28.06.2020

Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis 2020 

Mt 10,37-42

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es gibt heute in der Kirche ein Schlagwort, das lautet: „Niederschwellige Angebote machen“. Marketingstrategen weisen uns immer wieder daraufhin, dass es gut ist, möglichst viele Menschen zu erreichen und dass das nur gelingt, wenn man Angebote macht, die beim Menschen ein bestimmtes Wohlgefühl erzeugen. Und man dürfe die Menschen nicht überfordern und zu viel verlangen. „Niederschwellige Angebote“. Und „unverbindlich“ müssen sie sein. Aus Gottesdiensten wird dann Folklore, aus Glaubensvollzügen wird ein Event und aus der Ernsthaftigkeit einer Gottesbeziehung wird die Beliebigkeit unverbindlicher Angebote. Und am Ende glaubt man deshalb richtig zu liegen, weil man doch so viele Menschen erreicht hat.

Und ich frage mich: Worum geht es am Ende? Will man Menschen ködern oder will man sie überzeugen? Geht es um die Kirche, dass möglichst viele die Kirche bewundern, also uns bewundern: „Tolle Leute, was die alles anbieten?“ Geht es um Religion: „Die Leute sollen ja das Christentum kennenlernen“, aber welches Christentum, ein Wohlfühlchristentum? Oder geht es um Gott. Wenn es aber um Gott geht, was heißt dann „Niederschwellig“? Gott ist Mensch geworden, bis hin zum Kreuz. War das für Gott niederschwellig?

 

2. Gut, dass Jesus damals nicht von pastoral klugen Leuten oder Werbestrategen beraten wurde. Jesus haut einen Satz nach dem anderen raus, bei denen den Verfechtern niederschwelliger Angebote die Haare zu Berge stehen dürften: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig “, „und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig“, „wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ Das ist eine vernichtende Produktwerbung, das ist Abschreckung, das ist Provokation. Damit holt man niemanden hinterm Ofen hervor.

 

3. Aber – und jetzt spüren wir es vielleicht: Ist das nicht wiederum so grass, dass es neugierig macht? Sind diese Forderungen nicht so extrem, dass sie aufhorchen lassen? Was könnte damit gemeint sein? Warum sagt Jesus so etwas? Ist es also genau umgekehrt? Letztlich werden nicht die niederschwelligen Angebote die Menschen überzeugen, sondern die Herausforderungen der Botschaft Jesu. Es gibt ein Buch, das mich allein vom Titel her schon sehr fasziniert hat. Der Titel lautete: „Als Religion noch nicht langweilig war“. Dieses Buch behandelt die Geschichte der Wüstenväter. Also die Geschichte jener Menschen, die ab dem 3. Jahrhundert in die Wüste zogen und dort ganze Mönchskolonien gründeten streng und abgeschieden lebten. Da war Religion nicht langweilig, sondern eine extreme Herausforderung. Und genau deshalb so interessant, dass viele Menschen hinauszogen, um dort in der Wüste zu leben. Und viele sind auch gescheitert.

 

4. Und jetzt sind wir beim Punkt, der uns das Verständnis des heutigen Evangeliums aufschließt. Diese harten Verse aus dem Matthäus-Evangelium, die wir hörten, sind Teil der sogenannten Aussendungsrede im Matthäusevangelium. Jesus sendet seine Jünger aus. Damit spiegelt der Text eine Situation wider, die zur Abfassungszeit des Matthäus-Evangelium gegeben war: Die Situation der Wanderprediger oder der Wandermissionare. Das Christentum hat sich gerade über solche Menschen verbreitet. Der bekannteste Wandermissionar war Paulus. Durch Jahrhunderte hielten sich die Wandermissionare. Denken wir z.B. an den heiligen Bonifatius, der von England kommend hier herumwanderte und missionierte. In diesen Menschen muss eine Überzeugung gewesen sein, in ihnen muss ein Feuer gebrannt haben, sie müssen von einer Liebe getrieben sein, die es ihnen nicht möglich machte, einfach irgendwo es sich gut gehen zu lassen. Es trieb sie zu den Menschen, um dieses Feuer zu entfachen. So etwas wie „unverbindliche Angebote“ machen war ihnen fremd. Sie waren zutiefst davon überzeugt, dass die Botschaft Jesu eine Botschaft des Lebens und des Heils ist, und dass das, was Gott für die Menschen getan hat, nicht unverbindlich sein kann.

 

5. Und wenn diese Menschen einmal ganz tief davon überzeugt waren, dann standen sie vor der Entscheidung: Eltern, Familie oder Gott. „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“. Und wer in sich dieses Feuer verspürte, den hielt es nicht mehr zurück, sondern er musste sich überlegen, was das heißt: „Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig“. Und es ging nicht darum, sich zu fragen, was habe ich davon, was bringt mir das Ganze, sondern die Herausforderung lautete, sich um der anderen Willen hinzugeben: „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ Sie spüren, welche Herausforderung damit gegeben war, und wie spannend das sein konnte. Gerade diese Herausforderungen hatten ihren Reiz. Diese Verse aus dem heutigen Evangelium spiegeln also eine bestimmte Situation wider, die Situation der Wanderprediger. Oder sagen wir: Die Situation von Menschen, die ganz und gar von der Botschaft Gottes erfüllt waren.

 

6. Nun stehen wir nicht in der Situation als Wanderprediger. Dennoch will auch uns das Evangelium ganz klar etwas sagen: Mit der christlichen Botschaft geht es um etwas Ernstes und Herausforderndes. Wir tun der Botschaft keinen Gefallen, wenn wir sie zur Folklore machen, zum unverbindlichen Angebot. Eine solche Botschaft glaubt uns keiner. Ein Atheist sagt einmal zu mir: „Wie soll ich an euren Gott glauben, wenn ihr euren Gott selbst nicht ernst nehmt?“ Wir müssen auch die sperrige Seite des Christentums ernst nehmen und verkünden. Wir brauchen keine Angebote, die uns Bewunderer bringen. Das Christentum braucht keine Bewunderer, sondern Überzeugte.  Es geht im Christentum nicht zuerst um Trost, um das eigene Seelenheil, um Wohlfühlen, um Glück, sondern es geht um eine Liebe, die sich bis zum Kreuz aufgeopfert hat und es geht darum, diese Liebe zu beantworten und weiterzugeben.

Franz Langstein

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