30.08.2020

Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis 2020

 Mt 16,21-27

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Heute wird oft die Frage nach der Identität des Menschen gestellt. „Wer bin ich?“ Schlagwörter wie „Selbstfindung“, „Selbstwerdung“, „Identität“, Glücksstreben“ stehen für diese Frage: „Wer bin ich?“

 

2. Eine erste und vorläufige Antwort kann zunächst einmal nur lauten: „Ich bin ein Teil der Natur, der Welt und – christlich gesprochen – ein Teil der Schöpfung“.  Damit teile ich das Schicksal des Natürlichen und Geschöpflichen, das heißt: Ich bin hinfällig, ich bin vergänglich, ich bin zufällig, nicht notwendig, ich bin unvollkommen, kurz: kontingent. Der Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen sprach vom „Mängelwesen Mensch“. Aber der Unterschied zur übrigen Natur ist: Das Mängelwesen Mensch ist sich dessen bewusst. Ich weiß um meine Hinfälligkeit und um meine Unvollkommenheit und Unsicherheiten.

 

3. Dieses Wissen um die Hinfälligkeit des eigenen Lebens bewirkt bei uns Menschen so einiges:

 

  • Einmal kann es bewirken, dass wir nach Sicherheit streben. Mehr als notwendig sichern wir unser Leben ab. Wir kreisen dann sehr schnell um Materielles, von dem wir uns Sicherheit erhoffen.
  • Zum anderen kann die Erfahrung der Zufälligkeit dazu führen, dass nichts mehr wichtig ist. Alles ist beliebig. Das Leben kann konstruiert werden. Man gibt dem Leben ein bestimmtes Design. Man entwirft sich immer neu. Letztlich sucht man immer nur sich selbst, ohne sich aber gefunden zu haben.
  • Aber auch religiös bewirkt dieses Wissen um die eigene Hinfälligkeit einiges: Der Mensch macht sich auf die Suche nach sich selbst. Wer bin ich eigentlich inmitten meiner Vergänglichkeit? Was ist mein wahres Selbst? Und sie versenken sich in sich selbst, um ihr wahres Sein zu finden. Mir fällt dabei der bayrische Komiker Karl Valentin ein. Lisl Karlstadt sagte zu ihm, dass er doch endlich mal in sich gehen soll. Und Karl Valentin antwortet: „War ich schon, ist auch nicht viel los.“ Der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz hat das brutaler ausgedrückt: „Wer sich selbst sucht, findet sich – das ist seine Strafe“. Denn was wird er da finden, wenn er sein Selbst gefunden hat? Im schwächer werdenden Kielwasser des Christentums tummeln sich momentan viele religiös angehauchte Menschen, die auf Selbstfindungstrip gehen: Intensive Naturfrömmigkeiten, Gesundheitsreligionen, Mondanbeter und Sternendeuter, esoterisches Heilungswissen, dunkle Mythen, magische Beschwörungen, nur um sich selbst kreisende Meditationsformen usw. Immer will man sein Selbst finden.  

4. Das wirft die Frage auf: „Kann man überhaupt sein Selbst finden? Und wenn ja, wie? Kann man Selbstverwirklichung anstreben?“ Viktor Frankl hat darauf aufmerksam gemacht, dass man Selbstverwirklichung nicht anstreben kann. Das Selbst verwirklicht sich nicht, indem man es sucht, sondern indem man es nicht beachtet. Er vergleicht das mit dem Glück: Glück als Glück kann ich nicht anstreben, sondern ich kann nur etwas tun, was glücklich macht. Ich brauche einen Grund, der mich glücklich macht. Den Grund muss ich suchen. Solange ich aber das Glück selbst suche, werde ich es nicht bekommen. Wenn ich aber das Glück aus den Augen verliere und etwas tue, was glücklich macht, dann stellt sich Glück von selbst ein.  So scheint es auch mit der Selbstverwirklichung zu sein. Ich kann mein Selbst nicht intentional verwirklichen. Ich muss etwas tun, wodurch sich mein Selbst verwirklicht. Ich darf also mein Selbst nicht beachten, sondern muss es loslassen. Wer sich selbst sucht, wird sich verlieren.

 

5. Und hier greift nun das heutige Evangelium mit dem missverständlichen Satz: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ Kann man das nicht heute so deuten: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Sein Selbst findet man nicht, wenn man es sucht, sondern wenn man sich als Selbst einbringt, sinnvoll einbringt, und wenn das Kreuztragen bedeutet. „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“  Sein Leben rettet man nicht, indem man es zu retten versucht, sondern indem man wegblickt vom Leben und den Blick hinlenkt zu einem erfüllenden Lebenssinn.


6. Was kann das heißen: Die christliche Literatur ist sich da einig.  Wer nur seine Autonomie sucht, also sich selbst sucht, wird sich verlieren, denn das Selbst verwirklicht sich in den Beziehungen. Indem das Selbst aus sich heraustritt in den Raum der Liebe, der nur in Beziehungen existiert, macht das Selbst die Erfahrung, dass es geschätzt ist und wertvoll ist. Das Selbst verwirklicht sich also genau da, wo es sich verlässt und aus sich heraustritt in den Raum der Liebe. Religiös gesprochen heißt das dann sogar: Wenn das Selbst nur sich selbst sucht, wird es auch nur sich selbst finden. Wenn es aber aus sich heraustritt, von sich selbst absieht, und auf Gott hin sich übersteigt, gelangt es in einen Raum der Liebe und der Würde und der Größe, dass darin sich das Selbst verwirklichen kann als das, was es ist: Ganz wertvoll in den Augen Gottes. Wer sein Selbst in Gott hinein verliert, wird es gewinnen.

Franz Langstein

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