01.04.2021

Predigten an Gründonnerstag

Predigt am Gründonnerstag B21

Ex 3,1-8a.13-15 (s. 3. FaSo A), Joh 13,1-15

Liebe Schwestern und Brüder!

1. In der ersten Lesung hörten wir, wie Moses aus einem brennenden Dornbusch heraus den Auftrag von Gott erhält, sein Volk aus Ägypten zu befreien. „So“, sagte Mose ungläubig und ein wenig ironisch, „ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich darauf antworten?“ Daraufhin offenbarte Gott seinen Namen: „Ich bin, der ich bin da!“ Bei dieser Übersetzung des Gottesnamens JHWH liegt das Missverständnis nahe, also handele es sich hier um eine Wesensbeschreibung Gottes. Dieses Denken ist dem hebräischen Denken fern. Es geht nicht so sehr um das Wesen, also vielmehr um den Ausdruck eines Handelns. Norbert Scholl, emeritierte Professor für katholische Theologie in Heidelberg, hat deshalb folgende Umschreibung vorgeschlagen: „Du musst dich gedulden. Mein Wesen kann man nur im Nachhinein verstehen. Auf mein Wesen musst du aus meinem Wirken schließen, weil ich nämlich stets gemäß meinem Wesen wirke. Aber, keine Angst, das ist keine Ausflucht: Ich werde wirken! Ich werde mich als für euch und mit euch Handelnder erweisen“. Ich fand diese Umschreibung des Namens Gottes sehr interessant. Und ich denke auch, dass das genauso richtig ist.


2. Denn jetzt im Folgenden wird uns im Buch Exodus das Handeln Gottes genau beschrieben. Die zehn Plagen, der Auszug aus Ägypten, die Wanderung durch die Wüste, bei der Gott mitzieht, der Bundesschluss auf dem Berg Horeb usw. Gottes Wesen erweist sich durch sein Handeln. Gottes Name erkennt man an seinem Wirken.


3. Und war das bei Jesus nicht genauso? Jesus hat keine dogmatischen Vorträge über das Wesen Gottes gehalten. Er hat gehandelt und gewirkt. Und aus diesem Wirken Jesu konnten die Menschen das Wesen Gottes erahnen oder sogar erkennen: Wenn Jesus zu den Armen und Ausgestoßenen, Sündern und Kranken ging; wenn Jesus Wunder und Zeichen tat; wenn er so schöne Gleichnisse wie das vom Verlorenen Sohn oder von den Arbeitern im Weinberg erzählte; wenn er Widerstand leistete gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung; wenn er deutliche Worte fand gegen all jene, die Gott für ihre Macht und ihre Interessen gebrauchten. Aus all dem wurde erkenntlich, was Gottes Wesen ist. Und es ist gerade das Johannes-Evangelium, das nicht müde wird, auf diesen Zusammenhang hinzuweisen. Im 14. Kapitel heißt es zum Beispiel: „Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!“ Oder: Im 5. Kapitel heißt es: „Ich aber habe ein gewichtigeres Zeugnis als das des Johannes: Die Werke, die mein Vater mir übertragen hat, damit ich sie zu Ende führe, diese Werke, die ich vollbringe, legen Zeugnis dafür ab, dass mich der Vater gesandt hat.“ Der Name Gottes offenbart sich durch das Wirken Gottes und durch das Wirken Christi. Der Name Gottes „Ich bin der, ich bin da“ erweist sich im Handeln. Später wird man all das zusammenfassen in dem Satz: „Deus caritas est“. Gott ist die Liebe.


4. Und das ganze Wirken Jesu, das uns das Wesen Gottes offenbart hat, wird heute Abend wie ein Testament zusammengefasst – zusammengefasst in einem Zeichen, das Jesus im Abendmahlssaal kurz vor seinem Tod setzt: Die Fußwaschung. Diese Zeichenhandlung ist die erschütternde Offenbarung des Wesens Gottes. Sogar Petrus schreckt davor zurück: „Niemals sollst du mir die Füße waschen!“ In dieser Zeichenhandlung, die die Zusammenfassung seines ganzen Lebens ist, offenbart Jesus einen Gott, der bis zum Äußersten seinem Namen „Ich bin da“ treu ist. In dieser Zeichenhandlung offenbart Christus einen Gott, der ganz für den Menschen da ist und bereit ist, ihm zu dienen. Er offenbart einen Gott, der sich hingibt und preisgibt, weil es ihm die Menschen wert sind. Ja, weil wir es ihm wert sind. Das ist erschütternd.


5. Und gleich nach dem Abendmahl geht Jesus hinaus, heute Nacht, in den Garten Getsemani. Dort überfällt ihn die Angst, ihm, der gerade so ein Zeichen der Treue Gottes gezeigt hat. „Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen“. Und morgen wird er am Kreuz hängen und rufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Was sollen wir sagen? Hat Jesus sich getäuscht? Oder ist der Name Gottes, dass er der ist, der da ist, in seiner ganzen Tiefe nicht auslotbar? Das heißt: Ist sein Wesen, dazu sein für uns bis zur Hingabe und Preisgabe seiner selbst, nicht gerade da verwirklicht, wo sogar sein Wesen preisgegeben wird? Wo er nicht mehr erkenntlich ist als Gott? Ist das nicht die höchste Form der Preisgabe, dass Gott nicht mehr benennbar ist? Weshalb die Juden ganz konsequent bis heute seinen Namen nicht aussprechen. Wo Gott so sehr sich vereinigt mit dem Leidenden, dass der Leidende ihn als den Herrlichen nicht mehr erkennt? Vielleicht sollten wir einfach verstummen und den Namen Gottes nicht mehr aussprechen, wie es die Juden tun.

6. Aber wer weiß: Vielleicht ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Vielleicht steht die letzte Gottesoffenbarung noch aus, die uns dann das Wesen Gottes zeigt, von Angesicht zu Angesicht. Vielleicht müssen wir einfach nur warten. Bis Ostern? Oder auch noch nach Ostern. Wer weiß!

Franz Langstein

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