24.12.2019

Predigt in der Heiligen Nacht 2019


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas.  Eine schöne Geschichte. Eine uns vertraute Geschichte. Und zwar so sehr, dass diese Erzählung sich verdichtet hat in Kunst, Musik und Literatur und im Nachbauen: Hier und überall werden Krippen aufgebaut mit der Szenerie, die das Weihnachtsevangelium beschreibt: Maria, Josef, das Kind in der Krippe, die Hirten, die Engel. 1223 hat es Franz von Assisi zum ersten Mal  diese Szenerie aufgebaut, mit Menschen und lebenden Tieren, um in dieser Szenerie hautnah Weihnachten zu feiern. Und auch wir bauen Krippen auf, stellen uns davor, betrachten das Kind in der Krippe, sind also förmlich selbst irgendwie in Bethlehem – und dann? Was passiert dann? Werden wir berührt von diesem Kind, von dieser Wehrlosigkeit des Kindes? Spüren Mütter vielleicht in Erinnerung an die Geburt ihrer eigenen Kinder so etwas wie mütterliche Gefühle? Steigt da was auf an Emotionen? Oder stehen wir da, irgendwie gefühllos, irgendwie fragend, rätselnd nach dem Motto: Was soll das jetzt hier eigentlich? Nicht, weil wir vielleicht gefühlskalt wären, sondern weil das, was hier uns vor Augen gestellt wird, uns eher sprachlos sein lässt, hilflos; wir scheinen keinen Zugang zu finden zu dem Eigentlichen, denn wir wissen ja, weil es uns heute Nacht auch immer wieder gesagt wird: Dass hier in diesem Kind ein Gott unter uns erschienen ist. Und das lässt auch einen irgendwie sprachlos werden. Und das ist eine heilsame Sprachlosigkeit. 

  

2. Gott in einem wehrlosen Kind? Was will man so einem Gott schon sagen? Einen mächtigen Gott – den texten die Menschen Tag und Nacht zu: Mach das, lieber Gott, hilf mir da und mach, dass da Frieden wird, dass wir gesund bleiben, dass keiner ungerecht behandelt wird. Ja, vor einem mächtigen Gott wird der Mensch so schnell nicht sprachlos. Auch der Atheist wird da nicht sprachlos: Warum lässt Gott das Leid zu? Warum sorgt er nicht für Gerechtigkeit? Gott hätte doch die Macht. Aber jetzt: Vor der Krippe verstummen die Wünsche, die sich immer wieder mit Macht verbinden. Und diese Machtlosigkeit wird gerade im Lukas-Evangelium bis an die Spitze getrieben: Die Engel verkünden den Hirten die Geburt eines Kindes, den Heiland der Welt. Und sie werden ihn erkennen, dass er „in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt.“ Wollte man eine Karikatur Gottes zeichnen, dann ein Gott in Windeln.

 

3. Was macht also diese Szenerie mit uns? Dass auf diese Weise Gott zu uns kommt und sich in unser Leben und unsre Welt hineindrängt, dass macht ihn nicht mehr erkenntlich als Gott. Er hat sich seiner Gott entäußert, sagt die Schrift. Er ist unscheinbar. Aber damit dient er nicht mehr als Projektionsfläche für eigene Machtfantasien: Gott, mach das oder das. Und er dient nicht mehr als Angriffsfläche des Vorwurfs: Gott, wo bleibst Du? Wer Weihnachten immer noch die Theodizee-Frage stellt, träumt immer noch von einem machtvollen Gott. Der hat Weihnachten nicht begriffen

 

4. Der in seiner Ohnmacht erscheinende Gott: inwieweit kann er eine Hilfe sein für uns? Eine erste Antwort muss lauten: Genau deshalb ist er uns eine Hilfe, da er uns befreit von Machtfantasien im Namen Gottes: Wer also meint, sich auf Gott berufend, Macht auszuüben oder Macht zu bekommen, der hat Weihnachten auch nicht verstanden. Deshalb ist Weihnachten durch die Entgöttlichung der Macht auch ein Fest des Friedens. „Friede den Menschen auf Erden seiner Gnade“.

 

5. Das Kind in der Krippe zeigt nämlich eins: Es geht um Liebe, um Wehrlosigkeit, um gegenseitige Hilfe, um Achtung vor dem Kleinen…  Und genau darin leuchtet Gott auf. In der radikalen Wehrlosigkeit des Kindes. Und damit im Angewiesensein aufeinander, in der Achtung voreinander, im zärtlichen und liebevollen Umgang miteinander. Da leuchtet Gott auf. Fulbert Steffensky hat das schön ins Wort gebracht. „Es  ist ein fremder und zärtlicher Gedanke, dass unser Leben und dass die Welt nicht gerettet werden kann durch die Macht der Mächtigen. Die Liebe, die sich gleichmacht mit dem Geliebten, ist die erlösende Kraft.“ 

 

6. Und damit sind wir bei dieser erlösenden Kraft: Gott ist also die Wirklichkeit, die sich gleichmacht mit der Wirklichkeit der Schöpfung. Gott ist die Wirklichkeit, die sich gleichmacht mit meiner Wirklichkeit. Und zu meiner Wirklichkeit gehört Licht und Dunkel, Freude und Trauer, Gelungenes und Schuld, Leben und Vergänglichkeit. Das also ist die erlösende Kraft: Dass Gott sich aus Liebe mit meiner Wirklichkeit gleich gemacht hat.

 

7. Kommen wir zurück zur Anfangsszenerie: Stehen wir bei der Krippe; ja, vielleicht angerührt oder sprachlos, staunend oder skeptisch. Aber der Anblick macht etwas und könnte vielleicht die Frage aufkommen lassen: Gott, willst Du deine Liebe mir etwa auf diese Weise zeigen? 

Franz Langstein

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Sonntag 11.00 h Heilige Messe
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(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe