04.10.2020

Predigt am Erntedankfest und am Fest des heiligen Franz von Assisi 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Heute ist nicht nur vielerorts Erntedank, sondern auch das Fest des heiligen Franziskus von Assisi. Man könnte meinen, dass das doch sehr gut zusammenpasst. Gilt doch der Heilige aus Umbrien als naturverbunden; Johannes Paul II. ernannte ihn zum Patron des Umweltschutzes und der Tierschützer, und der heutige Tag, der Gedenktag des heiligen Franz von Assisi ist der Welttierschutztag. In der Tat passt deshalb der heutige Gedenktag des heiligen Franz und der Erntedanktag gut zusammen, allerdings anders, als man vermuten möchte. Mir scheint, dass man den Heiligen verniedlicht, wenn man seine Radikalität nicht wahrhaben will und dass man das Wesen des Heiligen und seine Naturverbundenheit verkennt.

 

2. Franz von Assisi wurde 1181 in Assisi geboren als Sohn eines reichen Tuchhändlers. Die Geldwirtschaft fand einen Aufschwung und sorgte für weiten Handel, bis hin nach Palästina, das die Kreuzzugsfahrer erobert hatten. Mit der Geldwirtschaft kam auch eine gewisse Gefährdung. Geld war ein Tauschmittel. Man musste nicht mehr Waren gegen Waren tauschen, also unmittelbar, sondern mit Hilfe des Geldes hatte man ein allgemeingültiges Tauschmittel. Nicht mehr unmittelbar wurde getauscht, sondern mittelbar, vermittels des Geldes. Damit einher drohte die Erfahrung verloren zu gehen, dass die Menschen aufeinander angewiesen waren. Eine Entfremdung der Menschen drohte. Ob das der Heilige schon ahnte oder unbewusst in sich trug, weiß man nicht. Als Sohn eines reichen Tuchhändlers fühlte er aber etwas in sich, was dann zum Durchbruch kam: Als er am 24. Februar 1209 in einer heiligen Messe das Evangelium hörte, dass die Jünger Jesu weder Gold noch Silber in ihren Taschen haben sollten, kein zweites Hemd und keine Vorratstasche, da traf ihn das so heftig, dass er ausrief: „Das ist es, was ich will. Danach verlangt mein Herz“. Diese Schriftstelle und weitere Schriftstellen wie z.B.: „Wenn du vollkommen sein willst, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen“, bildeten den Grundstock der franziskanischen Regel.


3. Und ein Zweites muss noch gesagt werden: Damals kehrten die ersten Kreuzzugsfahrer aus dem Land zurück, in dem Jesus gelebt hat. Sie berichteten von der Einfachheit der Leute, die dort lebten. Jesus muss auch so einfach gelebt haben. Das geistliche Leben begann sich zu ändern: Nicht mehr Christus der Pantokrator, also der Herrscher des Alls, sondern der einfache und arme Mann in Palästina. Man interessierte sich für das einfache Leben Jesu. Auch das hat den hl. Franz von Assisi geprägt: Christus nachzuahmen in seiner Armut.

 

4. Und diese Armut hat der heilige Franz von Assisi in einer fast unbegreiflichen Art und Weise gelebt. Er wollte wie Jesus leben, einfach und arm, aus Liebe zu ihm und so ihm nachzufolgen, und er ahnte, dass mit der aufkommenden Geldwirtschaft eine Entfremdung der Menschen untereinander, ja eine Entfremdung des Menschen von der Natur drohte.

 

5. Und jetzt sind wir endlich beim Thema: Wir müssen die Armut des heiligen Franz so verstehen. Und diese radikale Armut machte etwas mit ihm und seinen Gefährten: Da sie nichts hatten, waren sie auf andere angewiesen. Der Bettelorden entstand. Ganz existentiell spürten die Anhänger des Heiligen, wie sehr sie aufeinander und auf andere angewiesen waren. Dieses Angewiesensein führte zu einer neuen Geschwisterlichkeit gegen die zunehmende Entfremdung. Und es führte auch ganz existentiell zu einer Erfahrung, dass man nicht nur zwischenmenschlich aufeinander angewiesen ist, sondern auch auf die Natur. Diese Armut war es, die den Heiligen dankbar auf die Natur schauen ließ, weil er erfuhr, dass die Natur gibt, was der Mensch braucht. Er erfuhr das ganz existentiell. Eine Erfahrung, die uns heute fast ganz abhandengekommen ist. Die Natur ist heute der Bereich, den es auszubeuten gilt. Die Legende von der Vogelpredigt denkt in Symbolen, nicht in Realitäten. Aber genau diese Legende vermag die Naturverbundenheit des Heiligen auszudrücken. Die trennende Schranke zwischen den Lebewesen wurde kühn durchbrochen. Er fühlt sich geschwisterlich auch mit den Tieren verbunden. Wie weit sind wir heute der Tierwelt entfremdet. Wie schrecklich, was der Mensch mit den Tieren anstellt. Es fehlt die existentielle Erfahrung des aufeinander Angewiesensein. Nur so kann man erklären, warum Franz in seinem Sonnengesang die Geschöpfe mit Bruder und Schwester anredete: Das ist keine gefühlsduselige Anwandlung, sondern tiefe Erfahrung des Heiligen.

 

6. Dieses Verwiesen sein auf die Natur erfüllte Franz mit großer Dankbarkeit. Diese Dankbarkeit spürte Franz von Assisi ganz innerlich und tief.  Und das war Grund, warum er trotz seines entbehrungsreichen Lebens fröhlich war. Singend starb der Heilige – von schwerer Krankheit gezeichnet – am 3. Oktober 1226. „Sei willkommen, Bruder Tod“, sagte er kurz vor dem Sterben.

 

7. Erntedank: Ich glaube, wir können verstehen, worum es geht. Es geht nicht nur um einen intellektuell geordneten Naturschutz, auch nicht nur um eine Empathie mit der geschundenen Schöpfung, sondern um die existentielle Erfahrung, dass wir eins sind mit der Natur, dass alles miteinander zusammenhängt, dass alle und alles aufeinander angewiesen ist. Dass alle und alles wie Bruder und Schwester ist, auch der Tod. Ohne diese Erfahrung bleibt alles irgendwie konstruiert und neigt dazu, fundamentalistisch zu werden.

 

8. Tiefster Ausdruck des Naturverhältnisses des Heiligen ist der Sonnengesang, mit dem ich hier schließen möchte:

 

Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne,
welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
Von dir, Höchster, ein Sinnbild.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
klar und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn

und dankt ihm und dient ihm mit großer Demut.

Franz Langstein

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