31.03.2019

Fastenpredigt im Jahr der Erneuerung des Taufbewusstseins

- Verkündigung -


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir sind gebeten worden, uns in diesem Jahr mit unserem eigenem Getauftsein zu beschäftigen. Was heißt es, dass ich getauft bin? Nicht zuletzt kann man den Verdacht nicht ganz los werden, dass dies deshalb geschieht, damit die Gläubigen aufgrund ihres Taufauftrages sich mehr für die Kirche engagieren sollen, jetzt, da es nicht mehr genug Priester gibt. „Macht euch bewusst, dass ihr getauft seid. Ihr seid dadurch Mitglieder der Kirche. Macht was und kümmert euch um die Kirche.“  Plötzlich entdeckt die Kirche die Laien wieder. Aber gut: Stellen wir uns dieser Aufforderung.

 

2. In unserer Taufe wurden wir mit Chrisam gesalbt. Während der Priester uns damit salbte, sagte er: „Du wirst nun mit dem heiligen Chrisam gesalbt. Du bist Glied des Volkes Gottes und gehörst für immer Christus an, der gesalbt ist zum König, Priester und Propheten in Ewigkeit.“ Was für ein tiefes Symbol! Das heißt also: Der Getaufte gehört für immer Christus an, der König, Priester und Prophet ist. Also: Der Getaufte gehört für immer Christus an und hat Anteil an seinem Königsamt, Priesteramt und Prophetenamt. Diese drei Bezeichnungen „König, Priester und Prophet“ stehen für die Wesensverwirklichung der Kirche und des Christseins. „König“ steht für die Nächstenliebe und die Gerechtigkeit. Kirche verwirklicht sich darin. Der Priester steht für die Gottesbeziehung und den Gottesdienst. Auch hierin verwirklicht sich das Wesen der Kirche. „Prophet“ steht für die Verkündigung, für das Zeugnis geben, die Missionierung. Auch darin verwirklicht sich die Kirche. Heute, so bin ich gebeten worden, soll es um diesen letzten Punkt gehen: Um das Prophetenamt des Christen, also um die Verkündigung und das Zeugnis geben. Wie gesagt: Das ist nicht etwas, das wir mal nebenbei machen können, sondern das Prophetsein ist uns als innerstes Wesen der Christseins mitgegeben. „Wehe, wenn ich das Wort nicht verkünde“, sagte Paulus einmal. Im diesen drei Symbolen „König, Priester und Prophet“ verwirklicht sich unser Christsein, oder es verkümmert. Deshalb schauen wir heute mal auf das Prophetsein. Wir schauen auf die Verkündigung und das Zeugnisgeben.     

 

3. Nun zunächst mal: Alle Verkündigung geht von Gott aus. Insofern wir glauben, dass Gott nicht bei sich geblieben ist, sondern sich offenbart hat, ist diese Offenbarung Selbstmitteilung Gottes. Gott teilt sich selbst mit. Gott verkündet das Innerste seines Wesens. Und dieses Innerste ist Liebe. Alle Verkündigung hat ihren Ursprung in Gott. Er hat sich zuerst selbst kundgetan. Besonders deutlich wird diese Selbstkundgabe Gottes im Alten Testament. Hier finden wir wunderschöne Stellen des Liebeswerbens Gottes um sein Volk. „Ich habe dich geführt und herausgeholt aus Ägypten“. Immer wieder heißt es, dass Gott das Unheil reute und er wieder treu steht zu seinem Volk. So wie eine Frau, die, obwohl von ihrem Mann gedemütigt, immer wieder zu ihm zurückkehrt. „Ich habe dich mit ewiger Liebe geliebt, deshalb habe ich dir Treue gewahrt“, heißt es beim Propheten Jeremia. Oder beim Propheten Hosea lesen wir: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Je mehr ich sie rief, desto mehr liefen sie von mir weg. Sie opferten den Baalen und brachten den Götterbildern Rauchopfer dar. Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber habe nicht erkannt, dass ich sie heilen wollte. Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war da für sie wie die Eltern, die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen.“

 Auf der anderen Seite gibt es wiederum Stellen, die Gottes Zorn zum Ausdruck bringen. Ja, fast so eine Art Bestrafung. Aber, recht verstanden, geht es nicht um Strafe, sondern um Leidenschaft. Die Liebe Gottes ist voller Leidenschaft. Ihr ist es nicht gleichgültig, was diejenigen tun, die er so sehr liebt. Liebe ist nur echt, wenn sie auch leidenschaftliche Liebe ist.  Oft heißt es im Alten Testament: „Da erwachte die Leidenschaft des Herrn für sein Volk“. Und diese leidenschaftliche Liebe in Gott bricht sich immer wieder bahn. Bis dahin, dass Gott etwas ganz Verrücktes macht. Er wird Mensch. Das Wort der Liebe ist Fleisch geworden. Das Wort der Liebe ist also sichtbar geworden und erfahrbar geworden. „Die Liebe tut solche Dinge“, hat Romano Guardini dazu gesagt. Und so hat diese leidenschaftliche Liebe Gottes unter uns gelebt. Sie war ablesbar in seinen Taten und hörbar in seinen Worten. Mit welcher Liebe er den Armen begegnete und welcher Leidenschaft den Pharisäern und Schriftgelehrten die Leviten gelesen. Im Kreuz fand diese Liebe ihre Vollendung. Wir sehen: Der Ursprung aller Verkündigung ging von Gott aus. Verkündigung als Kundtun einer leidenschaftlichen Liebe Gottes. Verkündigung als Offenbarwerden der Liebe Gottes.       

 

4. Und dann sagt Jesus einmal – und jetzt kommen wir einen Schritt weiter: „Wie mich der Vater gesandt hat, so habe auch ich euch gesandt.“ Mit anderen Worten: So wie Christus der Ausdruck der leidenschaftlichen Liebe Gottes ist, so seid ihr Ausdruck der leidenschaftlichen Liebe Gottes. Dazu seid ihr gesandt. Die Sendung, die also in Gott ihren Ursprung hat, geht durch die in der Taufe an die von Gott Gesandten weiter. Als die Sendung begann, war der Tradition nach Pfingsten. „Feuer und Sturm“ hat die Herzen der Apostel erfüllt. Feuer und Sturm entfachte die Leidenschaft in ihnen und sie predigten vor den Menschen, vor denen sie kurz zuvor noch die Türen verschlossen hatten.       

 

5. Und damit sind wir mitten in einem gewaltigen Problem unseres Christseins. Ich habe den Eindruck, dass vielen im diese Leidenschaft fehlt. Viele haben sich eingerichtet in einer Wohlfühl-Kirche. Am liebsten möchte man noch ein Stück zurück, um sich noch wohler zu fühlen. Auf keinem Fall darf irgendwas geändert werden. Wir diskutieren zwar leidenschaftlich über Wahrheiten, aber lieblos. Ja, es gibt nicht nur die leidenschaftliche Liebe, es gibt auch die leidenschaftliche Lieblosigkeit. Und es gibt viel Gleichgültigkeit. Ja, es gibt auch die vielen, die sich engagieren, die sich mit Leidenschaft einsetzen für den Glauben, für Nächstenliebe, für die Kirche. In jeder Gemeinde. Davon lebt die Kirche. Dies ist – wie ich eingangs sagte – die Verwirklichung des Wesens der Kirche. Ohne diese wäre Kirche tot. Und ich könnte jetzt vieles aufzählen an Engagement und Einsatz. Kommunionvorbereitung, Hilfe für Armen, Vorbereitung von Gottesdiensten usw. All das ist Verkündigung und Zeugnis geben. Ich möchte aber nicht darüber sprechen, sondern über einen Punkt, der mir schon lange zu denken gibt, und der auch sehr viel mit Verkündigung zu tun hat und wo es eine ganz seltsame Leidenschaftslosigkeit gibt, obgleich gerade da Leidenschaft aus Liebe gefordert wäre.

  

6. Bevor Brautpaare sich in der Kirche das Ja-Wort geben, versprechen sie, dass sie bereit sind „Mitverantwortung in der Kirche und in der Welt“ zu übernehmen. Ja, auch Mitverantwortung in der Kirche. Und das Zweite Vatikanische Konzil hat das konkretisiert, was das heißen kann. „Entsprechend dem Wissen, der Zuständigkeit und der hervorragenden Stellung, die die Laien einnehmen, haben sie die Möglichkeit, bisweilen auch die Pflicht ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären.“ Das Zweite Vaticanum spricht also von der Pflicht der Gläubigen, ihre Meinung zum Wohl der Kirche kundzutun. Es gibt also auch eine Verkündigung in Richtung Kirche. Und genau da liegt für mich der Grund einer großen Enttäuschung über die Laien. Da ist vielfach keine Leidenschaft mehr für die Kirche zu spüren. Liebt man sie nicht mehr? Oder haben viele Laien ihre Meinungen kundgetan und sind bitter enttäuscht worden, weil sie von einer aufgeblasenen Hierarchie nicht gehört wurden? Ein Beispiel: Mein Bruder ist Kirchenmusiker. In der Stadt, in der er wohnt, gibt es drei große Kirchengemeinden.  Die drei Gemeinden, alle sehr lebendig, wurden zusammengelegt. Oder sagen wir ehrlich: Wurden einer Hauptgemeinde zugeordnet. Das Ergebnis: in den beiden anderen Gemeinden gab es schwierige Gottesdienstzeiten, und Priester aus Indien halfen aus: Bis um 80% ging der Gottesdienstbesuch zurück. Das Ganze wurde für gut verkauft mit Worten wie „Sozialraumpastoral“ und „Pfarreiwerdung“. Merkwürdig nur, warum man etwas Sozialraumpastoral nennt, wenn im Sozialraum die Kirche gestrichen wird und man etwas Pfarreiwerdung nennt, wenn gestandenen Pfarreien aufgelöst werden. Aber darauf will ich nicht hinaus, sondern, dass was mich schmerzt: Der stille Auszug aus der Kirche. Kein Protest, keine Leidenschaft, wohl auch keine Liebe zur Kirche oder abgrundtiefe Ohnmacht und Enttäuschung? Warum der stille Auszug? Früher traten Leute aus, eher vom Rand der Kirche, mittlerweile hat die Austrittswelle die Mitte der Kirche erreicht. Und die Übriggebliebenen nehmen das zur Kenntnis.

 

7. Ja, es stimmt. Die Kirche macht uns aufmerksam, dass wir unser Taufbewusstsein stärken. Das heißt sich klar zu machen, dass wir eine Verantwortung für die Kirche haben. Das heißt, dass wir eine Liebe für die Kirche entwickeln sollen, d.h. dass wir eine Leidenschaft für die Kirche entfalten sollen. Das heißt für die Verkündigung, worum es mir heute geht: Es gibt nicht nur eine Verkündigung von der Kirche nach außen, das ist sowieso klar, es gibt auch eine Verkündigung auf die Kirche zu. Ein prophetisches Reden zur Kirche hin aus Liebe und Verantwortung zur Kirche. Die Propheten haben Israel gegenüber starke Worte gefunden, weil sie Israel liebten. Der stille Auszug, die Resignation, das Schweigen, das Erdulden von unguten Entscheidungen: Das ist das, was mich in der Tat traurig macht. Denn auf dem Spiel steht unsere Kirche, der wir viel zu verdanken haben: Unseren Glauben, unsere Hoffnung, unsere Geschwisterlichkeit in den Gemeinden, den Ort der religiösen Beheimatung, die Möglichkeit der Gottesbegegnung in den Sakramenten.

 

8. Als im 14. Jahrhundert die Kirche zutiefst gespalten war und es zwei Päpste gab und der eine von ihnen in Avignon residierte, da schrieb eine Frau, nämlich Katharina von Siena an den Papst in Avignon: „Seien Sie kein Säugling, seien Sie ein Mann“. Er solle endlich seinen Job machen. Und voll Leidenschaft liest sie ihm die Leviten. Eine Frau im 14. Jahrhundert schreibt einem Papst in diesem Tonfall. Wo sind heute die leidenschaftlichen Menschen, die die Kirche lieben? Wo bleibt das Wort der Liebe, dass diese Kirche aufrüttelt aus den festgefahrenen Gleisen und endlich, endlich die Reformen einfordert, die heute so dringend sind: Gleichstellung von Mann und Frau, andere Zugangswege zum Priestertum, eine Geschwisterlichkeit statt Hierarchie. Das ist auch unser Auftrag als Getaufte: Reden, statt Schweigen, Leidenschaft zeigen statt Gleichgültigkeit, Handeln statt Ohnmacht, Mut statt Enttäuschung, Liebe statt Wohlfühlen. Unsere Sendung und unsere Verkündigung haben ihren Ursprung in der Liebe und Leidenschaft Gottes.  Auch das heißt Getauftsein. Wahrscheinlich ist das so nicht gemeint gewesen, als man im Bistum Fulda das Jahr der Taufberufung ausrief. Aber dahinter steckt Sprengstoff. Wer uns an unsere Taufe erinnert, spielt mit dem Feuer, mit dem Feuer des Heiligen Geistes.

Franz Langstein

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Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe