25.12.2020

Predigt an Weihnachten 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

1. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott“. Was für ein Auftakt der weihnachtlichen Botschaft am heutigen Weihnachtstag! Ganz weit holt das Johannes-Evangelium aus: „Im Anfang war das Wort“. Bis zum Anfang der Schöpfung holt es aus, bis zum Schöpfungsmorgen. Um Weihnachten in seiner Tiefe zu verstehen, muss man soweit ausholen. Es heißt nicht: „Am Anfang“, sondern „Im Anfang“, „ἐν ἀρχῇ“. Würde es heißen „Am Anfang“ könnte man meinen: Da war ein Wort am Anfang und nach dem Anfang war es nicht mehr, so als ob das Wort nur etwas angestoßen hätte. „Im Anfang“ aber kann man eher so sehen: Da ist in den Anfang der Schöpfung hinein ein Wort gelegt worden, das seitdem der Schöpfung innewohnt. Deshalb heißt es weiter: „Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ Alles also, was im Laufe der Jahrmilliarden in einem unvorstellbaren evolutiven Prozess geworden ist, ist durch das der Schöpfung innewohnende Wort geworden. „Er trägt das All durch sein machtvolles Wort“ haben wir in der Lesung aus dem Hebräerbrief gehört.


2. Was aber ist dieses Wort? „Λόγος“ im Griechischen. Die Bedeutung von Λόγος ist sehr vielschichtig. Es meint nicht einfach nur Wort, sondern das Wort drückt auch Vernünftigkeit aus, drückt einen Sinn aus, drückt den Gehalt einer Aussage aus, eben die Logik. Das griechische Wort „Logos“ hat sein hebräisches Äquivalent am ehesten im Wort „Weisheit“. Auch im Hebräischen taucht die Weisheit als eigenständige Verkörperung des Göttlichen auf.


3. Wenn wir mal versuchen, uns in diesen Kontext hineinzufühlen, dann würde das bedeuten: In all den Jahrmilliarden des Werdens der Schöpfung (und noch ist kein Ende abzusehen, den die Evolution geht ja weiter; weitere viele Milliarden Jahre) liegt all dem Werden und Vergehen eine innere Vernünftigkeit, innere Weisheit, ein innerer Wille, kurz ein Wort zugrunde, das von Anfang an so gesprochen wurde, dass es der innerste Sinn der Schöpfung ist. „Alles ist durch das Wort geworden.“ Natur ist also nicht einfach nur Natur. All dem Natürlichen liegt eine tiefere Weisheit zugrunde, ein von Anfang an gesprochenes Wort, das der Schöpfung zu ihrer Entfaltung dient. Und was ist dieser innere Sinn, dieses innere Wort?


4. Und nun vergehen die Jahrmilliarden. Ein unvorstellbar großer Zeitraum, der mit unserem an die Erde gebundenen Verstand und an irdische Maßstäbe gewohnten Verstand absolut nicht vorstellbar ist. Unvorstellbar lange und langsam entwickelt sich die Schöpfung. In einem Milliarden Jahre langen Prozess bilden die Sterne jene Atome und Moleküle aus, die für späteres Leben erforderlich sein werden. Zehn Milliarden Jahre nach dem Anfang bildet sich irgendwo am Rande einer Spiralgalaxie ein kleiner Planet aus, der diese Atome und Moleküle nun besitzt, damit sich auf ihm Leben ausbilden könnte. Und tatsächlich: Nachdem wiederum in einem Millionen Jahre langen Prozess die Erde abgekühlt ist, zündet der Lebensfunke. Das Leben hat eine Heimat gefunden – die Erde. Und es dauert noch einmal vier Milliarden Jahre lang, bis auf der Erde ein Lebewesen entsteht, das das Göttliche denken kann, vorstellen kann, ahnen kann, glauben kann, das „Du“ zu Gott spricht. Menschlich gesprochen: Wie sehnsüchtig muss Gott gewartet haben, bis ein Ansprechpartner gefunden ward. Und der Logos wirkt in diesem Lebewesen, namens Homo sapiens. Die Vorstellung des Göttlichen wird immer klarer und reiner. Waren vielleicht die vielen Götter am Anfang auch, aber nicht nur, Produkte des Willens, etwas erklären zu wollen, was man noch nicht erklären konnte, so klärten sich die Gottesbilder im Laufe der Zeit. Bis dann schließlich der eine Gott im Bewusstsein der Menschen war, der nicht mehr nur einfach ein Produkt der Fantasie war. „Du sollst dir kein Bild von Gott machen“ ist der Schlüsselsatz dieser Entwicklung.


5. Und dann war es soweit. „Als die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn“, schreibt der Apostel Paulus an die Galater. Nun war der Mensch soweit, das Wort, den Logos, zu empfangen. Das Wort offenbart sich diesem Menschen. Es bricht aus Gott förmlich heraus, voll Sehnsucht, sich dem Menschen zu zeigen: „Und das Wort ist Fleisch geworden“. „Der Einzige, der am Herzen des Vaters ruht – er hat Kunde gebracht“. Dieses Fleisch gewordene Wort wird nun in seinem Leben auf Erden, Jesus von Nazareth, den innersten Willen Gottes offenbaren: Und am Ende wird der Mensch sagen können: Deus caritas est – Gott ist die Liebe.


6. Das ist die Botschaft von Weihnachten: Einmal ganz weit ausgeholt. Der innerste Sinn der Schöpfung ist die Liebe. Es ist Versöhnung mit Gott. Es ist Gemeinschaft mit Gott, weil alle Liebe zur Gemeinschaft drängt. Das innerste Wort der Schöpfung, der Λόγος, ist die Vereinigung mit Gott. „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Dieses ewige Wort des Vaters liegt nun sichtbar vor uns, wehrlos, sich hingebend, aufopfernd.

Franz Langstein

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