22.11.2020

Predigt am Fest Christkönigssonntag A 2020

Mt 25, 11-46

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich möchte mal mit einem vielleicht seltsam anmutenden Vergleich beginnen: das Wichtigste, das sogar so wichtig ist, dass es uns am Leben erhält, thematisieren wir so gut wie nie. Zum Beispiel: Der Herzschlag. Wir setzen uns nicht abends mit der Familie zusammen und erzählen uns, dass unser Herz heute wieder ungefähr 100.000mal geschlagen hat. Der Herzschlag ist so selbstverständlich, dass er nicht thematisiert werden muss. Er wird nur dann thematisiert, wenn er nicht mehr selbstverständlich ist. Erst dann, wenn ein Notfall eingetreten ist und das Herz zum Problem wurde, dann reden wir darüber. Und wie. Ähnliches gilt von unserer Atmung: Wir reden nicht darüber, dass wir heute wieder ungefähr 17.000mal geatmet haben. Das Atmen ist selbstverständlich. Erst wenn uns mal die Luft wegbleibt, dann wird das Atmen zum großen Thema. Herzschlag und Atmung: fürs Leben ganz wichtig, und trotzdem tun wir so, als ob es Herzschlag und Atmung nicht gäbe. Wir reden nicht drüber.  

 

2. Mir kamen diese Beispiele in den Sinn, weil ich manchmal folgenden Gedanken habe: Warum eigentlich thematisieren wir Gott? Gott müsste doch eigentlich das Selbstverständlichste der Welt sein. Er, der von Ewigkeit ist und in Ewigkeit sein wird. Warum also thematisieren wir ihn? Seit 4 Milliarden Jahren gibt es die Erde. Den Homo sapiens, also uns, gibt es erst seit etwa 400.000 Jahren. Wir können also sagen: Knapp 4 Milliarden Jahre war Gott auf der Erde kein Thema. Erst mit dem Menschen wurde Gott zum Thema. Der Selbstverständlichste wurde plötzlich thematisiert. Ist Gott nicht mehr selbstverständlich gewesen? Ist wohl der Mensch aus einem selbstverständlichen Zusammenhang herausgefallen und sucht nun Halt bei den Göttern oder bei Gott? Beginnt er deshalb „Gott“ zu thematisieren, weil der Mensch aus der Einheit mit der Natur und der Geborgenheit eines göttlichen Wesens herausgefallen ist? Ist nicht die Tatsache, dass der Mensch „Gott“ thematisiert schon ein Hinweis darauf, dass da etwas nicht mehr selbstverständlich ist und dass da also irgendetwas nicht stimmt mit dem Menschen? Sehen Sie, mit solchen verrückten Fragen plage ich mich manchmal herum.

 

3. Und da stieß ich mal beim Lesen eines Buches von Manfred Deselaers, ein katholischer Priester, der in Auschwitz das Zentrum für Dialog und Gebet leitet, auf folgenden Satz, der wir eine Antwort auf meine Fragen klingt: „So paradox es erscheinen mag, ist der ursprüngliche Glaube an Gott, diese ursprüngliche Liebe, ein Leben, als ob es Gott nicht gäbe.“ Und hochinteressant ist das, wie Desselars dies begründet. Ich will es mit eigenen Worten wiedergeben, weil der Text eher zum Lesen als zum Hören geeignet ist.

 

4. Desselars sagt sinngemäß: Im Mitmenschen, der mir begegnet, also  biblisch: Im Nächsten, erst recht im Not leidenden Nächsten, kommt mir immer ein Ruf entgegen, der zum Ausdruck bringt: Nimm mich an, sei gütig zu mir, umfasse mich mit deiner Nächstenliebe. Weil wir Menschen zusammengehören, provozieren wir durch unsere Zusammengehörigkeit diese Liebe. Aber diese Liebe, zu der ich provoziert werde, ist eine unendliche Liebe. Sie kennt keine Grenzen: weder soziale Schranken, nationale Schranken, nicht einmal Ort und Zeit, auch die Zeit nicht: Die Liebe greift aus auf die Ewigkeit. Die Liebe also lässt uns das Geheimnis des Unendlichen erfahren, die Gegenwart Gottes. Mal ganz kurz gesagt: Weil ich als Kind von meiner Mutter geliebt wurde, habe ich in dieser Liebe die Unendlichkeit der Liebe unbewusst erfahren, also auch die göttliche Liebe. Meine Mutter musste gar nicht wissen, dass sie mit ihrer Liebe bei mir etwas Göttliches auslöst, etwas Unendliches.

 

5. Und jetzt sind wir mitten im heutigen Evangelium: Da steht in einem großartigen Bild des Jüngsten Gerichts der König; und zu seiner Rechten und Linken sind die Menschen versammelt. Zu allen sagt Christus, der König: „Was ihr dem Nächsten getan habt, das habt mir getan beziehungsweise das habt ihr mir nicht getan.“ Und die Versammelten, auch die zur Rechten des Königs stehen, fragen voller Erstaunen: „Wann haben wir dich Not leidend gesehen?“ Sie wussten es nicht, dass sie durch ihre Liebe im Menschen etwas Göttliches berührt haben, Gotteserfahrung geschenkt haben. Oder im Sinn des heutigen Textes: Sie wussten es nicht, dass sie durch ihre Liebe im Nächsten das Kind Gottes geweckt haben, den Christus im Menschen berührt haben. „Was ihr einem meiner Nächsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

 

6. Erst dort, wo der Mensch aus einem großen Zusammenhang, nämlich der Einheit mit dem Kosmos, der Einheit mit der Erde, der Einheit mit allen Menschen herausgefallen ist – vielleicht es das, was die Bibel mit Sündenfall meint – erst dann muss der Mensch plötzlich Gott thematisieren, weil er die Einheit stiftende Liebe nicht mehr spürt. Deshalb droht denen, die zur Linken des Königs stehen, ein hartes Gericht: Sie haben sich durch ihre Verweigerung der Liebe aus der Einheit mit allem und mit Gott herauskatapultiert. Egal also, wo wir tätig sind, ob als Arzt oder Ärztin, im Pflegebereich, in den Schulen oder Kindergärten oder wo immer wir mit Menschen zu tun haben: Wir sind dort berufen zur Liebe, um die Menschen ihren unendlichen Wert ahnen zu lassen. Wir müssen dabei Gott nicht thematisieren. Um im Bild des heutigen Evangeliums zu bleiben: Ich stelle mir vor, meine Mutter würde Jesus, den König, fragen: „Wann denn habe ich dir Gutes getan und dich geliebt?“ Dann wird er wahrscheinlich antworten: „Weil du deinen Sohn Franz geliebt hast, da hast du ihn ihm Ewigkeit berührt und ihm eine Ahnung der Gotteskindschaft vermittelt. Kurz: Du hast mich in ihm berührt.“ Meine Mutter würde jetzt typischerweise sagen: „Das verstehe ich jetzt nicht.“ Und er würde antworten: „Macht nicht. Muss man nicht verstehen. Man muss es nur tun“.

Franz Langstein

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