24.03.2019

Predigt am 3. Fastensonntag C19


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das Evangelium berichtet heute von zwei Katastrophen, die die Menschen stark berührt und erschüttert haben: Es ist die Rede von einem Massaker. Pilatus ließ Galiläer umbringen, als diese gerade ihre Opfer darbringen wollten, so dass sich ihr Blut mit dem Blut der Opfertiere vermischte. Die andere Katastrophe war der Einsturz des Turms von Schiloach. Achtzehn Menschen kamen dabei ums Leben. Nach damaligen Denkmustern und Glaubensvorstellungen hatte man schnell eine Erklärung: Die Opfer mussten Sünder sein. Wer durch Unglück oder Krankheit betroffen war, hatte Schuld auf sich geladen. Diese Schuld war die tiefere Ursache des Unglücks. Es gibt also einen klaren Tun – Ergehen - Zusammenhang. So wie ich tue, so ergeht es mir. Wer vom Turm erschlagen wurde, musste ein Sünder sein. Es ist wohltuend, was uns das Lukas-Evangelium hier von Jesus erzählt, der ganz anders als das damalige Denken die Sache sieht: „Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, alle anderen nicht?“ „Meint ihr, dass nur diese Einwohner von Jerusalem Schuld auf sich geladen hatte, alle andern aber nicht?“ Es ist erstaunlich, wie Jesus hier seiner Zeit wieder voraus ist. Halten wir mal einen Augenblick hier inne, und mehr will ich auch heute gar nicht sagen, denn sonst wird das hier zu lange. 


2. Es gibt klare Erklärungsmuster: Wer von so einem Schicksalsschlag getroffen war, musste Schuld vor Gott auf sich geladen haben. Eine solche Erklärung entlastete die Menschen auch. Die nicht zu lösende und deshalb schmerzhafte Frage nach dem „Warum?“ war geklärt. Wir erleben ja auch heute bei schweren persönlichen Schicksalsschlägen auch immer wieder die Frage nach dem Warum. Da fährt ein 18jähriger mit viel zu hoher Geschwindigkeit, kommt von der Straße ab und stirbt und die Eltern fragen nach dem Warum. Und bei dieser Frage nach dem Warum, genügt es nicht zu antworten: Er ist eben zu schnell gefahren. Denn das Warum fragt nicht nach dem Grund, es fragt nach dem Sinn. Warum musste er schon so früh sterben? Und darauf findet der Mensch keine Antwort. Der Mensch zurzeit Jesu hatte eine Antwort: „Er hat sich eben vor Gott schuldig gemacht.“ Das ist zwar eine schlimme Antwort, aber mal ganz ehrlich: Ist es nicht besser, eine Antwort zu haben als keine? Die ungelöste Frage „Warum?“ ist nur schwer zu ertragen. Die Ohnmacht, das Ausgeliefertsein, die Hilflosigkeit, die Unmöglichkeit, sein Leben zu bestimmen, sind nur schwer zu ertragen. Man will wissen, warum. Man sucht nach einem Sinn, um die Situation besser ertragen zu können. Und wieviel Menschen sagen sich auch: Was habe ich nur falsch gemacht, dass es mir jetzt so schlecht geht? Und die Kirche hat oft auch ihre voreiligen Antworten: In einem Gebet bei Beerdigungen heißt es: „Gott, unser Vater, Du hast den Verstorbenen N. aus unserer Mitte zu dir gerufen.“ Ja, so einfach ist das. Wenn jemand stirbt, dann stirbt er nicht, weil er – wie alles Lebendige – sterblich ist, sondern weil Gott gerufen hat. Ein junges Mädchen hat seine Mutter verloren. Der Pfarrer spricht bei der Beerdigung genau dieses Gebet: „Gott, unser Vater, Du hast unsere Verstorbene aus unserer Mitte zu dir gerufen“. Am Abend schreibt das Mädchen in ihr Tagebuch: „Warum, Gott, hast Du meine Mutter zu dir gerufen? Du brauchst sie nicht. Ich aber brauche Sie“. Später schreibt sie: „Dies war der Tag, an dem ich meinen Glauben an Gott verloren habe.“ Es ist besser, die Frage nach dem Warum auszuhalten, als voreilige Antworten zu geben. Wir sterben nicht, weil Gott es will und er uns durch den Tod zu sich ruft. Nein, wir sterben, weil wir sterblich sind. Und außerdem hat Gott uns in der Taufe zu sich gerufen, nicht im Tod.


3. Ja, es ist schwer auszuhalten, die Frage nach dem Warum nicht beantworten zu können. Der Mensch der Antike hatte es hier einfacher: der Mensch, der vom Schicksal getroffen ist, hat Schuld auf sich geladen. Damit hatte man eine Erklärung und damit konnte man leben. Ja, man konnte einfacher damit leben, wenn man sagt: Ich habe Schuld auf mich geladen, deshalb ist es so gekommen, als wenn man überhaupt nicht weiß, warum etwas so gekommen ist und worin hier ein Sinn liegen soll. Aber für uns heute verbietet sich so ein Denken. Und auch für uns Christen: Wir können und dürfen nicht mehr so von Gott denken, als ob ein Schicksalsschlag eine Strafe Gottes ist für unser fehlerhaftes Leben. Die Botschaft Jesu zeigt und einen Gott auf, der barmherzig ist, nicht einen, der dreinschlägt.  Das heißt, wir müssen damit leben, dass es auf die Frage nach dem Warum keine Antwort gibt.


4. Wie schwer das ist, zeigt ja auch die säkulare Gesellschaft. Egal, was immer irgendwo passiert, es muss immer einen Schuldigen geben. Wir müssen wissen, warum. Wer ist dran schuld. Wir halten eine unbeantwortete Frage nach dem Warum nicht aus. Wenn jemand krank wird, dann hat er falsch gelebt. Wenn jemand Krebs bekommt, dann hat er sich falsch ernährt. Wenn jemand es mit der Lunge hat, dann ist der Diesel dran schuld. Wenn jemand durch ein Erdbeben stirbt, ja, warum wohnt er auch da, wo jeder weiß, dass da ab und zu die Erde bebt. Wir haben immer Antworten parat. Es gibt immer Gründe. Das beruhigt uns. Damit können wir leben. Aber so ist unser Leben nicht. Es gibt Widerfahrnisse im Leben, auf die wir keine Antwort wissen, warum das so geschehen ist. Das liegt daran, dass unser Leben selbst nicht vollkommen, sondern höchst gebrechlich ist. Es muss nicht immer einen Grund von außen geben, warum das so oder so passiert ist; der Grund liegt oft in unserer eigenen Gebrechlichkeit und Unzulänglichkeit. Und dieses muss der Mensch aushalten und annehmen.


5. Und da, wo der Mensch lernt, das anzunehmen, fragt er wohl nicht mehr so sehr nach dem Warum, sondern er lernt, sich und sein so gebrechliches Leben Gott anzuvertrauen, ohne eine Antwort von Gott zu erwarten. Das ist nicht immer einfach, aber gerade darin zeigt sich die Tiefe des Vertrauens und der Hoffnung.  Und da kommt dann auch der Name Gottes ins Spiel, von dem wir in der ersten Lesung gehört haben: „Ich bin der ich bin da“. Das muss genügen. Und dieses Dasein findet seine unüberbietbare Erfüllung in Christus. In Christus hat sich dieser Name Gottes bis hin zum Kreuz erfüllt. Er ist da. Wir sind immer gerade wegen unserer Hinfälligkeit und Sterblichkeit in einer Wirklichkeit aufgehoben, die wir nicht immer spüren, die uns aber in Liebe birgt. 

 

Franz Langstein

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