17.11.2019

Predigt zum 33. Sonntag C19

Lk 21,5-19

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Was für ein Evangelium. Es beschreibt die Ereignisse, die Lukas bei der Abfassung seines Evangeliums erlebt und noch gut in Erinnerung hat: Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr., die Kriege, Hungersnöte, Verfolgungen. All das deutet Lukas als Vorzeichen des kommenden Endes. Diese schlimmen Ereignisse werden also theologisch eingeordnet. Aber mitten darin steht ein Satz, der genau auf die heutige Zeit passt und der mir beim Lesen des Evangeliums sofort ins Auge gesprungen ist: „Gebt acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!  Und: Die Zeit ist da. Lauft ihnen nicht nach!“.  Viele also sagen: Ich bin es, d.h sie stilisieren sich zum Messias. Sie haben die Lösung für alles. Und deshalb laufen viele ihnen nach. „Lauft ihnen nicht nach!“, sagt Jesus. Ist das nicht heute wieder so? Der starke Mann, die sprücheklopfende Partei: Trump, Erdogan, AfD, sie alle geben sich als Retter aus. Und finden Zulauf. Ich möchte hier heute ein wenig verweilen und mit Ihnen über dieses Phänomen, das es im Laufe der Geschichte immer wieder gegeben hat, ein wenig nachdenken. Das ist ein ganz hochinteressantes und spannendes Phänomen:

 

2. Was passiert eigentlich, wenn der Mensch den Glauben an Gott verliert und wenn es für ihn nicht nur Gott nicht mehr gibt, sondern wenn Gott sogar ganz aus seinem Bewusstsein verschwunden ist. Ich meine, der Atheist spricht ja immerhin noch von Gott, wenn auch in der Form der Verneinung. Aber jenseits des Atheismus gibt es Menschen, denen Gott auch in der Form der Verneinung gar nicht mehr bewusst ist. Sie staunen über die Atheisten, warum die soviel von Gott sprechen. Was passiert also mit einem Menschen, dem das Gottesbewusstsein verlustig gegangen ist. Erst einmal gar nichts. Er, der Mensch, bleibt ja erstmal derselbe. Er bleibt ein Mensch der Sehnsucht nach Bejahung und Anerkennung. Diese Anerkennung geschieht in der Regel im mitmenschlichen Bereich. Die Eltern gegenüber ihrem Kind; die Ehepartner untereinander; Freunde und Arbeitskollegen können mir diese Anerkennung verschaffen. Diese liebenden Begegnung unter Menschen hat aber noch eine zusätzliche Qualität: in der liebenden Beziehung unter Menschen erreicht mich immer auch ein Angesprochenwerden aus dem Unendlichen, welches mir zuspricht: „Es ist gut, dass es dich gibt“. Der Mensch ist eine Quelle für diese absolute Bejahung und Anerkennung, die sich in Bezug zur unendlichen Sehnsucht des Menschen setzt. Wenn der Mensch aber nun den Glauben an die Unendlichkeit verloren hat und Gott nicht mehr in seinem Bewusstsein ist, dann wird der Mensch verabsolutiert. Im anerkennenden und liebenden Wort des Mitmenschen kommt nicht mehr Gott Liebe bei mir an und somit die unendliche Liebe, sondern es kommt bei mir die endliche Liebe eines Menschen, die ich aber unendlich gedeutet haben möchte. Wenn Gott erst einmal aus dem Leben gestrichen ist, dann bringt sich der Mensch um die absolute Anerkennung seiner Existenz. Ich will dieses Zusage aus dem Unendlichen nun von einem endlichen Menschen bekommen. So wird der andere zu einem Idol. Das Wort „Idol“ kommt aus dem Griechischen „εϊδωλον“ und bedeutet so viel wie „Schattenbild, Trugbild, Traumbild“. Und weil mir dieses Idol absolute Anerkennung und Bejahung gibt, wird es vergöttlicht. Es bekommt göttliche und damit absolute Züge. Die  Haltung gegeben über dem verabsolutierten Idol ist nun der Gehorsam. Ich unterwerfe mich dem Idol wie man sich Gott oder Göttern unterwirft, ganz und gar. Und von diesem Gehorsam erwarte ich als Gegenleistung die absolute Anerkennung meiner Existenz durch das Idol. Wir haben das ganz drastisch im Nationalsozialismus erlebt, wie Menschen zu Gehorsam gegenüber Hitler standen, um sich von ihm oder vom System her Anerkennung zu schaffen. Plötzlich waen die Häuser mit Hakenkreuzen beflaggt. Weil also der Mensch immer auch Begegnung mit dem Unendlichen sein kann, - wir sagen: Der Mensch ist Sakrament Gottes -, deshalb ist die Gefahr so groß, dass er zum Idol wird. Und jetzt verstehen wir die Warnung des heutigen Evangeliums: „Gebt acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!  Und: Die Zeit ist da. Lauft ihnen nicht nach!“.      

 

3. Aber wir müssen diesen Gedanken noch um einen Schritt weiter vertiefen. Der Gehorsam gegenüber einem Idol hat es an sich, dass mehrere oder viele Menschen auch im Gehorsam zum selben Idol leben. Es bilden sich Menschengruppen und Parteiungen, die das Idol anbeten und von ihm Anerkennung erwarten, absolute Anerkennung. So entstehen Ideologien, die notwendig immer einen absolutistischen, d.h. totalitären Zug tragen. Innerhalb dieser Gruppe oder Partei, also innerhalb dieser Ideologie, beziehe ich meine Anerkennung und Bejahung. Der Preis dafür ist die Aufgabe meiner Freiheit. Ich übernehme die Ideologie ohne Nachdenken. Kritik an der Ideologie wird nicht geduldet, weil Kritik an der Ideologie diese als nicht absolut entlarvt. Und das kann ich nicht ertragen. Denn der Mensch erfährt sich als bedürftig und findet sein Glück in der Erfüllung, nicht in der Abwesenheit der Bedürfnisse. Kritik an der Ideologie aber stellt die Ideologie als Erfüllungsort meiner Bedürfnisse in Frage. Man kann da nur drastisch reagieren. Der Kritiker muss eliminiert werden. Der letzte Schritt zum Fundamentalismus und Fanatismus ist getan. Wehe dem, der es jetzt wagt, dem Anführer einer Ideologie, also dem Idol, zu widersprechen. Der Mensch also erkauft sich seine Anerkennung durch den absoluten Gehorsam und die Aufgabe seiner Freiheit. Ein hoher Preis. „Gebt acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!  Und: Die Zeit ist da. Lauft ihnen nicht nach!“.      

 

4. Nun wird klar, worum es geht. Es geht genau um diese Freiheit und Würde des Menschen. Allein das Bewusstsein von Gott verhindert, das Menschen zu Idolen werden. Der Mensch ist nicht göttlich. Zwar schenkt mir der Mensch durch seine Liebe auch die Anerkennung meiner Existenz, aber ich weiß, dass tatsächlich in der Liebe des Menschen die unendliche Liebe Gottes zum Ausdruck kommt. Der Mensch sagt mir nur die Unendlichkeit zu; er ist aber nicht selbst die Unendlichkeit; die allein ist Gott. Deshalb werden oft in totalitären Systemen die Religionen furchtbar verfolgt. Sie entlarven das Idol als das, was es ist: Ein Trugbild und Schattenbild und Traumbild.    

 

5. In einer Zeit, in der wieder viele Menschen sich als Idole feiern lassen und die wiederum ihre gehorsamen Anbeter haben, ist das heutige Evangelium höchst aktuell. Ich will aber auch keinen Hehl daraus machen, dass jede religiöse Gemeinschaft erst recht in der Gefahr steht, dass sich in ihr religiöse Führer zu Idolen aufschwingen. Die Gefahr ist deshalb so groß, weil hier bereits das Religiöse mitschwingt. Das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes und der Gehorsam, den die Gläubigen gegenüber den Bischöfen schulden und der Priester, der in „Persona Christi“ handeln, zeigen, wie gefährlich diese Reden sein können. Oft genug haben sich Religionen aufgeschwungen zu totalitären und fundamentalistischen Systemen. „Gebt acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!  Und: Die Zeit ist da. Lauft ihnen nicht nach!“ 

Franz Langstein

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 18.00 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe