05.09.2021

Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis 2021

Mk 7,11-17

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Die Geschichte von der Heilung eines Taubstummen erinnert mich immer an meine Zeit als Kaplan in Homberg/Efze. Die Kapläne dort waren auch eingesetzt in der Taubstummenseelsorge von Nordhessen. So war ich damals auch in Essen und belegte einen mehrwöchigen Kurs, um die Zeichensprache und die Lebenswelt Taubstummer kennenzulernen. Dabei wurde uns eine Geschichte erzählt: „Stellen wir uns mal vor: Ein taubstummes Kind und ein hörendes Kind spielen im Sandkasten. Beide haben damit als Kinder keine Probleme. Plötzlich fährt draußen auf der Hauptstraße, die vom Sandkasten aus nicht einsehbar ist, ein Krankenwagen mit Martinshorn vorbei. Das hörende Kind ist neugierig und springt auf und läuft aus dem Sandkasten zur Straße, um den Krankenwagen zu sehen. Das taube Kind hört den Krankenwagen nicht und bleibt im Sandkasten allein zurück. Was macht das jetzt mit diesem Kind? Es wird sich die Frage stellen, warum ist der von mir weggelaufen? Was habe ich falsch gemacht? Was ist mit mir, dass andere weglaufen?“ Es kann sich so ein Misstrauen verfestigen oder gar ein Minderwertigkeitsgefühl. Wir haben also gelernt, dass man tauben Menschen möglichst alles erklären sollte, was man macht, damit sie Vertrauen gewinnen.


2. Wenn man das alles berücksichtig, dann ist das heutige Evangelium von der Heilung eines Taubstummen von großer Liebe, Zärtlichkeit und Rücksichtnahme geprägt. Man muss hier noch erwähnen, dass taubstumme Menschen in der Regel von Geburt an taub sind, weil sich die Stummheit als Folge der Taubheit einstellt. Wer die Sprache nicht hört, wird sie nicht lernen. Wir müssen also davon ausgehen, dass der Taubstumme, von dem hier die Rede ist, von Geburt an so war. Also wie das Kind im Sandkasten immer wieder mit scheinbarer und ungewollter Missachtung konfrontiert wurde. Und die Frage stellt sich jetzt für Jesus: Wie kann ich ihm klar machen, was ich mit ihm tun möchte, ohne dass er misstrauisch wird? Denken wir an das Kind im Sandkasten: Das eine Kind hätte dem tauben Kind erklären sollen, dass es jetzt zur Straße rennt, um einen Krankenwagen zu sehen. Das ist natürlich sehr schwer, einem Tauben zu erklären. Aber vor dieser Schwierigkeit steht Jesus. Er will das Vertrauen gewinnen. Er will ihm erklären, was er jetzt tut? Und mit welch einer Zärtlichkeit das Jesus tut!


3. Er nimmt den Taubstummen beiseite, weg von der Menge. Er schafft somit einen Raum des Vertrauens. Und er überwältigt ihn nicht, in dem er einfach sagt: „Werde gesund“, das hätte der Taubstumme ohnehin nicht gehört. Vielmehr legt Jesus seine Hände dorthin, wo der Taubstumme verwundet ist: Ins Ohr und auf die Zunge. Das spürt der Taubstumme. Das ist eine Form der Kommunikation, die er mitbekommt. Er spürt: Hier geht was vor sich! Und er legt das Misstrauen ab und stimmt ein in diesen Vorgang. Innerlich. Voll Hoffnung und Vorfreude. Und Jesus spricht das vollmächtige Wort: „Effata“, öffne dich. Das wird der Taubstumme wohl nicht gehört haben, aber er hat gefühlt, dass er sich ganz dem Vorgang ohne Misstrauen öffnen kann. „Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden.“


4. Vielleicht können wir ja mal das ganze als Bild sehen für den Menschen, der vor Gott steht. Gott als der Unbekannte, Große, Schöpfer, Unberechenbare: Bei nicht wenigen Menschen löst die Vorstellung von Gott auch Misstrauen aus. Kann ich dieser mir unverfügbaren Macht vertrauen? Und noch weiter gefasst: Kann ich dem Leben vertrauen? Und was müsste Gott machen, damit wir Vertrauen zu ihm finden? Und das wäre jetzt eigentlich eine gute Weihnachtspredigt: Gott macht sich für uns klein, wird Mensch in einer Krippe, verzichtet auf seine Macht, übergibt sich unserer Macht. Bis hin zur Kreuzigung! Ist diese Menschwerdung Gottes nicht auch ein ganz zärtliches Handeln Gottes an uns und für uns, damit wir Vertrauen zu ihm gewinnen? Damit wir uns ihm ohne Misstrauen öffnen können? Effata! Öffne Dich.

Franz Langstein

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