17.01.2021

Predigt am 2. Sonntag B21

Joh 1,35-42

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es gibt im ganzen Kosmos eine Gesetzmäßigkeit. Es ist die Vergänglichkeit. Nichts bleibt, wie es ist. Alles was ist, wird einmal nicht mehr sein. Es gilt für alle und alles die Sterblichkeit. Aber – es ist nicht einfach die Sterblichkeit, sondern – eigenartigerweise – sie hat einen Sinn und ist sogar notwendig. Weichendes Leben macht neuem Leben Platz. Vergänglichkeit braucht es, damit Neues wird. Aber auch das wäre noch zu wenig. Wir müssen sogar sagen: Das Sterben erst ermöglicht neues Leben. Die Lebenden leben, weil es Vergänglichkeit und Sterben gibt. Alles was ist, verdankt sich dem bereits Vergangenem, dem Abgestorbenen. Das gilt für alles. Leben verdankt sich dem Tod. Sterne werden aus dem Material geboren, das verstorbene Sterne hinterlassen haben. Pflanzen wachsen aus dem, was vorher abgestorbene Pflanzen hinterlassen haben. Tiere und Menschen sterben und aus deren Molekülen wird neues Leben entstehen. Ich atme Sauerstoff, den vor mir viele andere geatmet haben. In meinem Körper sind Eisenatome, Kohlenstoffatome, Stickstoffatome, die vorher in anderen Körpern waren. Sie mussten sterben, um das Material freizugeben für neues Leben. Leben lebt aus dem Tod. Und wenn ich mal gestorben bin, gebe ich mein biologisches und chemisches Material an die Erde zurück und andere werden davon leben. Ein „ewiger“ Kreislauf von Vergehen und Werden. Alles hängt zusammen.


2. Noch deutlicher wird der Zusammenhang, wenn es nicht einfach um das Sterben geht, sondern um das notwendige Töten, um zu leben. Tiere töten andere Tiere, um davon zu leben. Auch der Mensch tötet Tiere, um zu leben. Seit jeher. Egal ob Sterben oder Töten: immer leben die Lebenden vom Tod anderer.


3. Und deshalb kommt dem Sterben, dem Vergehen, eine Qualität zu: Es ist die Qualität der Opferung, des Opfers. Das, was stirbt, opfert sich insofern, dass damit Leben ermöglicht wird. Alles Lebendige muss in diesen Prozess des Sterbens als Selbstopfer einstimmen, weil nur so Leben möglich ist. Ein Stern bringt sich selbst zum Opfer – er weiß das natürlich nicht – damit neue Sterne entstehen. Ich stimme in meinen Tod ein als Opfer für die Erde, damit aus ihr neues Leben erwachsen kann. Alles Sterben hat den Charakter eines Opfers für das Leben.


4. Ja, wir müssen noch einen Schritt weitergehen. In alten Kulturen empfand der Mensch das Töten von Tieren zum eigenen Verzehr als Opferung des Tieres. Der Mensch empfand, dass er durch die Opferung des Tieres nicht nur am Leben teilhat, sondern am göttlichen Leben teilhat. Die Schlachtung von Tieren hatte immer auch etwas Rituelles. Es geschah in großer Ehrfurcht. Das Töten eines Tieres hatte immer den Charakter einer Art „Opferung“, die teilhaben lässt am göttlichen Leben. Der Verzehr des Opferfleisches verband also Mensch, Tier und Gott. So sind auch die Tieropfer in vielen meist vergangenen Religionen zu verstehen.


5. Und jetzt können wir verstehen, wenn es heute im Johannes-Evangelium heißt: „Als Jesus vorüberging, richtete Johannes (gemeint ist der Täufer) seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!“ Jesus wird mit einem Tier, das zur Opferung bestimmt ist, verglichen. Ist damit wohl angedeutet, dass das Leben Christi als Opferung verstanden werden soll, damit andere leben? Soll damit wohl gesagt sein, dass der Tod Christi als Opferung zu verstehen ist, damit andere von diesem Tod her leben und Anteil haben am göttlichen Leben? Man muss wohl die antiken Vorstellungen und Rituale vom Schlachten und Töten mitdenken, um den Begriff „Lamm Gottes“ auf Christus bezogen, besser zu verstehen.


6. Johannes der Evangelist, bezieht sich hier wohl auf das sogenannte Gottesknechtslied bei Jesaja 35,7. Dort heißt es: „Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt…, so tat er seinen Mund nicht auf.“ Erinnern wir uns: Schlachten war ein Töten, um zu leben und Anteil am göttlichen Leben zu erhalten. Es war deshalb ein ritueller Vorgang. Dieser rituelle Vorgang war im Judentum an jedem Passahfest lebendig. Die Lämmer wurden geschlachtet, die das Volk Israel beim Auszug aus Ägypten gerettet haben. Aus dem Tod kam Rettung und Leben.


7. Und nun bekennt das Johannes-Evangelium Jesus als das Lamm Gottes. Das Leben und der Tod Jesu Christi sind das notwendige Opfer, sind seine Hingabe, damit andere leben und teilhaben am göttlichen Leben. Die Hingabe Gottes in Jesus Christus, das Hinabsteigen Gottes in unser menschliches Dasein, das im Kreuzesereignis gipfelt, ist die Ursprungsverkündigung des Christentums. All das ist in diesem kleinen Wort: „Seht das Lamm Gottes“ zusammengefasst. Paulus wird später schreiben: „Wir verkündigen Christus, und zwar als den Gekreuzigten.“ Dieses Hinabsteigen Gottes in unser Dasein bis zum tiefsten Punkt unseres Daseins schenkt uns an jedem Punkt unseres Daseins Teilhabe am göttlichen Leben. Diese Opferung bedeutet für uns Leben.


8. Und wir feiern das rituell, erinnernd, zu seinem Gedächtnis, wenn wir Brot brechen und sagen: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben“ und wenn wir den Kelch segnen und sagen: „Das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden“. Hier lebt die Hingabe, wenn man es nicht falsch versteht, die Opferung Christi sakramental fort. Das Christentum hat also die archaischen Opferriten verwandelt. Nicht mehr der Umweg über Tieropfer, sondern Gott selbst schenkt sich hin in einem Opferritus, der uns Leben in Fülle schenkt.

Franz Langstein

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