19.04.2019

Predigt am Karfreitag C19


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wenn wir Christen heute des gewaltsamen Todes Jesu gedenken, seines Sterbens am Kreuz, dann können bei Weitem nicht mehr alle Christen damit etwas anfangen, wie denn dieser Tod Jesu zu deuten sei. Manche stehen ziemlich ratlos da. Sicherlich sind wir da in guter Gesellschaft, denn schon die ersten Christen standen vor der Aufgabe, wie denn dieser Tod Jesu zu vereinbaren sei mit seiner Gottessohnschaft und seiner Messianität. Deshalb bietet auch schon das NT verschiedene Antworten auf diese Frage. Aber wir tun uns heute aus einem ganz anderen Grunde schwer mit der Deutung des Todes Jesu. Das liegt daran, wie wir selbst von früher Jugend an eine bestimmte Deutung des Todes Jesu verinnerlicht haben. Und diese eine bestimmte Deutung war sehr dominant und findet ihren Niederschlag in vielen Gebeten und Liedern. Und genau mit diesen Texten tun wir uns heute schwer.

 

2. Einige Beispiele: Im Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ heißt es: „Was du, Herr, hast erduldet, ist alles meine Last; ich, ich habe es verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat.“ Ähnlich heißt es im Lied: „Herzliebster Jesu“: „Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen. Ich, mein Herr Jesu, habe diese verschuldet, was du erduldet.“ Und in der vierten Strophe heißt es: „Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe! Der gute Hirte leidet für die Schafe; die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, für seine Knechte.“ Oder in einem Agnus-Dei-Lied heißt es: „Gottes Lamm, Herr Jesu Christ, du sühnest unsere Sünden“. Und ein letztes Beispiel aus dem dritten Hochgebet: „Bis ans Ende der Zeiten versammelst du dir ein Volk, damit deinem Namen das reine Opfer dargebracht werde vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang.“. Das reine Opfer. Mit solchen Texten sind die meisten von uns groß geworden. Diese eine Deutung vom Sühnopfer Jesu ist die dominante in all unseren Gebeten und Liedern. Und genau damit haben heute viele Christen ihre Probleme. Was ist passiert?

 

 

3. Das Christentum begann, sich zu Beginn des Mittelalters mehr und mehr in den germanischen Raum auszubreiten. Aber hier stieß die christliche Botschaft auf eine ganz andere Mentalität als die römische oder gar jüdische. Das germanische Denken war geprägt von dem Begriff „Ehre“. Die germanischen Stämme legten großen Wert darauf, dass dem Herrscher Ehre zuteil wurde. Geschah dies nicht, wurde also der Herrscher beleidigt. Es musste die Ehre wiederhergestellt werden. Eine Wiedergutmachung, eine Buße, eine Sühneleistung, ein Opfer musste dazu erbracht werden. Und dieses Denken, dass tief in der germanischen Mentalität verwurzelt war, hat sich nun mit der christlichen Botschaft vermischt. Nun war Gott der Herrscher, der durch die Sünden des Menschen beleidigt wurde. Und nur durch eine Buße, ein Opfer, konnte ihm wieder die Ehre zuteil werden und die Beleidung gesühnt werden. Gott ist also wie ein weltlicher Herrscher beleidigt (wie immer man sich das vorstellen mag, ob er da jetzt in einem Schmollwinkel sitzt?) und fordert Strafe für den Beleidiger. Dieser aber kann durch eine Sühneleistung den Beleidigten wieder besänftigen und seine Ehre wiederherstellen. Aber irgendwo hinkt das Ganze. Und das wusste man damals natürlich auch. Wenn Gott unendlich ist, dann hat er auch eine unendliche Ehre. Es heißt also: Gottes unendliche Ehre kann nicht durch ein endliches Opfer, also durch eine menschliche Sühneleistung, wiederhergestellt werden. Sondern Gottes unendliche Ehre kann nur durch ein unendliches Opfer, ein reines Opfer,  wiederhergestellt werden. Und ein solches unendliches Opfer kann nur der Gottessohn bringen. Gott ist durch die Sünde unendlich beleidigt. Er müsste eigentlich den Sünder bestrafen, aber der Sohn bringt das notwendige unendliche Opfer für uns, da wir es nicht bringen können, und versöhnt uns wieder mit dem zürnenden Gott, indem der Kreuzestod Christ die Ehre Gottes wiederhergestellt hat. Das ist die sogenannte Satisfaktionslehre. Jesus hat durch seinen Kreuzestod die Genugtuung erwirkt. Und schon hat man für die damalige Zeit ein schlüssiges Modell für die Deutung des Todes Jesu. Und da die meisten Lieder und Gebete aus dieser Zeit stammen, und sie vielerorts noch gesungen oder gesprochen werden, haben wir ganz massiv damit ein Problem. Und zurecht. Dahinter steht nämlich ein strafender und durch Beleidigungen erzürnter Gott. Wir können zurecht damit nichts mehr anfangen. Und wir sollten die Satisfaktionslehre mit ihren Liedern und Gebeten komplett streichen. Sie ist nicht vereinbar mit der Botschaft Jesu. Aber wie sollen wir dann vom Kreuzestod Jesu sprechen?

 

4. Man könnte jetzt freilich stundenlang darüber nachdenken und sprechen, ich will mich nur auf einen Aspekt begrenzen. Zunächst einmal müssen wir ganz nüchtern sagen: Die Hinrichtung Jesu war die Folge seines Lebens. Weil er so gelebt hat, wie er gelebt hat, war der gewaltsame Tod die normale Folge. Sein Leben und seine Botschaft waren für die Mächtigen ein Skandal und nicht akzeptabel. Jesus musste beseitigt werden. Aber im Zentrum der Botschaft Jesu stand die Liebe, stand der Mensch; gerade der Mensch in seiner Verletzlichkeit. Als sich um Jesus die Schlinge zuzuziehen begann und am Horizont die Möglichkeit der Hinrichtung aufging, da musste Jesus entscheiden, ob er diesen Weg der Liebe bis zu Ende gehen würde oder ob er am Ende die Konsequenzen seiner Liebe doch vermeiden sollte. War Jesus bereit, die Konsequenzen seines Lebens und seiner Liebe zu tragen, um damit zu zeigen, dass er es absolut ernst gemeint hat mit seiner Liebe? Ja, er war es wohl. Er ging bewusst nach Jerusalem. Er floh nicht. Sein Tod sollte zeigen, wie ernst es ihm mit der Liebe war. Bis zur äußersten Konsequenz. „In guten und bösen Tagen“. Was wird also im Tod Jesu deutlich?  

 

5. Ich meine, dass es genau andersherum ist als es die Satisfaktionslehre gesagt hat: Durch den Tod Jesu wird nicht die Ehre Gottes wiederhergestellt, sondern die Ehre des Menschen. Denn nicht Gott ist beleidigt, sondern zutiefst im Inneren des Menschen ist der Mensch beleidigt: „Gott, warum hast du uns in eine Welt gestellt, die so unvollkommen ist und so viel Leid und Sünde und Tod hervorbringt?“ Ja, man muss es ganz kühn sagen: Nicht der Mensch schuldet Gott etwas, sondern Gott dem Menschen. „Warum, Gott, hast du uns geschaffen und uns dem Leid ausgeliefert?“ Augustinus hat dies tatsächlich in das kühne Wort gefasst: „Gott hat sich zum Schuldner dem Menschen gegenüber gemacht.“ Nicht der Mensch hat diesen Weg Christi verschuldet, sondern Gott hat in seiner Liebe zu uns sich schuldig „gefühlt“. Er ging den Weg der Liebe bis zuletzt. Er ging unseren Weg so, dass wir vertrauensvoll sagen dürfen: „Wenn wir im Dunkeln gehen müssen, gehen wir auf seinem Weg. Vielleicht ist er sogar selbst das Dunkel. Wenn wir im Tal der Tränen unterwegs sind, dann sind wir im Tal Gottes unterwegs. Wenn wir uns von Gott verlassen fühlen, dann ist gerade diese Verlassenheit die Erfahrung seiner Gegenwart. Wenn wir den Tod erleiden, dann erleiden wir Gott.“ Ab jetzt sind unsere Wege von Gott nicht mehr zu trennen. Unsere Ehre ist wiederhergestellt. Die Ehre der Gotteskindschaft.

Franz Langstein

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