20.06.2021

Predigt am 12. Sonntag im Jahreskreis B21

Ijob 38,1.8-11; Mk 4,35-41

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Manchmal stehen wir Heutigen, die naturwissenschaftlich geschult sind, vor dem Rätsel, wie denn Wundererzählungen wie das eben gehörte Evangelium überhaupt zu verstehen seien und ob man überhaupt noch ernsthaft an so etwas glauben könne. Und gestehen wir es uns ruhig ein: Selbst metaphorische, also bildhafte Auslegungen, hinterlassen den Beigeschmack, als wolle man da ein Evangelium retten mit angeblichen Aussageabsichten, die aber der Wundererzählung so erst einmal nicht zu entnehmen sind. Nein, es bleibt uns tatsächlich erst einmal nichts anderes übrig als sich einzugestehen, dass der aufgeklärte Mensch und naturwissenschaftlich geprägte Mensch mit solchen Erzählungen seine liebe Not hat. Es ist also nicht die Erzählung als solche, die problematisch ist, sondern es ist unsere Zeit, unser Denken, unsere Auffassung vom Dasein, die mit solchen Erzählungen nicht mehr viel anzufangen weiß. Nicht die Erzählung ist das Problem, wir sind das Problem. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als von uns abzusehen und sich einmal in das Fühlen und in die Weltauffassung des antiken Menschen zu begeben.


2. Für den antiken Menschen, auch für die Menschen in Israel zur Zeit Jesu, lauerte überall das Chaos, die Unordnung, die Bedrohung. Naturkatastrophen, Schicksale, Krankheiten, ausfallende Ernten: Nichts schien irgendwie beherrschbar. Stärkere Mächte schienen am Werk zu sein. Oft identifizierte man diese Mächte als dämonische Mächte. Überall drohten diese dämonischen Mächte und konnten Mensch und Natur beherrschen. Das Ausgeliefertsein an das Chaos, an das Unbeherrschbare, an dämonische Mächte war das Lebensgefühl des antiken Menschen. Und diese chaotischen Mächte konnte man verorten. So galt die Wüste als Heimat der Dämonen, aber auch das Wasser, gerade das tiefe Wasser, der Leviathan, das Seeungeheuer, wohnte in den Tiefen der Meere. Zeugnis dieses Denkens ist die erste Lesung. In ihr hörten wir, wie die Macht Gottes gepriesen wurde, denn er allein konnte die dämonischen Mächte der Meere eindämmen: „Wer verschloss das Meer mit Toren, als schäumend es dem Mutterschoß entquoll… Als ich ihm Tor und Riegel setzte und sprach: Bis hierher darfst du und nicht weiter, hier muss sich legen deiner Wogen Stolz“. Oder der Psalm 107, der die Angst der Seefahrer in Seenot beschreibt: „Sie, die mit Schiffen das Meer befuhren und Handel trieben auf den großen Wassern. Sie, die zum Himmel emporstiegen und hinabfuhren in die Tiefe, so dass ihre Seele in der Not verzagte, die wie Trunkene wankten und schwankten, die am Ende waren mit all ihrer Weisheit. Sie die dann in ihrer Bedrängnis schrien zum Herrn, die er ihren Ängsten entriss – er machte aus dem Sturm ein Säuseln, so dass die Wogen des Meeres schwiegen.“ Besser kann man Ausgeliefertsein an die Mächte des Chaos nicht beschreiben. Und hier in den alttestamentlichen Texten wird schon deutlich: Nur Gott kann die Chaosmächte bändigen. Nur er kann ihnen Grenzen setzen. Die dämonischen Mächte haben sich Gott zu unterwerfen.


3. Und in der Tat: Das heutige Evangelium ist fast wie eine Dämonenaustreibung. Jesus geht vor wie ein Exorzist. Er tut vieles, was er sonst tut, wenn er Menschen von Dämonen befreit. Es heißt, er „herrscht den Wind an“ und befiehlt ihm wie einen Dämon: „Schweig, sei still“. Und tatsächlich: Wie bei einer Dämonenaustreibung kehrt Stille ein. Die Stillung des Seesturmes will also den damaligen Menschen sagen: „Jesus geht gegen die Chaosmächte an, er besiegt die Dämonen, er ist stärker als das Unbeherrschbare. Er will die Schöpfung befreien von gottwidrigen Mächten, dem Chaotischen, dem Angstmachenden. Er will eigentlich den Menschen befreien von seinen Ängsten. Das heutige Evangelium steht somit ganz in der Tradition des Alten Testamentes. Jesus ist die Erfüllung der alten Verheißungen, dass nur Gott die Mächte des Dunkels und des Chaos bändigen kann.


4. Und es gibt immer eine Reaktion der Menschen. Diese ist Staunen, Dankbarkeit, Erleichterung, Gefühl der Rettung und Befreiung von dämonischen Mächten. Psalm 107 wieder: „Sie, die sich freuten, dass die Wogen sich legten und er sie zum ersehnten Hafen führte: Sie alle sollen dem Herrn danken für seine Huld, für sein wunderbares Tun and Menschen.“ Und ihm heutigen Evangelium heißt es am Ende: „Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen“. Klar, bisher konnte nur Gott der See befehlen und das Meer bändigen. Jetzt tut es Jesus: „Was ist das für ein Mensch“. Das Göttliche in Christus scheint durch.


5. Und somit wird eine solche Erzählung von der Stillung des Seesturms zur Glaubensunterweisung. Die Wundererzählungen sind weniger Machttaten als Zeichen. Sie sind Zeichen der Gottesherrschaft gegen die Mächte des Chaos und des Dämonischen.

Vielleicht haben dann solche Texte doch noch was zu sagen: Es gibt ja auch heute ein weitverbreitetes Lebensgefühl des Ausgeliefertseins, nicht so sehr an böse Mächte, sondern an die Willkür der Naturmächte, an die Zufälle des Lebens, an die Mächte des Schicksals. Die Pandemie hat uns die Unberechenbarkeit der Natur vor Augen geführt. So kann uns so eine Geschichte vom Seesturm dann sagen: Vielmehr als an die Willkür der Naturmächte sind wir der heilenden Macht Gottes anheimgestellt. Vielmehr als den Zufällen des Lebens sind wir der Güte Gottes übergeben und vielmehr als den Mächten des Schicksals hat Gottes Liebe Macht über uns. Und dafür stand Christus ein. Und das trotz aller vielleicht manchmal gegenteiliger Erfahrung. Es gilt auch hier, wie im Evangelium: „Warum habt ihr solche Angst, habt ihr noch keinen Glauben?“

Franz Langstein

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