27.10.2019

Predigt zum 30. Sonntag C19

Lk 18,9-14

Liebe Schwestern und Brüder!

Eine Vorbemerkung: Ich möchte heute am Weltmissionssonntag in der Predigt nicht den Gedanken der Weltmission aufgreifen. Wir haben eben gerade ein Evangelium gehört, das wie kaum ein anderes eine Tiefe und eine Bedeutung für uns alle besitzt, ja eine Dramatik, so dass ich das Evangelium heute nicht auslassen möchte. Es wird ja leider zu selten darüber gepredigt, weil so oft auf diesen Sonntag der Weltmissionssonntag fällt. Und ich werde auch nicht, wie manche vielleicht denken mögen, versuchen, doch irgendwie vom Evangelium her eine Brücke zu schlagen zum Thema Mission. Mit ein paar theologischen und rhetorischen Klimmzügen geht das freilich. Aber das würde nur wieder die Gefahr mit sich bringen, dass der Eindruck entsteht, dass dieses Evangelium einen Zweck erfüllen muss, nämlich das Missionsbewusstsein zu schärfen. Nein, dieses Evangelium hat keinen Zweck. Es steht da! Wie ein Fels in der Brandung des menschlichen Lebens! Erhaben und schön und wild und tief.      

 

1. Da steht also ein Pharisäer vorn im Tempel und zählt vor Gott auf, was er alles Gutes getan hat. Hinten steht ein Zöllner, also ein Unreiner, ein Sünder, ein Landesverräter, mit seinem ganzen verkorksten Leben und kann nichts dergleichen aufzählen, das ihn vor Gott verdienstlich macht. „Sei mir armen Sünder gnädig“ ist das einzige, was er sagen kann.     

 

2. Es gibt eine Szene in dem Roman „Schuld und Sühne“ von Dostojewski, die fast so wie eine Wiederholung des Evangeliums ist. Eine Szene von ungeheurer Aussagekraft. Gleich am Anfang des Romans kommt diese Szene vor: Der Protagonist des Romans, ein gewisser Raskolnikow, ein ziemlich mittelloser Student, geht abends in eine Gastwirtschaft. Kaum hat er Platz genommen, gesellt sich ein Betrunkener zu ihm, Marmeladow mit Namen. Marmeladow gehört zu jener Art von Betrunkenen, die weder still noch gewalttätig werden, wenn sie zu viel getrunken haben, sondern redselig. Und er redet ständig auf den Studenten ein. Mit jedem Schnaps, den Marmeladow trinkt, wird dieser auch immer persönlicher. Er erzählt, dass er arbeitslos geworden ist. Entlassen. Natürlich war die Entlassung völlig ungerecht. Seitdem trinkt er. Und er erzählt, dass zu Hause seine Frau und seine Tochter Sonja auf ihn warten, oder besser: Auf das Geld warten, das er als Sozialhilfe bekommt. Stattdessen vertrinkt er das Geld. Man spürt diesem Mann seine ganze Ohnmacht an gegenüber seinem Schicksal. Einerseits weiß er, wie sehr er seine Tochter und seine Frau ins Elend stürzt, andererseits kommt er nicht los vom Alkohol. Das Ganze wird noch schlimmer: Marmeladow erzählt nun, was seine Frau zu Hause macht, um an das Geld zu kommen. Sie übergibt ihre Tochter verschiedenen Männern. Das Elend wird zum Greifen nahe. Und Dostojewski versteht es unheimlich gut, die ganze Verzweiflung des Mannes darzustellen. Marmeladow weiß, dass er die Schuld an dem ganzen Elend trägt. Und während der mittlerweile fast total betrunkene Mann seine höchste Verzweiflung darstellt, da wendet sich der Monolog des Betrunkenen plötzlich ins Religiöse. Er wirft die Frage auf, ob Gott seiner Tochter und seiner Frau vergeben wird. Und ihm vergeben wird. Und die Antwort, die jetzt kommt, ist von so einer Kühnheit, dass diese wohl nur von einem durch den Alkohol enthemmten Geist gegeben werden kann. Sicherlich wird das Dostojewski gewusst haben, dass nur ein Betrunkener so etwas sagen darf und sagen kann. Nebenbei: Hier sind wir bei einer höchst interessanten Fragestellung: Braucht nicht der Geist Gottes, um sich durch den Menschen zu artikulieren, einen enthemmten Geist des Menschen? Einen Geist, der frei ist von Denkverboten, Dogmen, angeblichen Wahrheiten, Überlieferungen usw.? Wir kennen eine solche Szene von Pfingsten. Nachdem der Heilige Geist auf die Jünger herabkam, öffneten sie die Türen und hielten eine Rede wohl von ungeheurer Kühnheit jenseits aller Denkverbote. Und die versammelten Menschen konnten sich das nur erklären mit dem Satz: „Sie sind voll des süßen Weines“. So was sagt man wohl nicht, wenn man klar im Kopf ist. Zurück zu Dostojewski: Der Betrunkene stellt sich also die Frage, ob Gott ihm, seiner Frau und seiner Tochter vergibt. Eine kleine Anmerkung noch: Die Frau ist in Wahrheit die Stiefmutter zu Sonja. Ich möchte die Rede Marmeladows nun zitieren, denn das kann man mit eigenen Worten nicht wiedergeben. Der Betrunkene also fährt fort:

 

3. „Meinst du, Schankwirt, dass deine Flasche Schnaps mir ein Genuss war? Bitterkeit, Bitterkeit habe ich auf seinem Boden gesucht.  Bitterkeit – und Tränen, und ich habe sie gekostet. Und ich habe sie gefunden. Aber Erbarmen wird er sich meiner – er, der sich aller erbarmt und der alle und alles versteht, er, der Einzige, er wird Richter sein. Er wird an jenem Tage kommen und fragen: ›Wo ist die Tochter, die sich um der bösen, schwindsüchtigen Stiefmutter und der fremden Kinderchen willen zum Opfer gebracht hat? Wo ist die Tochter, die mit ihrem irdischen Vater, einem unnützen Säufer, Mitleid hatte, ohne vor seiner Verrohung zu erschrecken?‹ Und er wird sagen: ›Komm her zu mir! Ich habe dir schon damals vergeben . . . dir schon damals vergeben. Vergeben wird dir auch jetzt deiner Sünden Menge, denn du hast viel geliebt . . .‹ Und er vergibt meiner Sonja, er vergibt ihr; ich weiß, dass er ihr vergibt . . . Das habe ich noch eben erst, als ich heute bei ihr war, in meinem Herzen gefühlt! . . . Und alle wird er richten und allen vergeben, den Guten und den Bösen, den Weisen und den Einfältigen . . . Und wenn er dann alle gerichtet und vergeben hat, dann wird er auch uns: ›Kommt her‹, wird er sagen, ›auch ihr! Kommt her, ihr Säufer, kommt her, ihr Schwachen, kommt her, ihr Übeltäter.‹ Und wir werden alle kommen, und wir werden uns nicht schämen, wir werden alle vor ihn treten. Und er wird sagen: ›Schweine seid ihr, Ebenbilder des Viehes; aber kommet auch ihr zu mir!‹ Da werden die Weisen und die Klugen ihre Stimme erheben: ›Herr, warum willst du auch diese aufnehmen?‹ Und er wird sagen: ›Darum nehme ich sie auf, ihr Weisen, darum nehme ich sie auf, ihr Klugen, weil keiner von ihnen je geglaubt hat, dass er dessen würdig sei.‹ Und er wird über uns seine Hände ausbreiten, und wir werden vor ihm niederfallen . . . und werden weinen . . . und werden alles verstehen! Dann werden wir alles verstehen! . . . Und alle werden es verstehen, . . . auch Katerina Iwanowna (seine Frau), . . . auch sie wird dann alles verstehen! . . . Herr, dein Reich komme!«  Kraftlos und erschöpft sank er auf die Bank nieder; er blickte niemand an, als hätte er seine ganze Umgebung vergessen und wäre tief in Gedanken versunken.

 

4. Da steht diese ungeheure Antwort auf diese Frage, ob Gott auch seine Tochter und seine Frau aufnimmt „darum nehme ich sie auf, ihr Klugen, weil keiner von ihnen je geglaubt hat, dass er dessen würdig sei“. Man könnte auch sagen: Er nimmt sie auf, weil keiner von ihnen damit gerechnet hat. Das ewige Heil ist wie eine Sensation, wie eine Überraschung, wie ein Geschenk: Damit konnte man nicht rechnen. Und jetzt sind wir mitten im Evangelium: Da steht der Pharisäer, der sowohl damit rechnet, in den Himmel zu kommen. Und wie er rechnet: „Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.“ So rechnet er vor Gott. Und hinten steht der Zöllner. Er rechnet nicht vor Gott. Er hat nichts zum Rechnen. Er rechnet nicht mehr damit, von Gott aufgenommen zu werden. Er sagt nur einen Satz: „Sei mir armen Sünder gnädig“. Wird der Zöllner von Gott aufgenommen? Dostojewski gab die Antwort: „Ja, weil er nicht damit rechnet“. Und Jesus gab die Antwort: „Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht.“      

 

5. Das würde ich mir auch für mich wünschen. Eine tiefe existentielle Erfahrung darüber, was es heißt, von Gott aufgenommen zu werden. Aufgenommen zu werden in Gottes Ewigkeit, aufgenommen zu werden in die Herrlichkeit des Dreifaltigen Gottes, aufgenommen zu werden in ein       Reich voll Liebe und Verstehen. Und dass mich diese meine Hoffnung aber so mit ungläubigem Staunen erfüllt, dass ich kaum damit zu rechnen wage. Und dass ich dann in der Erfahrung, nichts zu haben, was mich dieses großen Geschenkes verdienstlich   machen könnte, wenn ich also nicht damit rechnen kann, dass da etwas mir zugedacht ist, für das ich nichts geben kann, und wenn ich in dieser Erfahrung das Gefühl habe, ganz und gar auf Gnade und Verstehen und Liebe angewiesen zu sein, dann möge mich der Gedanke trösten, dass genau dieses Gefühl die Voraussetzung dafür ist, von Gott zum ewigen Heil gerufen zu werden. „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt; wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“  

Franz Langstein

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(nicht während der hessischen Schulferien)
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