04.04.2021

Predigt an Ostern B21

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Heute feiern wir Ostern. Wir feiern die Auferstehung Jesu Christi und damit auch unsere Hoffnung, selbst einst ins ewige Leben zu gelangen. Mal ganz ehrlich: Versetzt Sie das jetzt in Jubel? Freuen Sie sich, mal ewig zu leben? Glauben wir das eigentlich so? Stimmt jetzt mit uns was nicht, wenn darüber kein Jubel ausbricht? Ich erinnere mich an eine Beerdigung. Ein mir gut bekannter Priester, den ich sehr schätzte, war gestorben. Seine engsten Freunde gestalteten die Totenmesse, das Requiem. Schon zu Beginn wurde „Christ ist erstanden gesungen“ und dann die Strophe, die nur aus „Halleluja“ besteht. Sollte ich mich jetzt freuen, dass dieser mein so geschätzter Bekannter jetzt im Himmel ist? Sollte ich mich freuen, weil jemand angeordnet hat, dass wir jetzt „Halleluja“ singen? Ich konnte es nicht. Ich war zu traurig. Ich habe nicht „Halleluja“ gesungen. Nicht bei solchem Anlass. Ich habe mich gefragt, ob mein Glaube nicht groß genug sei. Warum ist die Trauer größer als meine Hoffnung und Freude? Haben die anderen, die offensichtlich ganz inbrünstig „Halleluja“ sagen, einen größeren Glauben als ich? Oder ist dieser inbrünstige Gesang des Hallelujas eine Art Mechanismus, mit dem man die Härte des Todes verdrängen will?


2. Diese Fragen bedrängten mich eine Weile. Fündig wurde ich dann bei Autoren, bei denen ich es nicht so vermutet hatte. Da ist einmal der tschechische Philosoph und Marxist Milan Machovec, der 1972 das Buch schrieb: „Jesus für Atheisten“. Darin heißt es: „Auch wenn man nicht an eine göttliche Offenbarung glaubt, kann man doch zugeben, dass im Christlichen gewisse grundlegend wichtige Thesen vom menschlichen Dasein sich phänomenalisierten.“ Das heißt: Es gibt Erscheinungsformen im Christentum, die Wesentliches über das Menschsein ausdrücken. Ob nicht der Glaube an die Auferstehung auch eine solche Erscheinungsform ist? Jürgen Habermas wurde da noch deutlicher. In seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sagte er 2001: „Mit dem Wunsch nach Verzeihung verbindet sich noch immer der unsentimentale Wunsch, das anderen zugefügte Leid ungeschehen zu machen. Erst recht beunruhigt uns die Unumkehrbarkeit vergangenen Leidens – jenes Unrecht an den unschuldig Misshandelten, Entwürdigten und Ermordeten, das über jedes Maß menschenmöglicher Wiedergutmachung hinausgeht. Die verlorene Hoffnung auf Auferstehung hinterlässt eine spürbare Leere.“ Habermas betont also, dass in der Rede von der Auferstehung etwas zutiefst Menschliches mitschwingt. Der Mensch findet es unerträglich, dass es keine Wiedergutmachung all des an Unschuldigen zugefügten Leides gibt. Die Rede von der Auferstehung kommt insofern hier dem Menschen entgegen, als hier eine letzte Gerechtigkeit und Versöhnung gemeint ist und somit eine zutiefst menschliche Sehnsucht. Der Verlust des Glaubens an die Auferstehung hinterlässt eine spürbare Leere.


3. Was bedeutet das nun? Es bedeutet – und das machen die Textbeispiele klar – dass Auferstehung schon jetzt was mit unserem Leben zu tun hat. Machovec und Habermas haben auf ihre Weise beschrieben, dass Auferstehung nicht etwas vom Menschen Losgelöstes ist. Auferstehung meint also nicht, dass da mal einst nach unserem irdischen Leben noch etwas kommt, so eine Art „Happy End“. Auferstehung meint auch nicht, dass es da eine Reihenfolge gibt: Erst kommt das irdische Leben mit seinen ganzen Höhen und Tiefen, und dann am Ende kommt das ewige Leben. Auferstehung bedeutet auch nicht, dass wir hier den biologischen und natürlichen Gesetzen unterworfen sind, dann aber übernatürlich weiterleben. Um das anzunehmen, braucht es keinen Glauben, da genügt einfach nur Optimismus auf ein Happy End.


4. Nein, Auferstehung ist etwas anderes. Der Glaube an die Auferstehung und das Nachdenken über diesen Glauben und seine Artikulation bedeuten: Neuinterpretation des Lebens. Im Glauben an die Auferstehung sehe ich mein irdisches Leben schon jetzt anders. Ich interpretiere es neu. Im Nachdenken über die Auferstehung denke ich über mein Leben nach abseits von Biologie, ob es da nicht noch eine andere Wirklichkeit gibt, die sich schon jetzt artikuliert in Sätzen wie: „Auferstanden zu neuem Leben“, nicht einst, sondern jetzt schon. „Siehe, das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“, so heißt es im Zweiten Korintherbrief. Nicht einst, schon jetzt. Die Auferstehung sagt Wesentliches über unser Leben im Hier und jetzt aus. Da haben Machovec und Habermas völlig recht, wenn der eine sagt, dass sich im Christentum wichtige Thesen menschlichen Daseins phänomenisieren und der andere sagt, dass mit dem Verlust des Glaubens an die Auferstehung eine spürbare Leere hinterlassen worden ist.


5. Auferstehung heißt also: Ich kann das Leben nicht spalten in ein Leben vor dem Tod und ein Leben nach dem Tod. Hier ist dann das Jammertal, das ich nicht besonders schätzen muss, dass ich hinnehmen muss, dann aber kommt das Paradies. Auferstehung heißt, dass ich alles zusammen sehen muss: Irdisches und Überirdisches, Natur und Gnade. Ich bin Kind dieser Erde und Kind Gottes. Alles gleichzeitig. Nicht jetzt und einst. Und wenn es sich so verhält, dann kann ich auch mein Leben annehmen, so wie es ist. Mit Beidem. Mit dem Dunklen des Irdischen und dem Licht der Gnade. Ich muss dann nicht bei einer Beerdigung „Halleluja“ singen, weil ich den Tod ernst nehme und er mich mit Trauer erfüllt. Wohl weiß ich, dass das nicht alles ist. Aber in dem Augenblick war mir das Irdische näher als das Himmlische. Und es darf sein. Denn die Auferstehung ist nicht losgekoppelt vom Irdischen. Sie hat sich bereits an uns ereignet. Wir sind schon jetzt wiedergeboren zu neuem Leben. Auferstehung heißt tatsächlich: Mein Leben neu zu interpretieren, neu zu sehen und neu zu leben, auch inmitten von Dunkel, Trauer und Angst. Auferstehung nimmt mir nicht das Dunkel und die Angst. Sie eröffnet mir aber eine neue Dimension meiner Existenz.

Franz Langstein

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