23.08.2020

Predigt am 21. Sonntag im Jahreskreis 2020

Mt 16,13-20

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Vor einigen Jahren hörte ich eine Predigt, in der der Prediger viel erzählte über das Geheimnis Gottes, seine Fremdheit, seine Ferne, seine Unaussprechlichkeit, seine Unbegreiflichkeit usw. Alles richtig und von tiefer Ehrfurcht bestimmt. Mich erinnerte das an eine Geschichte: da unterhielten sich zwei Forscher, die im Urwald auf eine Lichtung stießen, die mit vielen Blumen angelegt war. Einer der Forscher meinte sofort: „Hier muss ein Gärtner am Werk gewesen sein. Von selbst kann dies nicht so wunderbar geordnet worden sein.“ „Nein“, meinte der andere, „es gibt keinen Gärtner.“ Da schlugen sie die Zelte auf und überwachten die Lichtung. Kein Gärtner ließ sich blicken. Daraufhin sagte der erste: „Vielleicht ist der Gärtner unsichtbar.“ Da spannten sie einen Stacheldraht um die Lichtung und setzten ihn unter Strom. Aber nichts tat sich. Es kam kein Gärtner. Der erste aber ließ nicht locker und behauptete: „Vielleicht ist der Gärtner unberührbar und unempfindlich gegen elektrische Schläge und vielleicht hinterlässt er keine Spuren?“ Der andere antwortete: „Sag mal, was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen deinem unsichtbaren, unberührbaren, gegen elektrische Ströme unempfindlichen und keine Spuren hinterlassenden Gärtner und überhaupt keinem Gärtner?“ Das ist genau der Punkt: Wir können Gott so sehr in das Reich des Geheimnisvollen, des Unaussprechlichen, Unfassbaren, Unbegreiflichen, ja Unerfahrbaren hineinpredigen, dass man sich fragen muss, wo da noch der Unterschied ist zwischen diesem fernen Gott und überhaupt keinem Gott. Und ich glaube, dass das auch ein Problem unserer Zeit ist. Viele Menschen verbieten sich eine Aussage über Gott oder gar eine Definition Gottes. Was ganz verständlich ist und vielleicht sogar richtig. Aber genau damit rückt er weit weg. Worum geht es also? Es geht um die Frage: Wie kann Gott aus dem Abstrakten ins Konkrete kommen? Wie kann Gott aus dem Geheimnis seines Daseins in unsere Welt so treten, dass er sichtbar wird, erfahrbar wird? Also so, dass er nicht mehr unaussprechlich ist, sondern dass wir Aussagen über ihn machen können?     

 

2. Und genau hier sind wir jetzt im heutigen Evangelium angekommen. Jesus fragt seine Jünger: „Für wen haltet ihr mich?“ Genau das ist die entscheidende Frage an das Christentum, damit das Christentum als solches auch Christentum bleibt. Das ist eine Frage, die den Kern des Glaubens betrifft. Ohne diesen Kern wären wir keine Christen. Es ist zu wenig zu sagen: „Einige Leute halten dich für Johannes den Täufer oder für Elija oder für Jeremia oder sonst einen Propheten“, also Jesus sei ein Kämpfer für Gott, ein Mensch, der sich im Volk für Gott und für die Mitmenschen eingesetzt hat. „Für wen haltet ihr mich?“ Wer ist Jesus für das Christentum?

 

3. Das ist die alles entscheidende Frage. Für uns Christen ist Jesus der, der uns Gott aus dem Geheimnis in die konkrete Erfahrung gebracht hat. Jesus ist der, der Gott aus der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit gebracht hat. Jesus ist der, der Gott aus der Unaussprechlichkeit gebracht hat, so dass wir durch das Leben und die Worte Jesu sehr wohl sagen können, wie Gott ist. Und Jesus ist der, der den fernen Gott in die Nähe, ja in die Unmittelbarkeit des Menschen gebracht. Im Kolosserbrief heißt es: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“. Also das Abbild Gottes. Die Selbstoffenbarung Gottes. Und genau das ist das Einzigartige und Unverwechselbare des Christentums: Die Sichtbarkeit Gottes durch Jesus Christus. Die Erfahrbarkeit Gottes durch Jesus Christus.

 

4. Und Petrus ahnt da was. Petrus hat die Taten Jesu gesehen: Seine Liebe zu den Menschen, seine Wunder, seine Art und Weise, wie er von Gott sprach. Petrus ahnt, dass da mit Jesus jemand auf Erden war, dessen Leben nicht allein nur menschlich zu erklären war. Petrus ahnt, dass in Christus eine größere Macht, ein höheres Geheimnis ins Dasein drängt, ja Gott gegenwärtig wird. Und Petrus kann das nicht in Worte fassen. Er bedient sich der Worte, die damals geläufig waren. Auf die Frage, für wen die Jünger Jesus halten, antwortet er: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“. Das ist jetzt weniger eine dogmatische Aussage als vielmehr eine Aussage, die sich ergibt aus dem, wie die Jünger Jesus erfahren haben. Sie haben seine Liebe gespürt und geahnt, dass dahinter die göttliche Liebe durchscheint. Sie haben seine Worte gehört und es kam ihnen vor, als ob Gott zu ihnen sprechen würde. Sie sahen seine Taten und spürten, dass da eine göttliche Macht am Werk war. Kurz: Sie haben durch Christus Gott erfahren. Da der Mensch ein Sinneswesen ist und da der Mensch Erfahrungen über seine Sinne aufnimmt, lehnt sich Gottes Unsichtbarkeit an die Sinnlichkeit des Menschen an. Das ist das Eigentliche und Wesentliche des Christentums und ist, was uns von allen andren Religionen unterscheidet.   

 

5. „Für wen haltet ihr mich?“ Diese Frage steht gerade heute wieder besonders im Raum des Christentums. „Du bist der, der uns den unsichtbaren Gott in unser Leben gebracht hat. Du bist der, durch den es unser Leben zutiefst mit Gott zu tun bekommen hat. Du bist der, der Himmel und Erde, Gott und Mensch, miteinander versöhnt hat. Du bist der Messias, das Ebenbild des unsichtbaren Gottes.“

Franz Langstein

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