29.09.2019

Predigt zum 26. Sonntag C19

Lk 16,19-31

Liebe Schwestern und Brüder!

 1. Es ist kaum vorstellbar, dass es so etwas gibt: da liegt vor der Tür eines reichen Mannes, von dem es heißt, dass er sich „in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte“, ein Armer, dessen Körper voller Geschwüre war. Und der Reiche kümmert sich nicht darum. Nicht einmal einen Arzt ruft er, der die Wunden verbinden könnte, stattdessen kommen die Hunde, die an seinen Geschwüren lecken. Das ist nichts für schwache Nerven. Hier wird ein kaum erträglicher Gegensatz geschildert. Und die Brutalität dieses Gegensatzes soll das Böse verdeutlichen. Wie kann das sein, dass da ein unvorstellbar Reicher absolut kein Mitgefühl mehr hat mit dem Armen, der da vor seiner Tür liegt? Wie kann ein Mensch so hartherzig werden? Wie kann ein Mensch so böse werden? Man kann die Frage nach dem Bösen wohl nicht erschöpfend beantworten. Aber die Geschichte sagt so viel über das Böse aus, dass ich mich dem heute mal stellen will. Es gibt viele kluge Schriften darüber, die das Böse versuchen moralisch zu fassen oder psychoanalytisch oder philosophisch oder historisch usw. Ich will es theologisch versuchen. Allerdings ein sehr bescheidener Versuch.

 

2. Das Böse erkennen wir als Böses, weil wir das Gute kennen. Das Böse wird erfahren als etwas, dass das Gute verhindert, oder nochmal anders formuliert: Wir erfahren das Böse deshalb als böse, weil wir wissen, was anstelle des Bösen eigentlich sein sollte, nämlich das Gute. Das Böse ist die Verdrängung, die Abwesenheit oder die Vernichtung des Guten. Der arme Lazarus weiß, dass das, was da an ihm geschieht, etwas ganz Böses ist. Denn er sehnt sich danach, dass es anders wäre; dass ihm Gutes widerfahren würde. Der Reiche handelt böse, weil er das Gute tun könnte. Das ist erst einmal eine ganz wichtige theologische Feststellung: Weil der Mensch weiß oder ahnt oder fühlt, was gut ist, weiß er genau deshalb, was böse ist; das Böse lässt dem Menschen das Gute vermissen. Deshalb sagt gleich zu Beginn die Heilige Schrift: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: es war sehr gut.“ Weil die Schöpfung aus der Urgüte Gottes hervorgegangen ist, ist sie geprägt vom Wesen Gottes, so wie ein Kunstwerk das Wesen des Künstlers in sich trägt. Die Schöpfung ist Ausdruck der Urgüte Gottes. Und des Mensch verdankt sich nicht nur dieser Urgüte, sondern trägt sie selbst wesentlich in sich. Er weiß, was gut ist. Selbst die Tatsache, dass es das Böse gibt, ist kein Widerspruch zur im Menschen innenwohnenden Güte, sondern im Gegenteil: Das Böse kann ja nur als Böses benannt werden, weil der Mensch im Grunde seines Herzens eine Urgüte trägt, die von Gott kommt. Das Benennen des Bösen ist keine Infragestellung Gottes, sondern setzt vielmehr die Erkenntnis einer Urgüte voraus. Gäbe es keine Urgüte, könnten wir das Böse nicht benennen. Ich empfange mich also von einem Ursprung her, der selbst ewig ist und der Güte und Liebe ist. Deshalb trage ich in mir die Sehnsucht nach dem Guten als die eigentliche Erfüllung meines Lebens. Das Böse dagegen zerstört diese Erfüllung. 

 

3. Jetzt können wir das Böse schon etwas tiefer fassen. Das Böse bedeutet also die Abwendung von meinem eigenen Ursprung. Es bedeutet die Abwendung von jener Güte, der ich mich eigentlich verdanke. Es ist der Zweifel, den die Schlange in der Bibel schon in die Welt setzte: „Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von dem Baum nicht essen dürft?“ Der Baum im Paradiesgarten wird plötzlich zur Frage, ob ich Gott trauen kann. Ist Gott wirklich gut? Kann ich dieser Urgüte trauen, die mich gewollt hat und die mich geprägt hat, weshalb ich in mir das Gute verspüre? Kann ich also dem Guten trauen? Kann ich dem Guten in mir trauen? Wir ahnen, was die „Schlange“ angerichtet hat. Wenn ich dem Guten in mir nicht mehr trauen kann, was gilt dann noch? Wenn ich dem Guten als die Erfüllung meines Lebens nicht mehr trauen kann, wo finde ich dann Erfüllung? Oder auf Gott bezogen: Wenn ich Gott als die Urgüte nicht mehr trauen kann, die meinem Leben Erfüllung schenkt, wem kann ich dann trauen und was schenkt mir dann Erfüllung?

  

4. Und nun sucht der Mensch seine Erfüllung nicht mehr in der unendlichen Güte Gottes, sondern in den endlichen Dingen der Welt. Die endlichen Dinge der Welt sollen die Unendlichkeit Gottes ersetzen. Die endlichen Dinge der Welt sollen das schaffen, was nur der unendliche Gott in mir eigentlich schaffen kann. Das ist ja zunächst einmal verständlich, denn die Dinge der Welt spiegeln ja die Güte Gottes wider. Wo soll der Mensch sonst die Güte Gottes finden, wenn nicht in den Dingen dieser Welt? Das sagen wir Christen ja ganz deutlich von den Sakramenten: Brot und Wein z.B. Aber, wenn einmal der Zweifel an der Güte Gottes gesät ist, dann spiegeln die Dinge eben nicht mehr die Güte Gottes wider. Dann werden sie ungenügend für den Menschen. Sie genügen ihm nicht mehr, weil sie ihren Zeichencharakter für die Güte Gottes verloren haben. Und dann kommt am Ende der reiche Prasser heraus, wie ihn das Evangelium schildert, der sich „in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte“. In der endlichen Welt sucht er nun den unendlichen Halt. Und er kann ihn nicht finden. Er wird abhängig von der Endlichkeit. Ja, süchtig. Jeden Tag muss er ein glanzvolles Fest feiern.

 

5. Aber wo der Mensch nun im Endlichen seine unendliche Erfüllung sucht und sie dort aber nicht findet, gibt es eine Entsolidarisierung der Menschen untereinander. Immer ist jemand dran schuld, dass ich immer noch nicht meine Erfüllung gefunden habe. Das Gefühl der Sinnlosigkeit und Verlorenheit macht den Menschen Angst. Und für meine Angst gibt es Schuldige. Auf die Frage also: „Warum bin ich immer noch so unerfüllt und unglücklich?“ machen sich die Menschen verschiedene Antworten. Im Dritten Reich waren es die Juden, die dran schuld waren, dass es den Deutschen nicht gut geht. Heute sind es für manche die Fremden, die dran schuld sind. Für die Linken sind es die Rechten und für die Rechten die Linken. Die Klima-Aktivisten haben den Flugverkehr ausgemacht als Ursache ihrer Unzufriedenheit, die Radfahrer die Autofahrer, Jugendliche gegen Politiker usw. Jeder fühlt sich um die Erfüllung seines Lebens betrogen. Ob sie nicht um Gott betrogen wurden? Wieso klagt das keiner ein?  Wir erleben eine Aufspaltung der Gesellschaft, bis in die Parteienlandschaft hinein. Jeder hat Antworten; und diese Antworten sind oft „Ideologien“, übersetzt: Meine eigene Wahrheit. Und so sammeln sich Gruppen, die die je eigenen Wahrheit teilen, die anderen sind Gegner, Schuldige an ihrer Unzufriedenheit. Diese muss man vernichten.

 

6. Diese Entsolidarisierung beschreibt das heutige Evangelium so wunderbar. „Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.“ Die Gräben können nicht überwunden werden, weil jeder in seiner Wahrheit lebt und jeder seinen Vernichtungswillen des anderen in sich trägt.

 

7. Die Gräben könnten nur überwunden werden, wenn der Mensch zurückfindet zu seinem Ursprung einer allumfassenden Güte. Der reiche Prasser hätte lernen müssen, im Lazarus den Anspruch Gottes zu erfahren. Durch Lazarus wollte Gott im reichen Prasser diese Urgüte wieder wecken. „Finde zurück zur Güte und hilf dem Armen.“ Auch der Aufruf zur Feindesliebe ist so ein Appell Gottes: Finde zurück zur umfassenden, die ganze Menschheit betreffenden Urgüte Gottes. Oder nochmals theologisch ausgedrückt: Ich erfahre die Urgüte Gottes niemals pur, sondern immer nur vermittelt durch Menschen oder durch die Natur als Schöpfung Gottes. Jeder Mensch ist für den anderen ein Sakrament, d.h. jeder Mensch ist dem anderen ein Erfahrungsort der Güte Gottes. Das ist seine Bestimmung. Und das wissen wir und ahnen wir. Jedes Abweichen davon erfahren wir als Böses. Lazarus hätte so gern die Güte Gottes durch den Reichen erfahren, aber er hat sie ihm verweigert. Genau das ist das Böse: Die Verweigerung des Guten.

Franz Langstein

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 18.00 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe