17.10.2021

Predigt am 29. Sonntag im Jahreskreis 2021

Mk 10,35-45

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wenn man das heutige Evangelium so hört, fällt einem vielleicht der vorwurfsvolle Satz Jesu ein, den er einmal an seine Jünger gerichtet hat: „Versteht ihr noch nicht, und begreift ihr noch nicht? Habt ihr noch ein verhärtetes Herz in euch?“ Da ist Jesus solange unter ihnen. Er spricht von Nächstenliebe, er gibt ein Beispiel des Dienens, er erweist sich als Gegner jeder Macht, vor allem religiöser Macht, er spricht von seinem nahen Tod, und den beiden Jüngern Jakobus und Johannes fällt nichts anderes ein, als Jesus darum zu bitten, dass sie zur Rechten Christi sitzen dürfen, wenn er wiederkommt in seiner Herrlichkeit. Als ob sich mit dem Kommen Jesu Christi nichts verändern würde, sondern es ginge alles so weiter wie bisher. Das Neue und die Sprengkraft des Lebens und der Botschaft Jesu haben sich nicht im Geringsten erkannt. Jesus bleibt ihnen somit nichts anderes übrig, als ihnen in aller Schärfe und Deutlichkeit eine Lehre zu erteilen: „Ihr wisst, dass die scheinbar Herrschenden der Völker sie bezwingen und ihre Großen Gewalt gegen sie üben. So aber ist es nicht bei euch; sondern: wer immer groß werden wil l bei euch, soll euer Diener sein; und wer der Erste bei euch sein will, soll aller Sklave sein.“ Die eigentliche Provokation liegt hier im antiken Denken von Scham und Würde begründet. Das Wort „Sklave“ ist ein schambesetzter Begriff, der mit Würde nichts zu tun hat. Mit diesem Begriff „Sklave“ werden gesellschaftliche Normen negiert und ins Gegenteil verkehrt.


2. Und Jesus stellt sich selbst als Beispiel hin: „Denn der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ Und hier haben wir nun den Schlüssel für das Verständnis des heutigen Evangeliums. Es ist das Wort „Lösegeld“, λύτρον im Griechischen. Lösegeld wird bezahlt für Sklaven, Schuldsklaven, Kriegsgefangene, also völlig ohnmächtige und in vollkommener Abhängigkeit existierende Gestalten, ausgeliefert willkürlicher Macht.


3. Wer also sind die, die mit Lösegeld freizukaufen Jesus gekommen ist? Das Markusevangelium ist so konzipiert, dass von Anfang an die Gegner Jesu erscheinen, die religiösen Führer und religiös Mächtigen. Wenn wir dieses Konzept des Markusevangeliums ernst nehmen, könnte man das heutige Evangelium auch so interpretieren: Jesus gibt sein Leben als Lösegeld für diejenigen, die in der Gewalt der Schriftgelehrten und religiösen Führer sich befinden, weil diese religiösen Führer ein Gottesbild vermitteln, das die Menschen in Abhängigkeit und Unmündigkeit belässt. Sie üben mit Gott Macht aus über die Menschen. Sie instrumentalisieren Gott für ihre eigene Macht. Sie führen Gott im Mund, um ihre Macht zu legitimieren. Ich erinnere mich noch an meinen Schulunterricht, als im Fach Geschichte die mittelalterliche Ständegesellschaft behandelt wurde: Ganz oben thront Gott. Dann kommt der Kaiser bzw. der König und die Kirche, die von ihm seine Macht beziehen, dann der Adel, die Ritter und die Handwerker, Bauern und Knechte, und Gehorsam ist von unten nach oben zu leisten. Gibt es von diesem Denken in unserer Kirche nicht Überreste, wenn gesagt wird: „Der Priester handelt in Persona Christi“ oder wenn gesagt wird: „Der Papst ist der Stellvertreter Christi auf Erden“ oder wenn Entscheidungen durchgesetzt werden mit der Begründung: „Das will Gott so“ oder etwas harmloser: „Wir müssen auf den Willen Gottes hören“, der merkwürdigerweise immer identisch ist mit den Willen der Bischöfe? Nein, Gott wurde und wird oft zum eigenen Machterhalt, zur Durchsetzung des eigenen Willens, zur Legitimation der eigenen Autorität benutzt. Deshalb ist Jesus ein Gegner gerade der religiösen Macht.


4. Das heißt, es werden bestimmte Gottesbilder, die mit Macht verbunden sind, bevorzugt, um in dessen Namen Macht ausüben zu können: Gott, der Richter, der Gesetzgeber, der Allmächtige, der König usw. Und jetzt sagt Jesus: „Der Menschensohn gibt sein Lösegeld für viele“. Das heißt, das Sterben Jesu ist notwendend, heilschenkend, weil in diesem Sterben sich ein ganz anderer Gott offenbart, ein Gott, der ganz auf seine Macht verzichtet, ein Gott, der im Hass, der Jesus entgegenschlägt, noch vergeben kann. Diese Gottesbilder schenken Heil. Deshalb gibt Jesus sein Leben als Lösegeld, um die in verkehrten Gottesbildern in Angst und Schrecken Gefangenen zu befreien. Und gleichzeitig kritisiert er jede Macht, weil sie zu oft sich der Angst machenden Gottesbilder bedient und Menschen in Abhängigkeit hält.

Franz Langstein

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