12.12.2021

Predigt am 3. Advent Lesejahr C22

Lk 3,10-18

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es gibt religiös und gesellschaftlich ein Wort, dass – so scheint es mir – wieder Hochsaison hat. Es ist das Wort „radikal“. Wir müssen radikal uns ändern. Wir müssen radikal umdenken, wenn wir das Klima retten wollen. Wir müssen radikal die Wirtschaft umbauen. Religiös: Wir müssen uns radikal Christus zuwenden. Wir müssen uns radikal verändern und radikal umkehren. Wir müssen uns radikal der Führung des Heiligen Geistes anvertrauen.


2. Und die Predigt des Johannes des Täufers klingt ja auch erst einmal so. Unmittelbar vor dem heute gehörten Evangelium lesen wir Sätze wie: „Ihr Schlangenbrut. Wer hat euch gelehrt, ihr könntet dem kommenden Zorn entfliehen?“ oder: „Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, nun, der keine gute Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“ Eine radikale Botschaft eines Mannes, der selbst radikal lebt: In der Wüste, sich von wildem Honig und Heuschrecken ernährend.


3. Und dermaßen aufgeschreckt, kommen die Leute in Scharen zu ihm – und da setzt das heutige Evangelium ein – mit der Frage: „Was sollen wir tun?“ Ratlos sind die Menschen ob der Drohungen und des Gerichts, das da radikal angekündigt wird. Und umso mehr verwundert nun die Antwort, die Johannes den Menschen gibt: Er erinnert die Menschen an eine allgemeine Solidarität: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ Den Zöllnern, die gern mal in die eigene Tasche wirtschaften, sagt er: „Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist“. Und den römischen Soldaten, die fern der Heimat immer gefährdet sind, ihre Macht und ihren Frust gegenüber der Bevölkerung auszutoben mit Schikanen und Gewalt, sagt er: „Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit euerem Sold“. Das ist doch eigentlich selbstverständlich. Das ist doch eine ganz normale Alltagsmoral, nichts Radikales. Radikal wäre, wenn Johannes zu den Zöllnern gesagt hätte: „Gebt euren Beruf auf, denn ihr seid Kollaborateure mit der römischen Besatzungsmacht und macht euch unrein.“ Radikal wäre, wenn er den Soldaten gesagt hätte: „Hängt euren Beruf an den Nagel, den Soldat sein im Römischen Reich heißt immer auch kämpfen und töten“. Nichts dergleichen. Das verwundert. Angesichts der radikalen Worte des Johannes und seines radikalen Lebens hätte man anderes erwartet.


4. Vielleicht kommt es gar nicht so sehr auf die einzelnen radikalen Schritte des Lebens an. Vielleicht ist das Gerede von „radikaler Umkehr“, „radikaler Erneuerung des Lebens“, oder eine ständige religiöse Dauererhitzung, gar nicht das, was zählt. Es geht vielleicht im Christlichen tatsächlich um etwas anderes. Und das – das ist schwer genug. Elmar Salmann, Professor für systematische Theologie, spricht in dem Zusammenhang ganz sympathisch vom „Kleingeld der Alltagspraxis des christlichen Lebens“. Es geht nicht so sehr um einzelne radikale Momente, sondern um die Treue zu unseren jeweiligen Aufgaben, um das Ausharren im Guten, um die Erfüllung unserer menschlichen, familiären, gesellschaftlichen und religiösen Pflichten. Und um die Treue darin und diese durchzuhalten ein Leben lang.


5. Denn wir kommen doch auch immer wieder an Punkte, an denen man denkt: Es lohnt nicht mehr. Das Gute, das man tut, wird nicht gesehen; die Verantwortungen, die man trägt, werden nicht erkannt; die Mühen, die man auf sich nimmt, werden nicht belohnt und für die Hingabe und das Aufopfern bekommt man keine Anerkennung. Karl Rahner hat dazu mal geschrieben: „Gott ist der, dem man, wenn vielleicht auch namenlos und unauffällig, begegnet, wenn man loslässt, wenn man wagt, der Dumme zu sein, wenn man liebt, ohne schon vorher die Gewissheit zu haben, wieder geliebt zu werden, wo man seiner Überzeugung treu bleibt, obwohl sie einem nur Nachteil einbringt“.


6. Vielleicht ist es genau das, was Johannes den Menschen, den Zöllner und des Soldaten sagen will: „Nehmt nicht mehr als festgesetzt ist, misshandelt niemand“, also bleibt der Menschlichkeit treu und somit euch selbst treu. Widersteht der Versuchung, eure Macht auszunutzen. Ihr seid gefährdet, jeder Mensch ist gefährdet. Und das, worauf es ankommt, ist einfach: ein Leben lang den Gefährdungen nicht zu erliegen, treu dem Guten zu bleiben. Das ist dann doch wohl am Ende viel radikaler als mal radikal auf einen Flugzeugurlaub zu verzichten, wobei dieser Verzicht dann doch in der Gefahr steht, der eigenen Selbstgerechtigkeit zu dienen, die man dann doch in gewissen Kreisen wieder zur Schau trägt. Nein, es geht um die Alltagstreue. Und gerade in dieser Alltagstreue werden wir das Kommen Christi erfahren, sein Unter-uns-Sein.

Franz Langstein

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