07.02.2021

Predigt am 5. Sonntag B21

Mk 1,29-39

Liebe Schwestern und Brüder!

1. In dem Buch „Gott los werden“ berichtet der Priester und Soziologieprofessor an der Karlsuniversität in Prag, Thomas Halik, von einem amerikanischen Schriftsteller, der in seinen Romanen die Kirche ziemlich schlecht aussehen lässt. Dieser Schriftsteller wurde einmal von Journalisten gefragt: „Warum haben Sie eigentlich die Kirche nicht verlassen?“ Und der Schriftsteller antwortete: „Weil die Kirche so viele schöne Geschichten hat“. Was für eine wunderbare Antwort. In der Tat hat die Kirche viele schöne Geschichten. Angefangen von dem Engel, der Maria eine Botschaft brachte, der Weihnachtsgeschichte, die man durchaus als unsterblich bezeichnen könnte bis hin zu der schönen Erzählung vom Verlorenen Sohn. Die Kirche hat all diese zu Herzen gehen Geschichten, all diese Geschichten, die Menschenleben prägen, bewahrt und seit 2000 Jahren überliefert. Sonst wären sie verloren. Und deshalb tritt dieser Schriftsteller nicht aus der Kirche aus.


2. Und in der Tat: Die Bibel präsentiert den Glauben in Form von Geschichten. Es geht nicht um Definitionen oder um eine intellektuelle Klärung bestimmter Begriffe. Wenn Jesus gefragt wird nach der Barmherzigkeit Gottes, dann antwortete er nicht: „In dem Zusammenhang müssten wir erstmal klären, was der Begriff ‚Gott‘ meint, und im zweiten Schritt möchte ich erörtern, was unter ‚Barmherzigkeit‘ zu verstehen ist, ohne freilich diesen Begriff in seiner Tiefe auszuloten. Erst nach der, wenn auch aufgrund der knappen Zeit wohl etwas oberflächlichen Begriffsklärung, können wir uns dann der Frage zuwenden, wie Gott und Barmherzigkeit aufeinander bezogen sein könnte, wobei ich jetzt schon anzumerken möchte, dass mein Beitrag durchaus unvollständig ausfallen wird.“ Nein, als Jesus nach der Barmherzigkeit Gottes gefragt wurde, hat er Geschichten erzählt: vom Verlorenen Sohn oder von der Frau, die eine Münze verloren hatte und solange suchte, bis sie diese wiedergefunden hat. Und Jesus schließt die Geschichten ab mit dem Satz: Das müssen wir feiern. Der Sohn ist wiedergefunden. Die Geldmünze ist wiedergefunden. Lasst uns feiern und uns freuen. Und jeder, der zuhörte, hat verstanden, was Barmherzigkeit ist.


3. Ja, im Orient erzählte man Geschichten. In den Geschichten wurden wichtige Inhalte transportiert. Und man spürt diese Erzählfreude. Gerade im heutigen Evangelium: „Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele.“ Alle Kranke und alle Besessenen und die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt. Und man spürt diese Erzählfreude. Diese Geschichten ja zunächst mündlich tradiert. Da ist ja noch so manchen dazugekommen, vielleicht an Übertreibungen oder persönlichen Interessen. Egal: Wichtig ist, dass man mit diesen Geschichten einen Inhalt transportieren möchte. Und den Inhalt muss man herausspüren.


4. Das heutige Evangelium spielt am Anfang des öffentlichen Auftretens Jesu. Wer denkt da nicht das berühmte Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse: „Allem Anfang liegt ein Zauber inne“. Darum geht es. Um diesen Zauber des Anfangs. Und deshalb müssen wir auf der Erzählebene bleiben. Es geht nicht um eine Dokumentation oder gar um einen wissenschaftlichen Bericht, so dass wir uns jetzt fragen müssten: Stimmt das alles so? Hat Jesus so viele Menschen geheilt? Waren da so viele Wunder geschehen? Das sind Fragen des neuzeitlichen Menschen. Der Mensch der Antike hatte diese Fragen nicht. Er hat gleich verstanden: Mit Jesus beginnt etwas wunderbar Neues. Das umfassende Liebe Gottes verwandelt die Herzen der Menschen und macht sie heil. Mit Jesus setzt Gott einen wunderbaren Neuanfang. Es ist ein Anfang des Heiles. Mit Jesus ist etwas Neues in die Welt gekommen: Die Hingabe Gottes und Aufopferung Gottes aus Liebe zu den Menschen. Und wer dies erfährt, erfährt Heilung.


5. Genau darum geht es bis zum heutigen Tag. Mit Jesus ist etwas Neues in die Welt gekommen. Und mit Jesus ist etwas Neues in Ihr Leben gekommen und in mein Leben gekommen. Ein Zauber! Eine Verwandlung! Eine Hoffnung, die nicht irdisch begründet werden kann; eine Liebe, die nur als Geschenk angenommen werden kann; eine Gnade und Barmherzigkeit, die nicht als Verdienst entgegengenommen werden kann; ein Versprechen, das allein Gott geben konnte. Eben etwas Neues, ein Neuanfang zwischen Gott und Mensch. Eine Neuanfang, der so heilsam ist. Ein Neuanfang, der auch unser Leben verzaubert hat.

Franz Langstein

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Sonntag 11.00 h Heilige Messe
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(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe