09.05.2021

Predigt am 6. Sonntag der Osterzeit B2021

Joh 15,9-17

Liebe Schwestern und Brüder!

1. An den drei letzten Sonntagen vor Pfingsten sind die Evangelien den Abschiedsreden Jesu nach Johannes entnommen. Die Kirche richtet ihren Blick nun zunehmend auf den Abschied Jesu, seine letzten Mahnungen und Verheißungen und sein Vermächtnis. Die Abschiedsreden Jesu nach Johannes sind geeignet, uns in die Zeit nach dem endgültigen Abschied Jesu in seiner Himmelfahrt einzuführen. Denn: Das Johannesevangelium kennt keine von Ostern abgesetzte Himmelfahrt Jesu. Jesus steigt am Ostertag zum Vater auf. Darum spricht er seine Abschiedsworte bereits im Abendmahlssaal. Um diese Abschiedsworte zu erfassen, muss man ernst machen mit dem Abschied: Er ist weg. Er ist nicht mehr sichtbar unter uns. Er wird nicht mehr eingreifen; er wird nicht mehr sichtbar und erfahrbar sein; er ist weg aus unserer Welt. Erst dann bekommen diese Abschiedsworte des Johannes-Evangeliums ihren Ernst und werden zu einem Vermächtnis.


2. Vorab muss aber noch einem Missverständnis vorgebeugt werden. Es gibt in der religiösen Sprache Worte, die sind kontaminiert und somit kaum noch zu gebrauchen. Ein solches Wort ist das Wort „Gebot“. Wie wirkt zum Beispiel so ein Satz: „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben.“? Er kann doch nur so wirkten, dass viele Menschen denken: Oje, da bin ich bestimmt schon nicht mehr in der Liebe Christi, denn alle Gebote habe ich bestimmt nicht gehalten. Das ist das Problem: Viele Christen denken bei dem Wort „Gebote“ an die vielen Vorschriften und Gebote der Kirche. Deshalb ist das Wort „Gebot“ kontaminiert. Im Johannes-Evangelium ist „Gebot“ etwas ganz Einfaches: „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ Der Neutestamentler und Kenner des Johannes-Evangeliums, Prof. Johannes Beutler, machte darauf aufmerksam, dass die Verknüpfung von „Halten der Gebote“ und „Liebe“ der Sprache des Deuteronomium entstammt, also jenes Buch im AT, dass die Theologie des Bundes Gottes mit seinem Volk ausdrückt. Es handelt sich also hier beim Wort „Gebot“ um eine Diktion der Liebe und des Bundes, nicht um kirchliche Forderungen, deren Erfüllung über Himmel oder Hölle entscheidet.


3. So gesehen müssen wir also zusammenfassen: Bei dieser Abschiedsrede handelt es sich um ein wirkliches Vermächtnis, weil der Abschied ernst zu nehmen ist. Und dieses Vermächtnis kommt daher in dem Begriff „Gebot“. Jetzt können wir uns diesem Vermächtnis widmen:


4. Da fällt auf, dass vor dem Vermächtnis etwas in Erinnerung gerufen wird, das von entscheidender Bedeutung ist: „In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt“. Was für ein Satz! Das heißt doch: Mit der gleichen Liebe, wie der Vater den Sohn liebt, liebt uns der Sohn. Oder anders ausgedrückt: Die Liebe des Sohnes zu uns ist die Liebe des Vaters zu uns. Dann heißt das: Wie der Sohn unmöglich aus der Liebe des Vaters herausfallen kann, so können auch wir unmöglich aus der Liebe des Vaters herausfallen, da es ein und dieselbe Liebe ist, mit der der Sohn vom Vater geliebt wird und wir von ihm geliebt werden.


5. Und daraus folgt nun der erste Satz dieses Vermächtnisses: „Bleibt in meiner Liebe“. Mit anderen Worten: Zweifelt nicht an ihr! Zweifelt nicht an ihr, wenn es euch schlecht geht! Zweifelt nicht an ihr, wenn ihr denkt, jetzt liebt Gott mich nicht mehr! Zweifelt nicht an ihr, wenn die Liebe sich verdunkelt! Zweifelt nicht an ihr, wenn so viel Schlimmes passiert! „Bleibt in meiner Liebe“. Die Liebe Gottes wird immer stärker sein. Und wenn das gelingt, sich ganz und gar in die Liebe Gottes als unzerstörbare Beziehung zwischen mir und Gott zu vertiefen, dann tut sich da etwas: Das prägt, das verwandelt einen Menschen. Kein geringerer als der heilige Augustinus hat das so schön in die Worte fassen können:


6. „Wie aber könnten wir lieben, wenn wir nicht zuvor geliebt würden? Wer wüsste nicht, dass die Liebe dem Halten der Gebote vorangeht? Wir halten also nicht zuerst seine Gebote, damit er uns liebt; vielmehr könnten wir seine Gebote gar nicht halten, wenn er uns nicht liebte. Dies ist die Gnade, die den Demütigen offenbar, den Stolzen aber verborgen ist“. Das also ist sein Vermächtnis: Sich so von der Liebe Gottes verwandeln zu lassen und diese Verwandlung als Gnade zu begreifen, dass wir befähigt sind, mit dieser Liebe Christi die Menschen und die Schöpfung zu lieben. Und am Ende des heutigen Evangeliums steht es nun klipp und klar da: „Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“. Nicht als Pflicht, sondern als Ergebnis eines durch die Liebe verwandelten Lebens.

Franz Langstein

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