18.04.2019

Predigt am Gründonnerstag C19


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Der ehemalige Münchner Pfarrer Jakob Paula, der sich vor einigen Jahren aus dem Pfarrdienst verabschiedet hat und sich in eine Einsiedelei zurückgezogen hat, schrieb einmal in einer Zeitschrift von einem Kindheitserlebnis, dessen Bedeutung ihm erst später aufging. Er erinnerte sich, wie er als Kind gern in der Badewanne saß. Und er spielte da so gerne mit einer leeren, aber verschlossenen Schampoo-Flasche, die er von seiner Mutter erhielt. Er berichtet: „Dieses Spielzeug war meine höchste Freude. Ich konnte die Plastikflasche nicht oft genug untertauchen, um mich jedes Mal daran zu begeistern, wie sie spritzend wieder aus dem Wasser hervorschoss.“ Dieses kindliche Spiel deutet er später als Gleichnis für das Leben: „Man wird immer wieder untergetaucht und kommt doch meistens wieder heraus. Zudem verweist dieses Hinab und Hinauf auch auf etwas Anderes, Tieferes: Das Leben ist nicht für den Untergang bestimmt, sondern sucht, was droben ist.“ Lange bevor er also zur Kirche ging, hat er als Kind das Ostergeheimnis berührt und spielerisch erfasst. Später, so schreibt er weiter, hat ihn diese kindliche Erfahrung in der Überzeugung bestärkt, dass das Ostergeheimnis alle Menschen berührt und – oft unbewusst – prägt.

 

2. Und damit sind wir an einem wesentlichen Punkt, den es zu bedenken gilt: Wir treten heute Abend ein in das Triduum paschale, in die drei österlichen Tage. Ist das österliche Geheimnis nur ein Glaubensartikel, „auferstanden von den Toten“, den die Christen mehr oder weniger gläubig bekennen, oder ist das österliche Geheimnis weit mehr, nämlich tief in die Existenz des Menschen eingebrannt? Und es drückt sich aus, dass Menschen immer wieder Hoffnung auf Zukunft haben. Diese Hoffnung gehört wesentlich zum Menschsein dazu. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dies in seiner Erklärung zu den Weltreligionen so ausgedrückt: „Von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist.“ In der Tat scheint es so zu sein: Unbewusst, oft nur ahnungsweise, ist ein Leben immer darauf hoffend, dass nach Dunkel wieder die Sonne scheint, dass nach Schicksalen wieder bessere Zeiten kommen; ja, dass sogar diese Hoffnung so groß ist, dass sie über das Menschenmögliche hinausweist und sogar ein Wunder zu erwarten vermag. Erst wenn alle Hoffnung vernichtet ist, hat der Mensch jeden Lebensmut verloren. Thomas von Aquin, der große mittelalterliche Gelehrte, sprach von den inclinationes naturales, von den mit der Natur gegebenen Hinneigungen. Und Karl Rahner sprach vom übernatürlichen Existential, d.h. er sprach davon, dass diese österliche Hoffnung jeder Existenz mitgegeben ist. Diese österliche Hoffnung ist mit der Natur des Menschen untrennbar verbunden. Wir treten also mit dem Beginn des Triduum paschale in etwas zutiefst Menschliches ein.

 

3. Wenn es aber so ist, dass der Mensch in seiner Hoffnung auf eine Zukunft ausgerichtet ist, von der er glaubt, dass sie gut ist oder gut wird, und wenn diese Hoffnung sogar das des Menschen Mögliche übersteigt, müssten wir dann nicht sagen, dass der Mensch in der Tiefe seiner Existenz immer auf das Geheimnis Gottes hin ausgerichtet ist? Oder anders formuliert: Hat Gott den Menschen in seiner Liebe so erschaffen, dass der Mensch auf Gott hin angelegt ist? Oder nochmal anders formuliert: Hat Gott in seiner Liebe den Menschen so erschaffen, dass der Mensch befähigt ist, Anteil am göttlichen Leben zu erhalten? Liebe bedeutet doch: Anteil geben. Anteil am eigenen Leben. Gibt also Gott so Anteil an sich selbst, dass er in den Menschen eine Hoffnung hineingelegt hat, die letztlich Gott zum Grund hat? Wenn wir dieses Wort „Anteilgeben aus Liebe“ einmal zugrunde legen, dann bekommt das eben gehörte Evangelium von der Fußwaschung eine eigene tiefe Bedeutung:

 

4. Petrus, der bekannt dafür ist, dass er sich oft vorschnell und unüberlegt äußert, bleibt sich auch im Abendmahlssaal treu. Als Jesus ihm die Füße waschen will, weist er diese Absicht Jesu weit von sich: „Niemals sollst du mir die Füße waschen.“ Und Jesus erklärt ihm dann: „Wenn ich dir die Füße nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir“. Eine eigenartige Antwort. Man hätte doch erwartet: Wenn ich dir die Füße nicht wasche, bleiben sie eben schmutzig.“ Nein, er sagt: „dann hast du keinen Anteil an mir“. Und das wäre für Petrus unvorstellbar. Petrus war einer der ersten Jünger, die sich Jesus anschlossen. Er hat all die Zeit über erlebt, wie Jesus den vielen Menschen Anteil an seiner Liebe und an seinem Leben schenkte. Und Petrus selbst wollte Anteil haben am Leben Jesu. Er ist der erste, der heute Abend das Schwert ziehen wird, um die Verhaftung Jesu zu verhindern. Diese Antwort Jesu, dass Petrus keinen Anteil an Jesus haben würde, wenn er ihm die Füße nicht wäscht, hat gesessen. Sofort stimmt Petrus zu: „Dann nicht nur die Füße, sondern auch das Haupt.“ Petrus erfährt zutiefst, wie weit dieses Anteilnehmen geht. Soweit, dass Jesus einen Sklavendienst an den Menschen verrichtet. Anteil geben bedeutet eben: einander dienen. So hat Jesus gelebt.

 

5. Und dieses Leben Jesu als Anteilgeben an seinem göttlichen Leben hat sich sakramental zeichenhaft verdichtet im gemeinsamen Mahl. Und da sind wir wieder bei dem Universellen: Um einen Tisch sitzen, gemeinsam essen und trinken, ist in allen Kulturen ein Vollzug gegenseitiger Anteilnahme. Nimmt man nach einer Beerdigung an einem Trauermahl teilt, nimmt man Anteil am Leid der Hinterbliebenen. Und bei einem Hochzeitsessen nimmt man eine Stück Hochzeitstorte und nimmt teil am Glück des Brautpaares. Und so nimmt Jesus selbst teil an diesem Grundvollzug menschlichen Lebens, nimmt Brot und Wein, deutet diese Zeichen als seinen Leib und sein Blut, d.h. als sein Leben und seine Hingabe, und schenkt im gemeinsamen Mahl Anteil an seinem göttlichen Leben. Im Hochgebet sprechen wir deshalb: „Du schenkst uns Anteil an Christi Leib und Blut und führst uns zur Einheit im Heiligen Geist.“

 

6. Und damit schließt sich der Kreis. Im Abendmahl feiern wir jene Hoffnung, die seinen Grund darin hat, dass Gott uns in Christus an seinem Leben Anteil schenkt. Dieses An-Gott-Anteilhaben ist tief in unsere Existenz eingebrannt. Im Abendmahl erfahren wir dieses „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir“, wir erfahren den Dienst Christi an uns. Somit heißt es auch zurecht von diesem Abendmahl, dass es das österliche Mahl ist, weil es uns in einer Hoffnung bestärkt, die weit über uns hinauszielt, nämlich auf Gott hinzielt.

Franz Langstein

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Samstag 18.00 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe