01.01.2021

Predigten an Neujahr 2021

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Mir kam neulich mal ein ganz eigenartiger Gedanke, als ich so über das Leben und mein Leben und über Zeit nachdachte. Neujahr kann ja so ein Anlass sein, mal über Zeit und Leben nachzudenken. Wie sehr die Zeit schwindet, drückt sich ja manchmal in dem Satz aus, den wir zu Neujahr gerne sagen: „Schon wieder ist ein Jahr rum.“ Wieder ist Zeit vergangen. Also denken wir ein wenig nach über Zeit und Leben.


2. Leben! Das Kostbarste auf diesem Planeten. Das Kostbarste, das ich habe. Aber warum? Warum lebe ich? Biologisch sollten wir zuerst antworten. Denn in der Natur zeigt sich die Gnade. „Gratia supponit naturam“ heißt ein wichtiger Satz der Theologie: „Die Gnade setzt die Natur voraus“, in dem Sinn, dass man auch sagen kann: In der Natur zeigt sich die Gnade. Es braucht also die Natur, um über Gnade reden zu können. Reden wir also über die Natur reden, über Biologie, Chemie, Physik. Dann über Gnade.


3. Also warum lebe ich? Weil meine Eltern mich gewollt haben. Und meine Eltern? Weil ihre Eltern sie gewollt haben? Und meine Großeltern usw. Wie lange wollen wir zurückgehen? Bis zu den ersten Menschen? Und die? Auch die hatten Vorfahren. Und diese Vorfahren? Irgendwann lande ich bei dem Einzeller, der mein direkter Vorfahre ist. Und der? Wem verdankt der sich? Einem langen chemischen Prozess auf der Erde. Und die Erde? Sie verdankt sich einem langen kosmischen Prozess. Und dann sind wir am Anfang des Kosmos. Und jetzt schon spüren wir: Wir sind eingebettet in einem ganz langen kosmischen, chemischen und biologischen Prozess, der vor über 13 Milliarden Jahren begonnen hat. Da hat also vor über 13 Milliarden Jahren etwas begonnen, das die Bedingungen bereitstellte, dass ich heute sein darf. Ich war nicht notwendig. Es hätte auch anders kommen können. Es brauchte ungeheuer viele Zufälle. Diese Zufälle haben die Bedingungen geschaffen, das ich sein kann. Ich habe diesen Bedingungen nicht zugestimmt. Ich bin nicht gefragt worden. Sie sind geschehen, und jetzt bin ich. Hätte die Erde keinen Mond, gäbe es wohl auf der Erde kein Leben. Vor 65 Millionen Jahren schlug auf der Erde ein gewaltiger Komet ein und löschte wahrscheinlich die Dinosaurier aus. Jetzt begann die Stunde der Säugetiere, und aus den Säugetieren hat sich der Mensch entwickelt. Verdanke ich mich einem Kometeneinschlag mit seiner vernichtenden Gewalt, die aber gleichzeitig neues Leben schuf? Ich konnte all dem nicht zustimmen. So vergingen die Jahrmillionen. Ich musste nicht sein. Aber ich bin. Ungefragt.


4. Soweit die Biologie, die Chemie, die Physik, kurz: Die Natur. Und jetzt heißt es: „Gratia supponit naturam“. Die Gnade setzt die Natur voraus. Die Natur ist also die Bedingung, Gnade zu erfahren. Ahnen wir es schon? Dieser lange Prozess ist die Bedingung, dass ich sagen kann: Es ist Gnade, es ist Geschenk, dass ich bin. Welche Gnade, nach einem so langen Prozess sein zu dürfen? Oder: Wie sehr muss sich ein göttliches Wesen nach mir gesehnt haben, das 13 Milliarden Jahr warten kann, bis ich endlich bin? Und wie wertvoll muss ich dann sein, wenn jemand 13 Milliarden Jahre warten kann und wie sehr muss ich geliebt sein? Und wertvoll, weil ich gar nicht sein bräuchte, denn so viele Zufälle haben da mitgespielt. Wäre ich notwendig, wäre es normal, dass es mich gibt. Aber so: Nach den Zufällen: Was für ein Glück! Was für ein Geschenk.


5. Und nun ist wieder ein Jahr vergangen, in dem ich sein durfte. Was ist das im Vergleich zu den 13 Milliarden Jahren, die es gebraucht hat, dass ich werden konnte? Und jetzt ahnen wir auch, wie wertvoll ein solches Jahr ist. Und wie wertvoll Leben ist. Und jetzt beginnt ein neues Jahr. Wieder eine Zeit, die ich sein darf. Verbringen wir sie in Dankbarkeit, in tiefer Dankbarkeit Gott gegenüber, in großem Vertrauen ihm gegenüber.


6. Und die Hirten, so heißt es im heutigen Evangelium, fanden ein Kind in der Krippe. Auch dieses Kind, zwar von Ewigkeit in Gott und aus Gott geboren, verdankt sich dieser langen Evolutionsgeschichte der Erde. Von Anfang an war es also auch bestimmt, dass die Erde Gott hervorbringt. Und damit ist klar, dass dieser lange Prozess nicht ins Leere läuft, sondern ein Ziel kennt: Alles mündet in die Begegnung mit Gott, von Angesicht zu Angesicht. Denn nur deshalb ist alles geworden: „Im Anfang war das Wort; und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ Wahrhaft: Die Gnade setzt die Natur voraus.

Franz Langstein

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