02.04.2021

Predigt am Karfreitag B21

2. Lesung vom Karfreitag und Markuspassion

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Der Kreuzestod Jesu Christi, dessen wir heute hier liturgisch gedenken, ist und bleibt in jeder Hinsicht ein Skandal. Nicht nur wegen der himmelschreienden Ungerechtigkeit, wegen der Unzulänglichkeit des Verfahrens, sondern auch religiös. Während sonst in den Religionen die Gottheiten mächtig zu sein haben, und während man sonst im Namen dieser mächtigen Götter und Götzen selbst glaubt, Macht auszuüben, bekennen wir heute, dass der, der sein Leben für Gott, seinen Vater, gelebt hat, brutal am Kreuz gestorben ist, ohne dass Gott eingegriffen hat. Wir bekennen einen scheinbar sinnlosen Tod, den Gott nicht verhindert hat.


2. Dieser Gedanke ist schwer auszuhalten. Schon die ersten Christen haben ihn nicht ausgehalten. Sie suchten nach einem Sinn des Todes Jesu. Paulus spricht vom Lösegeld, mit dem wir durch den Tod Jesu von der Sünde freigekauft wurden. Andere sprechen vom Opfer, das Christus dargebracht hat als Sühne für die Sünde der Welt. Aber all diese Erklärungsversuche sind nach Ostern entstanden. Man wollte den Tod Jesu nicht einfach als Schicksal Jesu hinnehmen, man suchte nach einer Erklärung. Und ungewollt spielt dann schon Ostern eine Rolle und nicht mehr der Karfreitag. Der Karfreitag wird dann zu einem höchst unangenehmen Wochenende für Jesus, aber wir wissen ja, da muss er durch, dann kommt Ostern. Und alles ist wieder gut. Nein, heute sind wir nicht bei Ostern, wir sind heute am Karfreitag. Und zwar beim Karfreitag ohne Ostern. Beim Karfreitag, wie ihn Jesus erlebt hat. Das älteste Evangelium, das Markus Evangelium, gibt uns davon Kunde.


3. Es gibt einen ganz erschreckenden Satz, der nur im ältesten Evangelium steht. Die jüngeren Evangelien haben ihn nicht mehr überliefert. Wir haben den erschütternden Satz vorhin gehört: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Es ist der letzte Satz Jesu im Markusevangelium. Nicht wie Johannes, wo es noch heißt: „Es ist vollbracht“, oder wie bei Lukas: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“. Bei Markus, dem ursprünglichsten Evangelium, steht nichts von all dem, was dem Karfreitag doch noch einen Schimmer Hoffnung geben könnte. Da heißt es am Ende nur: „Jesus schrie laut auf und hauchte seinen Geist aus.“ Diesem Karfreitag müssen wir uns stellen. Ein Karfreitag, der noch kein Ostern kannte.


4. Stellen wir das doch nur einmal vor: Wir Christen bekennen heute, dass der Gottesfürchtige, der Gottesliebende, der ganz den Willen des Vaters erfüllende Menschensohn ans Kreuz geheftet betet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Was heißt das denn? Hat Jesus gehofft, dass Gott eingreifen würde? Und wir hören von zerstörter Hoffnung. Er greift nicht ein. Mach dir keine Hoffnung. Für Jesus ist es so, als ob seine Hoffnung, sein Glaube an Gott, seinen Vater, mitsterben würde. Das Gefühl totaler Gottferne ist fast dasselbe wie „Gott ist tot“. Nur, dass der Sohn Gottes ungemein darunter leidet, während diejenigen, die diesen Satz heute manchmal benutzen, dies eher triumphierend sagen. Jesus stürzte am Kreuz in eine absolute Krise seines Glaubens. Seine Einheit mit dem Vater war zerstört. Den, den Jesus bisher Gott, seinen Vater, nannte, hat er verloren. Christus war Gott losgeworden.


5. Und hier, an diesem Punkt, halten wir mal inne. Denn hier machen wir etwas, das eben religiöse nicht normal ist. Was meine ich damit? Diejenigen, die vorgeben, Gott zu besitzen, die Hohenpriester und Schriftgelehrten, haben ihn, der wirklich eins ist mit dem Vater, dazu gebracht, Gott nicht mehr zu besitzen. Diejenigen, die im Namen Gottes und im Auftrag Gottes Macht ausüben, haben denjenigen, der Gottes Sohn ist, dazu gebracht, nichts mehr im Namen Gottes tun zu können. Diejenigen, die klare Gottesvorstellungen haben und wissen, wie Gott ist, haben den Sohn Gottes soweit gebracht, dass er seinen Gott verloren hat. Das heißt also: Die Gottbesitzenden, die Gottesmächtigen, die Gottwissenden auf der einen Seite, und der, der Gott losgeworden ist und der nichts mehr zu sagen hat über seinen Gott und der Gott verloren hat, auf der anderen Seite. Und wir? Für wen ergreifen wir heute Partei? Für die Gottbesitzenden oder den Gottlosen. Für die, die Gott haben oder für den, der seinen Gott verloren hat? Wir ergreifen Partei für den, der seinen Gott verloren hat. Das würden wir doch sonst niemals tun. Selbst die Jünger taten das nicht. Sie sind weggelaufen. Sie haben nicht mehr zu ihm gehalten. Das ist der Karfreitag ohne Ostern. Das ist also heute!


6. Unser Herz schlägt also heute für den, der seinen Gott verloren hat und seinen Glauben und seine Hoffnung. Warum halten wir nicht zu den Glaubensstarken und Wissenden und Gottesbesitzern? Doch wohl, weil wir wissen, wie sehr wir selbst in eine Situation kommen können, in der wir sagen: Ich kann nicht mehr an Gott glauben. Weil wir wissen, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass wir in eine Situation kommen können, in der wir sagen: Ich habe Gott verloren. Und Gott ist für mich tot. Weil wir Jesus, wenn er schreit, „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, doch nur allzu gut verstehen. Und umgekehrt, weil, wenn wir in so einer Situation sind, wir es uns doch auch wünschen würden, dass der Sohn Gottes uns versteht. Denn er, der Sohn Gottes, ist ganz Mensch geworden, auch mit der furchtbaren Erfahrung der Gottlosigkeit. Wir sollten Sympathie mit denen haben, die aus einer tiefen schmerzlichen Erfahrung heraus nur noch sagen können: „Gott ist tot!“. Es ist die Erfahrung Christi.

Und wir halten nicht zu den Gottesbesitzern und zu denen, die im Namen Gottes sich mächtig dünken, weil wir wissen, dass man Gott nicht besitzen kann und weil man keine Macht im Namen Gottes ausüben darf und ihn für sich verzwecken darf. Gott ist heilig. Gott ist anders. Deshalb oft auch gefühlt fern.


7. Das ist der Karfreitag ohne Ostern. Die letzte Konsequenz für den, der Mensch wurde und nichts Menschliches sich ersparen wollte.

Franz Langstein

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