13.06.2021

Predigt am 11. Sonntag im Jahreskreis B21

Mk 4,26-34

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Vor einiger Zeit hatten wir Pfarrer von Marburg mal ein Gespräch untereinander. Einfach nur mal so. Wir sprachen so über unsere Situation und wie es uns so geht. Einer meinte dann, dass er ziemlich gefrustet ist: Wir tun so vieles, Erstkommunion, Firmung, probieren immer wieder mal neue Konzepte aus, investieren viel Zeit, doch am Ende: Was bleibt dann? Kaum ist die Kommunion vorbei oder die Firmung, sind Kinder, Jugendliche und Eltern nicht mehr zu sehen. So tauschten wir unsere Erfahrungen aus, bis jemand das eben gehörte Evangelium in den Sinn kam: „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie. Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.“ Ist es nicht so, dass wir manchmal die sind, die säen? Erstkommunionvorbereitung, Firmvorbereitung: Das ist die große Zeit der Aussaat. Was dann mit der Saat passiert, ist nicht mehr in unserer Hand. Wir können nur hoffen, dass das Ausgesäte Frucht bringt. „Es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie.“ Erst am Ende kommt die Zeit der Ernte. Aber wer wird ernten? Werden wir das sein? Werden andere ernten? Manchmal ernte ich auch, was andere gesät haben. Wie oft kommt es vor, dass Eltern ihr Kind zur Taufe anmelden. Beim Taufgespräch stellt sich heraus, dass die Eltern deshalb ihr Kind taufen lassen wollen, weil sie selbst gute Erfahrungen mit Kirche gemacht haben, weil sie in einer guten Gemeinde groß wurden, in der Jugendarbeit aktiv waren, weil der Glaube in ihnen an Bedeutung gewonnen hatte. Viele sind dann, wenn sie z.B. aus der Heimatgemeinde wegziehen, erstmal weg von der Kirche. Aber im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes wird ihnen bewusst, was ihnen als Kind und Jugendlicher selbst wichtig war. Sie entdecken wieder die Kirche und melden ihr Kind zur Taufe an und begründen das auch so: Die Kirche war uns wichtig, der Glaube, die Werte, die die Kirche vertritt, die Gemeinschaft usw., und wir möchten, dass unser Kind auch solche Erfahrungen macht und im Raum der Kirche aufwächst. Und dann darf ich ernten, was andere gesät haben.


2. Und das gilt doch für viele Bereiche: Wenn Eltern ihre Kinder gut erzogen haben, wenn sie ihnen viel mitgegeben haben an Liebe, an Verantwortungsbewusstsein, an Mut und Stärke, an Lebensfreude, an Freiheit, an Glauben, dann – und auch das will das Gleichnis sagen – kann man darauf vertrauen, dass das gute Früchte trägt. Das heißt, das man dann in diesem Vertrauen auch loslassen kann. Auch hier gilt: „Es wird Nacht und es wird Tag, der Samen wächst und der Mann weiß nicht wie.“


3. Und hier kommt jetzt unser christlicher Glaube ins Spiel. „Mit dem Reich Gottes ist es so“, so beginnt das heutige Evangelium. Jemand sagte mal, das Leben sei wie Exerzitien machen, also das Leben sei ein einziges geistliches Übungsfeld. Und zwar vielmehr als wir ahnen. Wir können unserem Leben kein Design geben, wie das viele Leute tun und am Ende kommt immer irgendwie etwas Puppenhaftes, Künstliches, Komisches dabei heraus. Wir können unser Leben nur sehr begrenzt machen. Vieles widerfährt uns einfach. Damit meine ich nicht nur verschiedene Schicksale oder unerwartete Ereignisse. Ich meine, dass vieles, was uns prägt, von außen auf uns zukommt. Wir müssen Freiheit lernen in der Spannung von Notwendigkeit, Verantwortung und Selbstverwirklichung. Wir müssen Verantwortung lernen in der Spannung von Sorge um andere und Loslassen können des Anderen. Wir müssen entdecken, wer wir selbst sind im Umgang mit anderen Menschen, in der Spannung von Kritik und Lob. Wir müssen uns den Glauben lernen im Spannungsfeld von Glaubenserfahrungen und Glaubensleere, von Hoffnung und Zweifel, von gespürter Gottesnähe und Gottesferne. Wir müssen Liebe und Vergebung lernen im Spannungsfeld von Schuld und Perfektion, Barmherzigkeit und Moral. All das können wir nicht machen. Es sind Widerfahrnisse. Und darin wächst das Leben, ohne großes Machen, ohne Gewalt, auch ohne religiöse Gewalt und ohne religiösen Eifer. Die Saat bringt Frucht, von allein. Weil Christus letztlich der Sämann ist. Und er selbst führt uns so durchs Leben, durch Höhen und Tiefen, durch Glück und Angst, durch Glauben und Zweifel, dass das Samenkorn heranreifen kann oder zumindest könnte, solange der Mensch das Vertrauen ins Leben nicht verliert. Wir dürfen der Saat durchaus etwas zutrauen, weil Christus der Sämann ist. „Als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende“, schreibt der Apostel Paulus.


4. Und es heißt weiter unten im heutigen Evangelium so schön: „Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.“ - „Die Vögel des Himmels nisten können“. In einem Menschen können dann die Früchte von Liebe, Güte, Verantwortung, Sorge so herangereift sein, dass andere sich in seiner Nähe einfach wohlfühlen. „Die Vögel des Himmels nisten darin“, gleichnishaft ausgesprochen. Und das alles geschieht oft so unbewusst, so wie von selbst, dass man am Ende, wenn die Ernte kommt und die Sichel angelegt wird, wohl am tiefsten überrascht sein wird, welch wertvoller Mensch man eigentlich geworden ist. Ja, das Leben ist ein einziges Exerzitium für die Ewigkeit. Oder wie es Franz Liszt in seiner sinfonischen Dichtung genannt hat: Les Preludes – Vorspiel der Ewigkeit.

Franz Langstein

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