23.05.2021

Predigt am Pfingstfest 2021

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Pfingsten – Fest des Heiligen Geistes. Fest der Herabkunft des Heiligen Geistes. Wer weiß das schon? Und die, die es wissen, wer versteht das schon? „Heiliger Geist“, der Begriff an sich ist schon sehr geisterhaft, sehr wenig konkret. Und wo immer etwas schwer verständlich ist, können Bilder weiterhelfen. Von solchen Bildern war in der ersten Lesung die Rede: Es war die Rede von Feuer und Sturm. Im Sturmesbrauen und in Feuerzunge bemächtigte sich Gott, der Heilige Geist, der Jünger. Bilder wollen uns helfen, das Unverständliche besser zu verstehen.


2. Feuer und Sturm sind nun nicht gerade Bilder, die mit Harmonie und Frieden in Einklang zu bringen sind. Es sind bedrängende Bilder. Es sind Bilder, die etwas Machtvolles ausdrücken, Drängendes, sich Bemächtigendes. Feuer und Sturm sind Bilder für einen Gott, dem es drängt, bei den Menschen zu wohnen. Es sind Bilder einer stürmischen Liebe, die sich nicht einsperren lässt und die nicht bei sich selbst bleiben kann. Es brennt in Gott wie ein Feuer, solange er nicht bei den Menschen ist. Kurz: Die Bilder von Feuer und Sturm beschreiben etwas in Gott selbst. Die Bilder von Feuer und Sturm sind Bilder eines Gottes, der sich selbst zeigen will, seine Liebe zeigen will, der sein Herz ausschütten will: Kurz: Der sich offenbaren will. Der Heilige Geist ist somit die drängende Liebe Gottes, die nicht bei sich selbst bleiben will. Wenn wir das alles bedenken, müsste wir dann nicht sagen: Der Heilige Geist Gottes ist das vorwärtsdrängende Prinzip der Heilsgeschichte? Gott will sich immer tiefer zeigen?


3. In der Schöpfungserzählung heißt schon ganz im Anfang: „Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“. Das heißt: Es gibt wohl nicht nur eine kosmische Evolution, die die Galaxien und Sterne mit ihren Planeten hat entstehen lassen. Es gibt nicht nur eine chemische Evolution, die die Elemente bereitgestellt hat, aus denen Leben werden konnte. Und es gibt nicht nur eine biologische Evolution, die zur Weiterentwicklung des Lebens bis hin zum Menschen geführt hat; es gibt wohl auch eine heilgeschichtliche Evolution, die darin besteht, dass Gott immer tiefer sich zu erkennen geben will. Eine Evolution, deren Motor die Liebe Gottes ist, der machtvolle Heilige Geist. All die Aufbrüche, Umbrüche, Wegbrüche der Milliarden Jahre langen Geschichte des Kosmos bis dahin, dass plötzlich eine Sonne mit Planeten entsteht, bis dahin, dass in Millionen von Jahren auf diesem Planeten das Leben eine Heimat gefunden hat, bis dahin, dass dort auch die Liebe eine Heimat gefunden hat, dass Menschen geworden sind, die plötzlich an Göttern denken, an das Göttliche, an etwas, das es über das Irdische und Natürliche hinaus gibt; und dass sich Gott diesem Menschen zeigen möchte, weil es nicht mehr zurückhält, wenn ein Lebewesen seinen Namen anruft; und sich zeigt, den Völkern, dann Israel sich zeigt als der Eine und Einzige Gott, und der sich schließlich ganz und gar zeigt, indem er in Christus gegenwärtig wird und offenbar wird. „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“, schreibt Johannes, „die einzige Herrlichkeit des Sohnes vom Vater“. Und dann Pfingsten: Das Sprachwunder: Die Erkenntnis Gottes, die Gegenwart Gottes, verlässt den jüdischen Sprachraum und wird weltoffen, allen Sprachen und Völkern zugänglich, allen Menschen bekannt gemacht.

All das bedenkend: Von Schöpfungsmorgen bis heute: Gottes Liebe drängt dahin, erkannt zu werden. Wo sich ein Mensch ihm öffnet, ihn anruft, schenkt sich Gott sofort diesem Menschen. Der Heilige Geist als Feuer und Sturm ist diese Selbstoffenbarung Gottes, den es nicht mehr bei sich hält. Milliarden Jahre, immer wieder Verwandlung, Neuaufbrüche, Veränderungen, Sterben, Tod und Neuanfänge – wie muss es Gott drängen. Feuer und Sturm: Bilder ständiger Veränderungen.


4. Und damit sind wir beim Heute. Feuer und Sturm sind auch heute noch Bilder der drängenden Liebe Gottes und damit ständiger Veränderungen. Und erleben wir nicht unsere Zeit als eine Zeit des Umbruchs, ja der Abbrüche und der Neuanfänge? In Gesellschaft und Kirche! Vertrautes zerrinnt, Neues taucht am Horizont auf, noch irgendwie mehr als Vision oder Traum, noch nicht Realität. Manche ängstigt das. Andere leben schon die Visionen. Ist nicht vielleicht genau deshalb diese Zeit eine besonders geistgewirkte Zeit? Wir wissen es nicht: Wir dürfen uns Gottes nicht bedienen, um die Zeit zu erklären. Aber wir dürfen fragen und offen sein. Und vertrauen, dass es Gott nicht möglich ist, die Erde und den Menschen zu verlassen. Er hat zu viel, ja alles, sich selbst, in die Schöpfung investiert. Aber verstehen müssen nicht alles. Vielleicht ist sogar das Unverständnis eher ein Zeichen der Gegenwart des Heiligen Geistes als das Verstehen. Wo jemand meint, Gott zu verstehen, kann es sich nicht um Gott handeln. Es bleibt immer ein großes Fragezeichen über unserem Leben. Aber vielleicht ist genau dieses Fragezeichen dann Gott (Fragezeichen)?


5. Feuer und Sturm: Bilder der drängenden, ruhelosen Liebe Gottes, eines Gottes, der bei den Menschen sein möchte. Und wo diese Liebe auftaucht, geschieht Veränderung. Dies ist nun mal dem Feuer und dem Sturm eigen. Das ängstigt, das beunruhigt. Die kleine Flamme fürchtet den Sturm, denn er könnte sie auslöschen. Das große Feuer fürchtet den Sturm nicht, im Gegenteil: Es ersehnt den Sturm, weil er das Feuer noch mehr entfacht. Fürchten wir nicht so sehr die Wandlungen, die Abbrüche, die Veränderungen, das Umgestalten, das Sterben von Vertrautem: Das alles gehört dazu, wo Neues entstehen soll. Sind wir keine kleine Flamme, die den Sturm fürchtet, sondern ein Feuer, dass sich vom Sturm entfachen lässt, also Menschen, in denen der Geist Gottes, der die Liebe Gottes ist, brennt.

Franz Langstein

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