06.09.2020

Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis 2020

Mt  18,15-20

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich möchte am Anfang der heutigen Predigt mit Ihnen kurz zurückblenden ins Mittelalter. Es war geprägt durch einen klaren Glauben. Dieser Glaube war das Einheitsband der Menschen aus den verschiedensten Ländern. Deshalb war das Abweichen vom Glauben nicht einfach eine Irrlehre, sondern es war eine Gefährdung der Einheit des Abendlandes. Entsprechend rigoros ging man mit Abweichlern um. Es gab eine klare Wahrheit. Diese galt für alle. Diese Und Wahrheit war auch zugleich das Band der Einheit. Über die wahre Lehre wachte die Inquisition. Und solche Sätze wie im heutigen Matthäusevangelium „Was ihm auf Erden binden werdet, wird auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, wird auch im Himmel gelöst sein“, haben da sicherlich ihre Wirkungsgeschichte entfaltet.

 

2. Und ich habe das Gefühl, dass diese Mentalität, freilich heute im säkularen Raum, zurückkehrt. Da gibt es die selbsternannten Wächter der Wahrheit, die von ihrer Warte her meinen, alle Abweichler benennen und verurteilen zu können. Die eigene Position ist die Wahrheit, nicht mehr durch den Himmel legitimiert, sondern durch die Idealisierung eines Humanismus, den es in seiner perfekten Form nie gegeben hat und nie geben wird. Fehler dürfen da nicht mehr vorkommen. Da wird nun darüber diskutiert, ob man die Bismarcktürme und die Bismarckstraßen umbenennen soll. Da werden Menschen gnadenlos im wahrsten Sinn des Wortes vom Sockel gerissen. Da wird gendergerecht in die deutsche Sprache eingegriffen und wehe dem, der es wagt, dem nicht zu folgen. Da wird die Vergangenheit von Politikern durchforstet und wehe ihnen, man findet irgendeinen Makel in ihrer Vita.  Da lädt sogar die Universität Marburg einen Professor wieder aus, weil man nachträglich herausgefunden hat, dass er nicht die Mehrheitsmeinung gewisser Kreise vertritt.  Natürlich: Wer sich selbst auf den Standpunkt der Wahrheit stellt, muss nicht zuhören. Wer selbst die Wahrheit vertritt, hat das Recht, alles andere als Irrtum zu benennen und hat das Recht, zu verurteilen. Er darf bloßstellen, er darf öffentlich jemanden beschämen. Und schaut man in das Internet, wie da bloß gestellt, verurteilt, beschämt, in den Dreck gezogen wird, da bekommt man den Eindruck:  die Inquisition als Wahrheitswächterinstanz zieht im säkularen Raum wieder ein.

 

3. Und da haben wir doch heute ein sehr schönes Evangelium: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ Unter vier Augen: Hier wird niemand bloßgestellt, hier wird niemand beschämt, hier wird niemand öffentlich durch den Dreck gezogen. Hier kommt niemand daher, der den Beleidigten spielt und der jetzt eine Entschuldigung möchte, sondern hier kommt jemand, dem es tatsächlich um den anderen geht. „Hört auf dich, so hast du ihn zurückgewonnen“. Darum geht es: Um den anderen Menschen. Es geht um echte Sorge, nicht um Rechthaberei. Der andere braucht keine moralischen Wachhunde oder selbstgerechte Aufpasser; vielmehr brauchen wir Menschen, die achtsam sind, die helfen, auf guten Wegen zu bleiben, auf heilsamen Wegen. Das sind wir einander schuldig.

 

4. Das ist eine ganz andere Einstellung als die derjenigen, die sich immer schon auf dem Thron der Wahrheit dünken oder der Illusion der Perfektion erlegen sind. Wir wissen, dass wir alle verwundbar und zerbrechliche Menschen sind und gefährdet sind, auf ungute Wege zu geraten. Deshalb brauchen wir einander. Es geht nicht um Bloßstellung, es geht um echte Sorge. Es geht um einen Gewinn: „Dann hast du deinen Bruder (deine Schwester) zurückgewonnen.“ Ein Gewinn, weil es jeder Mensch wert ist, dass man auf ihn acht gibt.

 

5. Ob das immer gelingt, ist eine andere Frage. Das Evangelium kennt auch das Misslingen: Wenn er auf dich nicht hört, dass hol noch andere herbei. Gelingt auch da keine Einsicht, dann sag es der Gemeinde. Aber immer soll über diesen Verfahren die echte Sorge um den Mitmenschen stehen, niemals ein besserwisserisches Verurteilen oder eine Bloßstellung.

 

6. Die Kirche hat das dreistufige Verfahren etwas abgewandelt übernommen. Zuerst steht die Admonitio, die Ermahnung; dann kommt die Suspensio, der Ausschluss von den Sakramenten; dann am Ende die Excommunikatio, der Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft. Man mag dazu stehen, wie man will. Wenn es letztlich immer um echte Sorge gegenüber einen Mitchristen geht, kann man in diesem dreistufigen Verfahren auch einen Sinn erkennen. Geht es aber um Rechthaberei und um theologische Spitzfindigkeiten, dann wird es problematisch.

 

7. Leider ist diese Gefahr auch durch das heutige Matthäus-Evangelium gegeben. Am Ende heißt es nämlich: „Wenn er auch nicht auf die Gemeinde hört, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner“. Bedenkt man, wie liebevoll Jesus mit Heiden und Zöllnern umgegangen ist, dann ist so ein Satz schwer mit dem Geist Jesu zu vereinbaren und durchaus imstande, eine schlimme Wirkungsgeschichte zu entfalten. Über allem muss also immer die echte Sorge um den Mitmenschen stehen. Und jeder weiß, dass wir auf die Sorge der anderen angewiesen sind.

Franz Langstein

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