24.10.2021

Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis 2021

Mk 10,46-52

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Um das heutige Evangelium besser erfassen zu können, ist es gut, diesen Text im Kontext zu sehen mit dem, was vorher erzählt wurde und was nachher erzählt wird. Die Evangelisten haben ja ihr Evangelium nicht in einzelne Abschnitte gegliedert, so wie wir das heute vorliegen haben, sondern in einem einzigen Erzählfluss. Und da fällt auf, dass das heutige Evangelium so gar nicht richtig in diesen Erzählfluss hineinpassen will. Es stellt irgendwie eine Unterbrechung dar. Jesus ist mit seinen Jüngern nämlich auf dem Weg nach Jerusalem, um dort zu sterben. Auf diesem Weg erklärt er seinen Jüngern dreimal, dass er nach Jerusalem gehe, um dort zu sterben. Diese dreifache Leidensankündigung aber wird von den Jüngern nicht verstanden. Im Gegenteil: Sie spekulieren, wer die besten Plätze erhalten wird, wenn Jesus sein Reich aufrichten wird. Und dieser Weg nach Jerusalem wird nun unterbrochen mit der Erzählung der Heilung des blinden Bartimäus. Es ist ein Innehalten. Wir ahnen schon, dass der blinde Bartimäus ein Symbol darstellen soll für die Blindheit der Jünger, die nicht sehen können, warum Jesus denn sterben solle.

Interessant sind noch drei weitere Beobachtungen: „Als Jesus mit einer großen Menschenmenge Jericho verließ“. Jesus wandert also durch Jericho und beim Verlassen der Stadt, als am Ortsausgang, trifft er den blinden Bartimäus. Der Blinde sitzt also genau an der Stelle, von wo aus sich die galiläischen Pilger zur letzten Etappe nach Jerusalem auf den Weg machen. Es ist auch für Jesus die letzte Etappe zu dem Ort, an der sterben und auferstehen werde, also die letzte Etappe zum Kreuz und zum Ostersieg.

Und noch etwas ist außergewöhnlich: bei Heilungswundern wird der Geheilte nie namentlich genannt. Hier aber ist das der Fall. Bartimäus ist sein Name.

Und das Dritte: Bartimäus ruft Jesus mit dem Satz: „Sohn Davids, Jesus, hab erbarmen mit mir“. Der Heilung voraus geht also ein Messiasbekenntnis des Blinden.


2. Dies alles mitbedenkend, schauen wir uns die Erzählung an. Der Blinde sitzt also am Ausgang der Stadt. Als er hörte, dass Jesus vorüberkommt, rief er: „Sohn Davids, habe Erbarmen mit mir“. Den Leuten ist das Geschrei peinlich und sie befahlen ihm zu schweigen. Daher ruft er noch lauter. Wir spüren die ganze Hoffnung in Bartimäus. Seine einzige Chance. Jesus darf nicht vorüberziehen. Er muss auf sich aufmerksam machen. Und tatsächlich: „Jesus blieb stehen“. Ja, er blieb nicht nur stehen, sondern er ruft den Blinden. Und mit jeder Zeile, die nun folgt, spüren wir etwas von einer zutiefst freudigen Erregung, ja freudigen Erfüllung seiner Hoffnung. „Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu“. Und das Wunder geschieht: Der Blinde wird sehend. Und nun heißt es am Schluss: „Er folgte Jesus auf seinem Weg.“ Er geht also mit Jesus den Weg nach Jerusalem, zum Ort, an dem sich das Leben Jesu vollenden wird. Bartimäus geht in die Nachfolge und wird deshalb namentlich genannt. Der Geheilte wird zum Teilnehmer am Schicksal Jesu. Er folgt Jesus auf dem Weg nach Jerusalem, weil er etwas erfahren hat, weil ihm etwas geschenkt wurde.


3. Wir spüren, dass diese Erzählung eine Art Berufungsgeschichte darstellt. Bartimäus werden von Jesus die Augen geöffnet und er erkennt seine Berufung. Und diese Erzählung ist eine Kontrastgeschichte. Während die Jünger Jesu ohne große innere Teilnahme nach Jerusalem gehen und den Sinn dieses Weges nicht so richtig begreifen, folgt Bartimäus Jesus auf seinem Weg, aus Dankbarkeit, weil er etwas erfahren hat. „Bartimäus folgte Jesus auf dem Weg“. Es ist ein bewusstes Nachfolgen, im Gegensatz zu den Jüngern, die wohl mehr äußerlich einfach mitgehen. Kurz vorher im Markusevangelium steht, wie Jesus seinen Jüngern vorwirft: „"Habt ihr denn keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hören?" Bei Bartimäus ist das anders.


4. Bartimäus geht also mit Jesus zu dem Ort, an dem Jesus sterben wird und an dem der Ostersieg gefeiert wird. Bartimäus geht mit, weil er etwas erfahren hat, etwas neu gesehen hat, weil ihm etwas geschenkt wurde und weil ihm große Gnade zuteilwurde. Das ist der Unterschied zu einer rein oberflächlichen, gewohnheitsmäßigen oder nur behaupteten Nachfolge Christi.


5. Wir könnten uns das ja auch einmal fragen, was Jesus dem Bartimäus gefragt hat: „Was soll ich dir tun?“, und überlegen, was hat Jesus an uns getan? Wo habe ich seine Liebe und Gnade gespürt, seine Gegenwart geahnt? „Was soll ich dir tun?“, fragt Jesus uns auch. Und vielleicht öffnet er uns die Augen, dass wir erkennen, was er an uns getan hat, dass jeder von uns auch eine Berufungsgeschichte hat. Und wir werden dann dankbar bei ihm sein wollen und – wie Bartimäus – uns mit ihm auf den Weg machen.

Franz Langstein

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