20.12.2020

Predigt am 4. Adventssonntag 2020

Schon jetzt und noch nicht

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich möchte heute die kleine Predigtreihe zum Advent fortsetzen. Das letzte Mal ging es um die menschliche Fähigkeit des Warten-Könnens. Der Mensch ist existentiell ein Wartender, weil er immer in einem Zwischenraum lebt: Hoffnung und Bangen, Freud und Leid, auch religiös lebt er im Dazwischen: Himmel und Erde, Glaube und Zweifel, Kind Gottes und Kind der Erde. Dieses Dazwischen hat aber auf der Ebene der Erfahrung eine Schieflage. Der Mensch erfährt das Irdische eher als das Himmlische, die Erde ist ihm näher als Gott, das Vergängliche berührt ihn - oft schmerzhaft - mehr als das Ewige. Unser Warten ist manchmal auf eine ganz harte Probe gestellt. Und ich habe das letzte Mal schon angedeutet, dass wir jetzt an diesem Punkt das weihnachtliche Geheimnis in den Blick nehmen müssen. Das soll jetzt geschehen, denn Weihnachten krönt die Adventszeit; Weihnachten sagt uns, dass das Warten sich lohnt. Inwiefern? Da will ich jetzt meine Gedanken weiterführen.


2. Normalerweise verbinden wir die Erfahrungen des Irdischen, also unsere Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Leid, Schuld, Krankheit, Sinnlosigkeit, Zweifel, Dunkel nur sehr wenig bis überhaupt nicht mit Gott. Mit Gott assoziieren wir eher freudvolle Erfahrungen: Glück, Sonnenuntergang, schöne Erlebnisse, Freude, Licht, Gefühl von Gnade usw. Und das ist irgendwie für uns verhängnisvoll. Weil wir als irdische Menschen das Irdische erfahren, aber das Irdische nicht mit Gott verbinden, fühlen sich viele Menschen gottlos, gottfern oder umgekehrt; sie sagen: Gott sei fern oder ganz und gar weg. Alles ist Dunkel. Und hier nun, mal plump menschlich gesprochen, ergreift Gott die Initiative. Damit der Mensch auch im Irdischen Gott erfahren kann, muss Gott selbst irdisch werden. „Et incarnatus est“. Und ist Fleisch geworden. Gott hat sein ewiges Wort der Liebe hineingesprochen in die Schöpfung, ins Irdische, und in alles, was Irdisch ist, bis in Kreuz, Leid, Angst, Gottverlassenheit und Tod. Das Irdische ist jetzt nicht mehr von Gott zu trennen. Ja, noch mehr: Das Irdische wird – und das ist das Erstaunliche – zum Erfahrungsort Gottes. Es wird am deutlichsten in den Sakramenten: Brot und Wein, irdische Gaben, werden zum Ort der Begegnung mit Christus. Wir nennen die Erfahrung Gottes im Irdischen theologisch mit dem Begriff: „Inkarnatorisches Prinzip.“ Müssen Sie sich aber nicht merken.


3. Das ist das Wunderbare: Die Erfahrungen, die wir am wenigsten mit Gott verbinden, sind jetzt Orte der Begegnung mit Gott. Das Irdische ist der Ort, an dem wir Gott begegnen. Durchbuchstabiert heißt das ganz kühn: das Dunkel ist die Daseinsform Gott; die Gottferne ist die Art und Weise seiner Nähe, unter dem Todeskleid der Vergänglichkeit ist die Ewigkeit gegenwärtig, mein irdischer Körper, mein irdisches Gewand ist in Wahrheit schon das Taufgewand, der Ort der Gegenwart Gottes usw. Dort, wo wir Gott am wenigsten erfahren und vermuten, ist er gegenwärtig. Die Erfahrung Gottes ist das Nichterfahren Gottes. Wer betet und meint, er spräche ins Leere, der genau spricht zu Gott, weil Gott die Leere ist. Wer Licht sucht und nur Dunkel findet, hat Gott gefunden, weil Gott das Dunkle ist. Wir erleben Gott dort, wo wir das Gegenteil dessen erleben, was wir uns unter göttlich vorstellen. Das sind ganz gewagte Sätze. Aber wenn wir Weihnachten radikal ernst nehmen als die Inkarnation Gottes, das irdisch Werden Gottes, dann können wir nicht anders als in diesen Sätzen zu sprechen. Maria hat das Kind schon empfangen. Die Erde trägt schon das göttliche Leben in sich. Sie wartet auf die Geburt des Göttlichen.


4. Und jetzt kommen wir zum Ende unserer adventlichen Betrachtungen: Der Mensch ist ein Wartender. Aber worauf wartet er? Paulus schreibt im Römerbrief: „Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes“. Statt „Söhne Gottes“ müsste man sagen: Offenbarwerden der Christuswürde. Denn wir Christus der Sohn ist, so sind wir in die Sohnschaft gerufen, die Christus innehat. Aber entscheidend ist hier: „Wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden.“ Das heißt: Wir warten auf das Offenbarwerden. Wir warten, dass das eines Tages sich zeigt, wie nahe Gott uns schon immer war, und wir haben es nicht gewusst. Wir warten, dass offenbar wird, dass der verborgene Gott tatsächlich schon immer bei uns war; wir warten, dass offenbar wird, dass das Dunkle tatsächlich den lichtvollen Gott geborgen hat; wir warten, dass offenbar wird, dass wir in der Erfahrung des Angesichts der Erde schon immer uns Gottes Angesicht verborgen angeblickt hat und wir ihn dann in seiner Herrlichkeit sehen – von Angesicht zu Angesicht. Der adventliche Mensch ist also ein Wartender, aber nicht einer, der auf Gott wartet, er ist bereits verborgen anwesend, sondern er ist ein Wartender, weil er darauf wartet, dass all das, was er jetzt geglaubt hat, dann im Schauen sich beglückend bestätigen wird. Auf das Offenbarwerden Gottes wartet er, dass Gott endlich aus der Verborgenheit des Irdischen herauskommt. Der adventliche Mensch lebt im Dazwischen von Schon-jetzt und Noch-nicht.

Franz Langstein

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