24.01.2021

Predigt am 3. Sonntag B21

Mk 1,14-20

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich will mit einer kleinen Geschichte beginnen: Da steht jemand in einem Raum, aus dem fünf Türen herausführen. Wenn dieser Mensch allerdings eine Tür öffnet, muss er diesen Weg gehen, er darf die anderen Türen dann nicht öffnen. Er wird also nie erfahren, was hinter den anderen Türen ist. So steht er also nun in diesem Raum und genießt seine Freiheit: „Ich könnte ja alle Türen öffnen“. Aber selber öffnet er keine Tür, weil er weiß, dass er dann diese Freiheit nicht mehr hat. Eine wunderbare Geschichte! Ich muss mich in meinem Leben für einen Weg entscheiden, für einen Beruf, für eine Frau oder einen Mann oder als Single leben. Und indem ich entscheide, lege ich mich fest und schließe andere Möglichkeiten aus. Ich kann nicht Lokführer und Pfarrer gleichzeitig sein, obgleich ich beides gerne wäre. Das heißt: Ich muss in meinem Leben eine Tür öffnen und damit bleiben die anderen verschlossen. Fünf Türen sind möglich, aber eine muss Wirklichkeit werden. Wer nur die Möglichkeiten genießt und nie einen Weg betritt, weil er sich alles offenhalten will, wird sein Leben nur als Möglichkeit leben, aber nie als Verwirklichung. Freiheit ist nicht der Genuss von Möglichkeiten, sondern die Umsetzung einer Möglichkeit in die Wirklichkeit meines Lebens.


2. Damit ist klar, worum es bei Entscheidungen geht. Es geht um das Ganze des Daseins, um das Ganze meines Lebens. Mit einer Lebensentscheidung gebe ich meinem Leben eine Prägung. Eine solche Entscheidung aber wird nicht getroffen nach bestimmten Auswahlkriterien, wie: Wie kann ich am meisten Geld verdienen; wo bekomme ich am meisten Anerkennung; was muss ich tun, um möglichst viel Macht zu bekommen. Nein, es geht nicht um Auswahlkriterien, sondern es geht um das Dasein als das, was es sein soll. Wir sagen dazu: Aus der Entscheidung wird eine Entschiedenheit. Wer also in dieser Weise Arzt, Lokführer, Musiker wird, ist es dann auch wirklich. Das Leben hat aufgehört, in Möglichkeiten zu leben; ich beginne, meinem Leben eine Wirklichkeit zu geben.


3. Aber eine Entscheidung hat eine Vorgeschichte. In meinem Leben sind schon viele Dinge passiert, die mich geprägt haben. Es gibt Freude an gewissen Tätigkeiten, Lust auf bestimmte Vorstellungen, wie das eigene Leben sein sollte, es gibt Erfahrungen, die mich schon auf bestimmte Möglichkeiten meines Lebens hinweisen, es gibt Hobbys, durch die ich spüre, wer ich gern sein wollte usw. Insofern ist jede Entscheidung immer auch das Ergebnis solcher vergangenen Prägungen und Erfahrungen. Und weil eine Entscheidung oft das Ergebnis solcher vergangenen Prägungen und Erfahrungen ist, waren diese nicht umsonst. Im Gegenteil: Sie waren notwendig als Entscheidungshilfe.


4. Und jetzt schauen wir auf die vier Jünger, die heute im Evangelium berufen werden und die eine Lebensentscheidung treffen. Sie waren Fischer, wahrscheinlich seit Generationen. Sie mussten nicht entscheiden, was sie tun sollen. Das Fischerdasein war ihnen wohl in die Wiege gelegt worden. Sie hatten keine Wahl; was sollten sie sonst machen. Um im Bild zu bleiben: Sie hatten keine fünf Türen, von denen sie hätten eine öffnen können. Sie hatten keine Möglichkeiten, aus denen sie auswählen konnten. Sie mussten sich zu nichts entscheiden.


5. Und dann kommt Jesus und macht zwei Dinge, die für eine Entscheidung nötig sind. Erstens eröffnet Jesus ihnen eine neue Möglichkeit: „Folgt mir nach!“ Zum ersten Mal tut sich wohl im Leben der Jünger eine neue Möglichkeit auf. Eine zweite Tür ist da. Und zweitens: Jesus knüpft an die vergangenen Erfahrungen der Jünger an: „Ich werde euch zu Menschenfischern machen“. Mit der Fischerei haben sie Erfahrungen. Von Kindheit an. Sie wissen, was es heißt: Geduld zu haben; die Nacht auf dem See auszuharren; die Ruhe und die Stille zu ertragen; den Misserfolg zu erdulden; aber auch die Freude zu spüren über einen gelungenen Fang; die Aufmerksamkeit mitzubringen für gute oder schlechte Bedingungen für einen Fischfang wie Wetter und Stürme. Eine Entscheidung lebt immer aus vergangenen Erfahrungen.


6. Das alles hören die Jünger, wenn Jesus ihnen eine neue Möglichkeit eröffnet: „Kommt folgt mir nach“ und wenn er dabei an ihre Erfahrungen anknüpft: „Ich werde euch zu Menschenfischern machen“. Habt also keine Angst, ihr könnt das. So treffen sie eine Entscheidung und leben nun in der Entschiedenheit. Kein Zurück mehr. Der Karfreitag bringt zwar ihre Entschiedenheit mächtig ins Wanken; Ostern knüpfen sie wieder daran an. Und sie gehen in dieser Entschiedenheit ihren Weg. Die Tradition weiß, dass drei der hier genannten Jünger zu Märtyrern wurden.


7. Nehmen wir das vielleicht auch mit für uns: Wir sind Christen. Vielleicht hätten wir auch andere Türen öffnen können. Vielleicht hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben. Aber wir haben uns für die eine Tür entschieden. Vielleicht auch, weil wir bestimmte Erfahrungen mit Gott und Glauben gemacht haben. So ist auch unser Glaube als Möglichkeit zu einer Wirklichkeit geworden. Aus einer Entscheidung eine Entschiedenheit.

Franz Langstein

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