21.04.2019

Predigt an Ostern C19


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir feiern heute Ostern und wir bringen natürlich auch das Bild mit, das wir in der Karwoche mit Entsetzen aufgenommen haben: die brennende Kathedrale Notre-Dame in Paris. Als ich diese Predigt vorbereitete, war es gerade mal ein Tag her, dass mich abends im Fernsehen die Bilder der brennenden Kathedrale erreichten. Viele hat dieses Entsetzen erfasst, weil nicht irgendeine Kirche abgebrannt ist und weil eben diese Kirche mehr ist als nur eine Kirche. Vieles Wichtige ist in den letzten Tagen dazu gesagt worden und muss hier nicht bis ins Detail wiederholt werden. Seit acht Jahrhunderten steht diese Kirche auch als ein Ort der Identifikation. Könige liegen hier begraben, Staatsoberhäuptern wurden hier die Totenmesse gehalten, in schweren Zeiten fanden Pestkranke hier Zuflucht, für die Opfer der Terrorangriffe wurden hier gebetet. Viele fanden Zuflucht in Notre-Dame, als berge ihr Inneres eine Art mütterlichen Schoß. Natürlich darf auch der Bau als solcher und die vielen unschätzbar wertvollen Kunstwerke nicht unerwähnt bleiben. Ja, Notre-Dame ist mehr als nur eine Kirche, sie ist Symbol für Höhen und Tiefen des Menschen und seiner Geschichte und sie ist zu Stein gewordene Sehnsucht und zu Stein gewordener Trost. Wie gesagt, auf all das muss hier nicht näher eingegangen werden – es wurde vieles geschrieben -, sondern ich möchte auf einen Aspekt eingehen, der mir gerade mit dem heutigen Osterfest auch von Bedeutung ist.    

 

2. Mit geht es um die Erhabenheit gerade dieses Kirchbaus. Erhaben kommt von „erheben“ und „Hervorgehoben“ und wird mit „Feierlichkeit“ und „Würde“ in Verbindung gebracht. Es ist vor allem der damals noch neue und kühne Weg, Kirchen anders zu bauen: Die Verlagerung des Gewichts sollte noch außen geführt werden. Dadurch konnten die Kirche höher und zugleich schlanker gebaut werden mit einem zuvor nie gekannten Raumgefühl. Der Baustil der Gotik war geboren. Für Menschen, die damals in armseligen Hütten wohnten und beengten Räumen hausten, musste dieser Baustil gleich einem Flug in den Himmel und in überirdische Sphären vorgekommen sein. Der Mensch musste wohl förmlich mitgerissen worden sein in ganz hohe Dimensionen, die er vielleicht auch als Dimension seines eigenen Lebens ahnte oder sogar spürte. Spätestens dann, wenn er die Notre-Dame betreten haben mochte, begann ihn ihm jene größere Dimension zu schwingen, als sei er nur der Resonanzkörper für diese schwindelerregende Höhe. Wer so eine Kirche betrat, konnte wohl selbst nur ganz groß von sich denken. Seine eigene Größe, Würde und Erhabenheit begann zu schwingen, wenn er die Größe und Würde und Erhabenheit der Notre-Dame erfuhr.

 

3. Und ist das heute nicht auch so? Warum gehen denn Abermillionen Urlauber in die großen Kathedralen dieser Welt? In Notre-Dame sollen jährlich 20 Millionen Besucher die Kirche betreten haben. Die meisten doch wohl nicht, weil sie besonders fromm sind oder weil sie kunstinteressiert sind. Ja, natürlich auch: Aber viele, die mit Badelatsche und Mütze auf dem Kopf die Kirche betreten wollen, sind diesbezüglich einfach nur dumm und wissen oft nicht, wer denn das ist, der da vorne am Kreuz hängt. Nein, es ist vielleicht doch auch diese unbewusste Ahnung oder Sehnsucht, hier etwas zu finden, was dem Leben Größe und Würde gibt. Und dass der Mensch vielleicht doch spürt, dass da in ihm etwas zu schwingen beginnt, wie eine Resonanz, die von dieser schier unfassbaren Größe und Erhabenheit des Gotteshauses ausgelöst wird. Vielleicht beginnt der ganz auf Natur und Materie und Leistung reduzierte Mensch zu ahnen, dass in ihm eine Größe waltet, die mit der Größe von Notre-Dame korrespondiert, und die wie ein wohltuender Raum ist, der den Menschen befreit aus seinem rein materialistischen Selbstverständnis. Vielleicht ist es auch das, warum die Menschen über die Zerstörung von Notre-Dame so entsetzt sind. Das Symbol ihrer eigenen Größe und Würde ist ihnen genommen. Das werden freilich viele Menschen nicht spüren, aber unbewusst doch ahnen.

 

4. Und damit sind wir bei Ostern, dem Fest unserer eigenen Würde und Größe. Denn Ostern sagt uns genau das: Dass unser Leben weit mehr ist als nur Natur und dass sich unser Leben nicht materialistisch erschöpft. Die Größe und Herrlichkeit und Ewigkeit Gottes kommt uns zu. Wir sind mehr als Kinder dieser Erde; wir sind Kinder Gottes für die Ewigkeit, für das Ewige Ostern, erschaffen. Wir, der ganze Mensch, ist ein Resonanzköper der Ewigkeit Gottes. Wo etwas aufleuchtet von Gottes Herrlichkeit und Gegenwart, nicht verfälscht durch ein abstruses Gottesbild oder kitschige Verharmlosung Gottes, dort beginnt im Menschen etwas zu schwingen (wer hat das nicht schon selbst erlebt), und das Bewusstsein seiner eigenen Erhabenheit und Gotteswürde kann in ihm wachsen.

 

5. Man nannte diesen Ort der Schwingung einmal „Seele“. Die unbegreifliche Fähigkeit des Menschen, Gott in sich zu spüren und das Angesprochensein durch Gott wahrzunehmen. Die „Seele“ ist deshalb der Ort meiner wahren Identität. Die „Seele“ als Bezeichnung für all das, was den Menschen mehr sein lässt als Natur und Materie. Die Seele, wo Ostern schon begonnen hat. Die Seele als das, was anfängt zu schwingen, wenn uns etwas von der Größe Gottes widerfährt. Allein schon deshalb wird die Notre-Dame wieder aufgebaut werden.  Und doch muss am Ende aus christlicher Sicht unbedingt angemerkt werden: Ja, es ist ein unfassbar großer Verlust, als die Notre-Dame als Gotteshaus abbrannte. Aber der größere Verlust ist der, wenn der Mensch selbst das Bewusstsein, Wohnung Gottes zu sein, verliert.

Franz Langstein

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(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


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Freitag 18.30 h Heilige Messe