21.11.2021

Predigt am Christkönigsfest 2021

Joh 18,33b-37

Liebe Schwestern und Brüder!


1. Um das heutige Evangelium des Christkönigsfestes tiefer zu erfassen, schauen wir zunächst mal auf die Entstehung des Christkönigsfestes:


2. Papst Pius XI. führte das Christkönigsfest 1925 ein. Aber bis dahin war es ein sehr dynamischer Prozess, der letztlich zur Einführung des Festes 1925 führte. Der Prozess begann schon früh im 19. Jahrhundert in den Ländern, in denen der Einflussbereich der Kirche immer mehr geschmälert wurde. Liberale, sozialistische und säkulare Ideologien und Gedanken setzten der Kirche arg zu. Ihr Alleinanspruch auf Wahrheit wurde massiv in Frage gestellt. Dadurch wurde eine Dynamik innerhalb der katholischen Kirche losgetreten, die am Ende das Christkönigsfest hervorbrachte. Christus ist der alleinige Herrscher und seine Wahrheit ist die alleinige Wahrheit.


3. Als man sich dann zu fragen begann, welche Texte will man denn am Christkönigsfest vorlesen, fand man den Text, den wir heute gehört haben: Jesus vor Pilatus. Warum hat man diesen Text favorisiert? Kein anderes Evangelium schildert im Prozess Jesu so sehr die Rolle des Pilatus wie das Johannes-Evangelium. Man erkennt regelrecht eine Absicht dahinter. Rudolph Bultmann hat das so formuliert: „Jetzt also gewinnt der Prozess der Welt gegen Jesus seine Öffentlichkeit; er wird vor das Forum des Staates gebracht“. Der Statthalter Pontius Pilatus steht für die Welt, für das Imperium Romanum, für eine Weltmacht. Indem Jesus so ausdrücklich vor Pilatus gebracht wird, steht hier Christus der Welt gegenüber, der Welt in Form des Römischen Reiches, dessen Vertreter Pontius Pilatus ist. Die Kirche des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts findet sich in dieser Szene wieder. Die Welt ist mit ihren Ideologien (Sozialismus, Liberalismus, Säkularismus) im Aufruhr gegen die Kirche und steht gegen die Kirche wie Pilatus gegen Jesus steht. Deshalb ist in diesem Gegenüberstand von Pilatus und Christus ein Spiegelbild des Gegenüberstandes von Welt und Kirche zu sehen. Und es geht um das große Thema „Wahrheit“. Die ganzen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts traten auch mit einem absoluten Wahrheitsanspruch auf. Selbst die Leugnung einer absoluten Wahrheit hat etwas Absolutes an sich. Der Dialog zwischen Pilatus und Jesus führt somit ganz zielstrebig zur entscheidenden Aussage: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Jesus spricht von einer absoluten Wahrheit, die Pilatus, also die Welt, leugnet: „Was ist Wahrheit!“ Hier sind wir jetzt im Zentrum des heutigen Evangeliums angekommen.


4. Was also ist Wahrheit? Das ist die Frage des Pontius Pilatus. Und irgendwie hört man immer das 19. und 20. Jahrhundert heraus. Ist der Sozialismus die Wahrheit, die Demokratie die Wahrheit, die Monarchie die Wahrheit usw. Was also ist Wahrheit, fragt Pilatus. Jesus hat die Frage vorher schon beantwortet: „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Jesus also verweist auf seine Sendung, wozu er in die Welt gekommen ist. Und seine Sendung lässt sich klar und eindeutig beschreiben: Es ist die Proklamation der Herrschaft Gottes, des Gottes Reiches. Und was das Reich Gottes ist, lässt sich am Tun, Reden und am Leben Jesu ablesen: Er treibt Dämonen aus, heilt Kranke, vergibt Sünden aus eigener Vollmacht, sitzt mit denen zusammen, die ausgestoßen sind, geht auf die zu, die der Liebe Gottes am meisten bedürfen, widerspricht einer religiösen Rangordnung vor Gott, indem er mit denen, die in der Rangordnung ganz unten sind, die Unreinen und Sünder, an einem Tisch sitzt. Am Ende verhält er sich wie ein Sklave und wäscht seinen Jüngern die Füße. So legt Christus Zeugnis ab für die Wahrheit, für die Wahrheit Gottes, für das Königtum Gottes. Dieses Königtum ist ganz an die Person Christi gebunden. Deshalb heißt es: „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“. Wahrheit ist somit keine Weisheitslehre, keine Doktrin, keine Ideologie, keine gescheiten Sätze, sondern ein Tun aus Liebe und in der Liebe.

5. Kommen wir zurück zu der Szene „Jesus vor Pontius Pilatus“, die exemplarisch auch dafür stehen kann: Die Kirche vor den Ideologien der Welt. Diese Wahrheit, von der Christus spricht, diese Liebe, von der Christus zutiefst erfüllt ist, ist göttlichen Ursprungs. Christus ist der von Gott gesandte Ausdruck der Liebe Gottes. Dieser Ausdruck der Liebe Gottes ist Wahrheit. Pilatus schafft diese Erkenntnis nicht. Er bleibt stecken darin, dass er glaubt, Wahrheit sei ein System von Sätzen und Dogmen, so dass man dann, weil es viele solche Systeme gibt, fragen muss: „Was ist Wahrheit?“ Es gibt doch so viele Wahrheiten.


6. Wir sind jetzt wieder mitten im 19. Jahrhundert, in dem auch so viele Ideologien und politische Systeme aufkamen, die mit ihrem Wahrheitsanspruch sich ja selbst oft feindlich gegenüberstanden, weil es darum ging, wer recht hatte. Und da beginnt die Kirche Christus als König zu feiern. Und sie erkennt in der Szene, Jesus vor Pilatus, das, worauf es ankommt: Nicht Lehrsätze zu verkünden, bei denen es dann doch nur wieder um Rechthaberei geht und darum, wer die Wahrheit hat. Nein, Wahrheit hat man nicht, man lebt sie. Und Wahrheit als Liebe Gottes ist der tragende Grund des je eigenen Lebens. Das ist Wahrheit, dass wir alle zutiefst in Gott geborgen sind. Das ist die Wahrheit meines und Ihres Lebens. Dafür muss die Kirche stehen wie Jesus so vor Pilatus stand. Die Kirche hat mit der Einführung des Christkönigsfestes sich selbst den Anspruch gegeben: Sie ist gekommen in die Welt, um für die Wahrheit, d.h. für die Liebe Gottes, Zeugnis abzulegen. „Christkönig“ beinhaltet auch einen hohen Anspruch an die Kirche.

Franz Langstein

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