29.12.2019

Predigten am Sonntag nach Weihnachten A20

Mt 2,13-15.19-23

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Als ich das eben gehörte Evangelium gelesen hatte, um mich auf die Predigt vorzubereiten, fiel mir sofort die Debatte ein, die wir in Deutschland vor Weihnachten hatte – eine Debatte, die von den Grünen-Politiker Robert Habeck ausgelöst wurde, als er vorschlug, 4000 Kindern aus griechischen Flüchtlingslagern, die dort unter unsäglichen Bedingungen leben müssen, nach Deutschland zu holen. Die Debatte war beschämend. Dass wir da überhaupt drüber sprechen müssen. Das Argument, man könne das nur gesamteuropäisch lösen, schien mir wie eine Ausrede. Denn Europa kommt in der diesen Fragen doch nicht zu einer Lösung. Stellen Sie sich mal vor: Das Westphalen-Stadion in Dortmund. Es fasst 80.000 Zuschauer. Stellen Sie sich in diesem Stadion einmal 4000 Kinder vor. Die sehen sie fast gar nicht. Das Stadion erschiene ihnen gähnend leer. Und jetzt reden wir nur von einem Stadion. Diese 4000 Kinder also sollten wir nicht in ganz Deutschland verteilen können? Gut, dass Josef und Maria mit dem Jesus-Kind nicht heute leben und nach Deutschland vor Herodes fliehen wollten. Wir müssten erst mal eine Debatte führen, wie das gesamteuropäisch zu lösen ist. Josef kommt nach Frankreich, Maria nach Italien und das Jesus-Kind nach Polen. Ach nein, das geht ja nicht. Die Polen nehmen ja keine Flüchtlinge auf. O.k., aber das soll jetzt nicht das Thema sein. Ich konnte halt beim Lesen dieses Evangeliums einen gewissen Unmut nicht unterdrücken.

 

2. Wir haben heute am Sonntag nach Weihnachten wieder eine dieser schönen Kindheitserzählungen. Diese Geschichten sind eine wunderbare Komposition, die wie eine Ouvertüre schon das anklingen lassen, was sich später im Evangelium entfaltet. Hier geht es also um die Flucht nach Ägypten. Josef, Maria fliehen mit dem Kind vor Herodes nach Ägypten. Ägypten ist für verfolgte Israeliten oft ein Land, in das sie fliehen. Im Alten Testament ist Ägypten auch schon Zufluchtsort vor politischer Bedrängnis. Im ägyptischen Alexandria existierte spätestens seit der Ptolemäerzeit (3. Jahrhundert vor Chr.) eine jüdische Gemeinde mit wachsendem Einfluss, die bald zu einem Zentrum hoher jüdischer Bildung wurde. Der Hohepriester Onias IV. flieht vor Antiochus Epiphanes nach Ägypten. Jerusalems angesehene Familien fliehen bei einer Belagerung der Stadt nach Ägypten. Auch Herodes selbst war mit seiner Familie vor den Parthern nach Ägypten geflohen. All das berichtet uns Josephus Flavius. In diese verschiedenen Fluchtbewegungen nach Ägypten reiht sich auch Josefs Flucht mit dem Kind und seiner Mutter ein. Matthäus greift dieses Motiv auf, aber mit einem klaren Ziel: Nachdem Herodes nämlich gestorben war und für das Kind keine Gefahr mehr bestand, zogen sie zurück nach Nazareth. Und dann heißt es: „Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“.  Und das ist der zentrale und entscheidende Satz.

 

3. Matthäus greift hier also ein Zitat aus dem Buch des Propheten Hosea auf. Dort es heißt: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb und rief meinen Sohn aus Ägypten.“ Das ganze Volk Israel wird also mit „Sohn“ angeredet, um das väterliche Verhältnis Gottes zu Israel aufzuzeigen. Und der Ruf aus Ägypten war für Israel ja ein Anfang, den Gott gesetzt hat. Er hat Israel befreit, durch die Wüste geführt und Israel zu seinem Volk, zu seinem Sohn, gemacht. Und an diesen Anfang erinnert nun das Matthäus-Evangelium, indem es diese Schriftstelle zitiert: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“. Mit anderen Worten: Jesus ist der Neuanfang, den wiederum Gott selbst setzt. Mit Jesus beginnt etwas Neues, das Israel wieder sammeln soll unter die Liebe Gottes. Gott selbst setzt diesen Neuanfang. Er ruft die Heilige Familie aus Ägypten.

 

4. Und genau das ist das Thema dieser Ouvertüre. Das Leben Jesu, von dem Matthäus dann in seinem Evangelium berichten wird, ist die Entfaltung dieses Neuanfangs. Ganz besonders in der Bergpredigt. Hier erwähnt Matthäus eigens das alte Stämmegebiet Israels: „Scharen von Menschen aus Galiläa, der Dekapolis, aus Jerusalem und Judäa und aus dem Gebiet jenseits des Jordan folgten ihm.“ Und als Jesus die vielen Menschen sah, sprach er zu ihnen. Und dann folgt die Bergpredigt. Eine progammatische Predigt, wie eine Neuanfang aussieht: „Selig, die Barmherzigen, selig, die keine Gewalt anwenden. Liebt eure Feinde. Seid barmherzig zu allen. Richtet niemand. Hab Gottvertrauen.“ Das ist der Neuanfang, den Matthäus gesetzt haben möchte. „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“.

 

5. Und damit wären wir wieder am Anfang. Flüchtlingskinder. Wäre auch hier nicht ein Neuanfang mal ein schönes Zeichen? Nicht die Angst sollte regieren, nicht die Kosten, die diese Kinder verursachen könnten, nicht die blinde Ablehnung gewisser Gruppen in unserem Land sollten bestimmend sein, sondern ein Neuanfang, bei dem Nächstenliebe, Menschenachtung, Hilfe und Erbarmen die treibenden Kräfte sind. 4000 Kindern zu helfen und ihnen eine gute Ausbildung und Erziehung angedeihen zu lassen, ist allemal besser, als sie im Elend zu lassen, wo sie sich später radikalisieren könnten und dann trotzdem nach Deutschland kommen, aber mit anderen Absichten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Europa einen Neuanfang braucht. Wir sollten wieder das werden, was am Anfang Europas stand: eine Wertegemeinschaft, keine Finanzgemeinschaft.   Gott hat seinen Sohn aus Ägypten gerufen und damit einen Neuanfang gemacht. Das sollte nicht verpuffen.

Franz Langstein

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