24.02.2019

Predigt am 7. Sonntag im Jahreskreis C 2019


Lk 6,27-38

Liebe Schwestern und Brüder!

1. „Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halte auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd.“ Steht hier! Hat das schon mal jemand gemacht? Hat da jemand Erfahrung mit? – Ich auch nicht. Ich habe mit so einem Verhalten keine Erfahrung. Ich weiß nicht, wie das funktioniert und ob es funktioniert. Es ist mir einfach zu verrückt, dass ich dem, der mir was wegnimmt, freiwillig noch mehr geben soll und dass ich dem, er mir eine runterhaut, noch ermutige, weiter zu schlagen. Das ist nicht mein Verhalten, damit habe ich keine Erfahrung. Das ist bitter, so etwas sagen zu müssen, obwohl es eine eindeutige Forderung Jesu ist. Aber ich mach mich doch nicht zu Deppen. Das ist unter meiner Würde. Das ist mir einfach zu verrückt. Ja, verrückt.

 

2. Aber auf der anderen Seite, auf der Seite der Gewalt, gibt es da nicht viel mehr Verrücktheiten? Ich sah neulich einen Bericht über die wohl härteste Armee der Welt, über die französische Fremdenlegion. Die müssen eine brutale Ausbildung über sich ergehen lassen. Die Ausbildung kennt nur ein Ziel: Gehorsame Tötungsmaschine zu werden. Die im Menschen natürlich angelegte Sperre, Seinesgleichen nicht zu töten, wird abtrainiert. Emotionslos töten können. Menschlichkeit geht verloren. Das ist verrückt, menschlicher Irrsinn. Oder dass wir so viel Misstrauen voreinander haben, dass wir Atomwaffenarsenale auftürmen, die mehrfach die Erde zerstören können. Und die Welt läutet die nächste Runde des Wettrüstens ein. Verrückt. Oder – einer gewissen Logik folgend – liefern wir mittlerweile Waffen in Krisengebiete, obwohl wir uns nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs einmal geschworen hatten, dass wir das nie mehr machen wollen. Verrückt. Das sind die Verrücktheiten dieser Welt, die man nicht verstehen kann. Sie gehorchen einer Logik. Es ist aber die Logik des Misstrauens und der Angst, die sich dann hochschaukelt zur Logik des Hasses.   

 

3. Und dieser Logik setzt Jesus die Logik der Liebe entgegen. Und die ist genauso verrückt: „Wenn dich einer auf eine Wange schlägt, dann halte auch die andere hin“. Total verrückt. Aber man kann wahrscheinlich auf die Verrücktheiten dieser Welt nur mit Verrücktheiten antworten.

 

4. Worum geht es also? „Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen, segnet die, die euch verfluchen betet für die, die euch misshandeln.“  Es geht also um die Frage: Wie können wir Feindschaft beenden? Klare Antwort: Durch das Gebot der Feindesliebe. Und das ist schwer umzusetzen. Jesus weiß das selbst: „Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank könnt ihr dafür erwarten?“ Die zu lieben, die einen selbst auch lieben, das ist kein Kunststück. Aber die zu lieben, dir mir Schaden zugefügt haben, die mein Leben zerstört haben, die mich körperlich oder seelisch verletzt haben, die mir Böses wollen? Geht das? Schaff ich das? Will ich das überhaupt? Das ist ein schwerer Weg. Jesus zeigt Hilfestellungen auf:

 

5. „Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln.“ Versuchen wir uns das mal vorzustellen: Ich soll für einen Menschen beten, der mich hasst und mir Schaden zugefügt hat. Also für meinen Feind beten. Das kostet mich Überwindung. Aber dabei geschieht etwas. Nicht mit dem anderen, sondern mit mir! Es geschieht etwas mit meiner inneren Einstellung zu dem „Feind“. Nicht der „Feind“ verändert sich, ich verändere mich. Stellen wir uns mal vor: Trump würde für Putin beten und Putin für Trump. Das wäre der erste Schritt zur Abrüstung. Jesus geht es also darum, dass ich mich ändere und ich die Feindschaft zu überwinden beginne. Dann kommt ein zweiter Schritt, den Jesus empfiehlt: „Stell dir doch mal Folgendes vor“, will Jesus sagen: „Denn auch Gott ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen und lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse.“ Versenke dich in diese Vorstellung. Dieser „Feind“ ist auch ein Kind Gottes. Und Gott liebt ihn. Und wieder könnte sich innerlich etwas ändern. Und dann könnte vielleicht die Kraft erwachsen zu einem dritten, wohl schwersten Schritt: Die Vergebung. Denn der Feindesliebe geht voraus die Vergebung. Aber Vergebung ist bereits der Ausdruck, dass sich in mir etwas so weit verändert hat, dass ich den „Feind“ mit anderen Augen sehen kann. In dem Wort „Vergeben“, steckt das Wort „Geben“. Und das Präfix „ver“ bedeutet eine Veränderung. Indem ich versuche, Versöhnung zu geben, Zuneigung zu geben, verändert sich etwas. Aber das ist schwierig:  „Wenn ihr nur denen gebt, die euch geben, welchen Dank könnt ihr dafür erwarten?“ Und gelingt es tatsächlich, so etwas wie Vergebung zu schenken, selbst wenn der andere sie nicht annimmt und sie nicht erkennt und nicht darauf reagiert und nichts von dort zurückkommt, selbst dann aber hat sich in mir etwas so weit verändert, dass der andere nicht mehr unbedingt mein Feind ist, so dass ich tatsächlich – bildlich gesprochen – ihm auch die andere Wange hinhalten könnte, also ihm zu erkennen gebe: Du, ich bin nicht dein Feind. Ich habe die Spirale des Hasses durchbrochen und mich so weit verändert, dass du mich nicht mehr zu deinem Feind machen kannst. Es ist die Verrücktheit der Liebe. Die Verrücktheit der Liebe Gottes.

 

6. Das ist ein weiter Weg. Ein schwieriger Weg. Aber ich glaube, dass Jesus diesen Weg von uns verlangt. Er verlangt diesen Weg von einem Opfer, nicht von einem Täter. Denn nur vom Opfer kann Vergebung ausgehen. Am Anfang sagte ich: ich mach mich doch nicht zum Deppen. Ich glaube, dass dieser Weg das Opfer nicht zum Deppen macht, sondern ihm seine Würde wiedergibt. Es ist der Weg, der allein zur Versöhnung führt und den Christus über das Kreuz auch selbst gegangen ist. Ob ich das schaffe? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Feinde, die ich hasse. Es ist alles Theorie, was ich sage. Ob mein erster Schritt der wäre, dass ich für jemanden bete, der mich geschlagen hat, oder ob ich ihm dann auch eine klebe, weiß ich nicht. Aber theoretisch ahne ich, worauf Jesus hinaus will: Zu einer versöhnten Menschheit.

Franz Langstein

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