mensch, Franz, wie konntest Du nur so etwas glauben, dass ich Mensch werde! Wie konntest du nur so menschlich und abenteuerlich von mir denken?“ Das wäre sehr unangenehm. Da hält man sein Leben an dem Glauben fest, dass Gott Mensch geworden ist, und dann macht einem Gott selbst Vorwürfe? Und für diesen Fall habe ich mir bereits eine Antwort ausgedacht. Man muss ja vorbereitet sein! Wissen Sie, was ich dann dem lieben Gott antworten würde? Ich würde ihm Folgendes ganz lieb antworten: „Weißt Du, Gott, warum ich daran festgehalten habe, dass Du Mensch geworden bist, obgleich ich es selbst für unfassbar hielt? Weißt du es? Ich will es dir sagen: Weil ich es deiner Liebe zugetraut habe. Ich habe mir gedacht: Wenn Du in einer Art und Weise liebst, die dich nicht zur Ruhe kommen lässt, dann müsste doch die Erfüllung deiner Liebe darin bestehen, dass Du ganz eins mit uns wirst, d.h. selbst Mensch wirst. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Du vor diesen letzten Schritt zurückschrecken würdest. Auch wenn es das Kreuz für dich bedeutet hat. Ja, das habe ich deiner Liebe zugetraut. Sollte ich wohl zu groß von deiner Liebe gedacht haben?“ Ich glaube, dann wäre der liebe Gott platt und sprachlos, ob dieser Antwort. Dann könnte er wohl nichts mehr dazu sagen.


5. Aber nein. Wissen Sie, was ich hoffe, was er dann antworten wird? Er sollte dann sagen: „Lieber Franz, mein geliebtes Kind, natürlich hattest Du Recht, alles meiner Liebe zuzutrauen. Und ich bin Mensch geworden, weil ich mich mit euch verbinden wollte. Wenn ich dich vorhin gefragt habe: Wie konntest du nur glauben, dass ich Mensch geworden bin, dann deshalb, weil ich eine Antwort von dir hören wollte; weil ich hören wollte, was du meiner Liebe zutraust; weil ich hören wollte, wie sehr du meine Liebe anerkennst; weil ich in meiner Liebe auch gewürdigt werden wollte. Denn es ist schlimm, wenn man die Liebe des anderen nicht erkennt oder gar ablehnt. Ich danke dir, dass Du mit gesagt hast: Ich habe deiner Liebe alles zugetraut“.


6. Wenn wir also heute Nacht tatsächlich in dieser Krippe die Menschwerdung Gottes feiern und dass vor dieser Krippe bekennen, dann ist das das Zutrauen zu Gott, dass seine Liebe grenzenlos ist.

Franz Langstein

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