26.05.2019

Predigt am 6. Ostersonntag C 2019


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Unser gesamtes Leben kann man gut mit einem Weg vergleichen. Man spricht ja auch vom Lebensweg, oder mehr christlich vom „irdischen Lebensweg“. Er beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Dazwischen verläuft unser Lebensweg. Auf ihm entwickeln wir uns. Wir sammeln Erfahrungen, die uns prägen. Unsere Lebenswege führen uns über Höhen und Tiefen, über Glück und Leid, gefühlte Gottesnähe und Gottesferne usw. Und auf diesen Lebenswegen sind wir nicht allein. Es gesellen sich Menschen dazu. Manche flüchtig, für mehr oder weniger längere Zeit; manche werden bedeutsam; manche bleiben für immer und aus dem Lebensweg wird ein gemeinsamer Lebensweg.


 

2. Ganz ähnlich war es auch bei Jesus. Sein Lebensweg begann mit seiner Geburt. Nach dem Zeugnis der Schrift wuchs er in Nazareth auf. Seine Eltern sorgten für ihn, solange er ein Kind war. Irgendwann, später, als Erwachsener, trennt er sich von zu Hause und geht seinen eigenen Lebensweg. Für seine Eltern und seine Verwandten unverständlich. Aber auch jetzt geht Jesus seinen Lebensweg nicht allein. Menschen gesellen sich zu ihm. Einige flüchtig, andere wollten nur ein Wunder von ihm, aber andere blieben. Sie folgten ihm teilten auch im wahrsten des Wortes seine Wege. Sie zogen mit ihm durch die Ortschaften Galiläas, Samariens, durch die Dekapolis und am Ende nach Jerusalem.  Sie teilten ihre Gedanken, Fragen, sahen Leid und Glück. Sie teilten das Leben und brachen das Brot.


 

3. Und dann kommt jener Abend, der der letzte sein sollte. Das Johannes-Evangelium platziert auf diesen Abend jene große Rede, die wir die Abschiedsrede Jesu nennen. Daraus hörten wir heute einen Ausschnitt im Evangelium. Darin heißt es: „Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht. Ihr habt gehört, dass ich zu euch sagte: Ich gehe fort und komme wieder zu euch zurück. Wen ihr mich liebt hättet, würde ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe.“ Jesus will seine Jünger, die ihr Leben mit ihm geteilt haben, beruhigen. „Euer Herr beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ Und jetzt nimmt Jesus sein ganzes Leben in den Blick, seinen Lebensweg. Vor der Geburt bis zum Tod? Nein. Jesus sieht weiter. Von der Geburt bis zur Ewigkeit beim Vater. Deshalb dieser Satz, der schwer nachzuvollziehen ist: „Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe.“  Jesus will wohl damit sagen: Wir können uns auf unseren Lebenswegen nicht festhalten. Irgendwann müssen wir loslassen. Irgendwann müssen wir zulassen, dass jemand einen Weg geht, auf dem ein anderer nicht folgen kann. Aber Jesus redet hier nicht vom Zulassen, sondern eher vom Loslassen. Lasst mich los. Haltet mich nicht fest. Oder nochmal anders formuliert: Erlaubt mir, meinen Lebensweg ganz zu Ende zu gehen. Erlaubt mir, zum Ziel meines Lebens zu gelangen. Ja, noch drastischer: „Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe.“ Also schauen wir nicht nur unseren irdischen Lebensweg, sondern unser ganzes Leben an in seiner Bestimmung auf die Ewigkeit hin. Nur so wird so ein Satz verständlich.


 

4. Aber natürlich haben sich die Jünger nicht gefreut, als Jesus ging und wir freuen uns nicht, wenn liebe Menschen durch den Tod aus unserer Mitte gerissen werden. Aber was uns aufgegeben ist, ist dieses Loslassen können. Das Loslassen als ein letzter Liebeserweis im Sinne von: „Ja, du darfst jetzt gehen, weil das eigentliche Ziel deines Lebensweges in der Ewigkeit des Vaters ist. Ich will dich nicht daran hindern, deinen Lebensweg zu vollenden in der Vollendung im Himmel.“ Das Loslassenkönnen ist eine große menschliche Qualität, die notwendig ist zur persönlichen Reifung. Und wir spüren, wie auch hier der christliche Glaube das Loslassen ermöglichen kann.


 

5. Meister Eckart, der große Mystiker des ausgehenden 13. Jahrhunderts, hat das Wort „Gelassenheit“ in die deutsche Sprache eingeführt. Und er verstand die Gelassenheit als Frucht der Fähigkeit, Loslassen zu können. Ein Mensch, der Loslassen kann, ist ein Mensch der Gelassenheit. Diese innere Gelassenheit, die aus dem Gottvertrauen kommt. Deshalb heißt es auch im heutigen Evangelium: „Jesus sagte zu seinen Jüngern: Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Und Augustinus sagt in seinem Johannestraktat in Bezug darauf, dass die Jünger sich doch freuen sollten, dass Jesus zum Vater geht: „Denn die menschliche Natur ist zu beglückwünschen, dass sie auf eine solche Weise von Gott angenommen wurde, dass sie im Himmel Unsterblichkeit besitzt“. 

Franz Langstein

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(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe