17.03.2019

Ansprache bei einer Wort-Gottes-Feier am 2. Fastensonntag 


Liebe Schwestern und Brüder!

Auf ihn sollt Ihr hören….

In diesen Tagen ist es nicht gerade leicht bei Verstand zu bleiben. Gewissheiten lösen sich in der Vielstimmigkeit der Umwelt auf, Wahrheiten werden in der medialen Auseinandersetzung zu bloßen Meinungen relativiert, während das Wahrhaftige, Verbindliche, das, was Vertrauen in uns weckt und erst wirklich leben lässt zur bloßen Konvention erklärt wird. Ja, und so ist das heutzutage, dass wir, sobald wir an der nächsten Community anklopfen, an Verständnisgrenzen stoßen. Und so richten wir uns in unseren „Blasen“ ein – und leben dort ganz gut!

Manchmal hat auch das Ewige, das Heilige, das alle Menschen verbindende scheinbar aufgehört zu existieren, ich suche es und finde es nicht. Ist Verständigung noch möglich? Ich suche Echtheit, Lebensfreude und Zuversicht, die doch alle Menschen verbinden soll, und stoße so oft auf Eigentümliches, Oberflächliches und etwas, das mit mir gar nichts zu tun hat. Mit Ignatius von Loyola will ich Gott in allen Dingen suchen, und finde – Nichts. Dann überkommt mich eine Trauer und ich leide wie ein Hund.

Die meisten von uns hier kennen doch noch die Zeit, in der unsere Kirche eine prächtige, selbstsichere war. Eine, in der Gott – man wollte es spüren – unter uns Menschen war: in den Gottesdiensten, Aufbruchstimmung in der Folge des Vatikanums allerorten, Spiritualität und vertiefte Auseinandersetzung mit den Fragen des Glaubens. Eine Heimat, diese Kirche, ein Hort der Wahrheit und Stabilität. So meinte man. Wir waren jung und optimistisch.

Aber, so wissen wir heute, mancherorts war es auch die Hölle. Manche unter den Alten wussten es vielleicht, und schwiegen.

Für viele, Tausende, Kinder, Jungen, Mädchen, Frauen, mit hoher Dunkelziffer, gingen Glaube, Vertrauen und Lebensfreude durch vielfältigen Missbrauch zu Bruch. Vergessen werden darf nicht der seelische, spirituelle Missbrauch, der zunehmend thematisiert wird. Für viele ist ein normales Leben danach nicht möglich, manche haben es sich genommen. Es gibt sichere Hinweise, dass dies heute noch in beträchtlichem Umfang geschieht. Rom, die Kardinäle, die Bischofskonferenzen, sie sprechen von Schuldbekenntnis, Korrekturen, Kardinal Marx gar von einem synodalen Prozess, in dem nun auf uns, die Übriggebliebenen gehört werden soll: warum erst jetzt und warum nur reden?

Das Kind ist in den Brunnen gefallen und wir begreifen es nicht. Diejenigen, die von all dem nichts gewusst haben, die, die alles richtig gemacht haben stehen nun ebenfalls ratlos da. Sind aber ebenfalls angesprochen, wenn unsere Kirche nun ins Wanken gerät. Wir leben in der Kirche auch in einer Art Gesamthaftung.

Christian Weisner, Sprecher der Initiative „Wir sind Kirche“, sagt, dass sich das Zeitfenster zur Wiedererlangung der Glaubwürdigkeit der Kirche schließt. Er hat Recht!

Die MHG-Studie, die von der deutschen Bischofskonferenz zum Zweck der Aufklärung in Auftrag gegeben wurde hat viele wichtige Erkenntnisse zu Tage gefördert.

Wie ich meine ist einer der wichtigsten Aspekte der der sogenannten „strukturellen“ Voraussetzungen für den Missbrauch. Dahinter verbirgt sich das durch Gelübde von Gehorsam, Armut und Ehelosigkeit abgesicherte System von Macht und Grenzüberschreitung. Und eine sich in Schach haltende Männergesellschaft. Männerbündische Haltungen, ist das etwas Neues? Hätte eine Frauenquote daran etwas geändert?

Dabei nützt es nicht auf die ev. Kirche zu verweisen, der ebenfalls die Pfarrer auszugehen scheinen obwohl es dort keine Ehelosigkeit der Pfarrer gibt und nicht tabuisiert wird, dass ein Pfarrer allein durch sein Menschsein ein Geschlecht hat. Nun hätte man den Kritikern endlich sagen können, dass der Pflichtzölibat nicht das Problem sei. Damit ist es nun nichts.

Es nützt auch nichts, auf anderen Missbrauch in der Gesellschaft, der in vielen Bereichen nun aufgedeckt wird, zu verweisen…..Wir sollten uns einfach ehrlich machen und sagen, was nun bei uns zu tun ist.

Wenn Deine Hand Dich zum Bösen verleitet, so haue sie ab……

Wir haben „gelernt“: wenn Du gesündigt hast, so bereue Deine Taten, kehre um und leiste Wiedergutmachung. Gilt das auch für die Amtskirche?

Was auf dem Spiele steht ist unsere Kirche, das was uns geprägt hat, was wir geglaubt und verinnerlicht haben, was uns in der Botschaft Jesu Zuversicht und Hoffnung gibt. Unser Leben schlechthin, wie wir nun so vor uns selbst und dem Herrn stehen.

Papst Franziskus ist zu raten, schleunigst die Kirche zu erneuern. Katharina von Siena, schrieb im Jahre 1376 an den Papst in Avignon: „Seien Sie kein Säugling,

seien Sie ein Mann“. Sie schreibt weiter, er solle schleunigst nach Rom zurückkehren und seinen „Job“ machen, also federführend die dringend notwendige Kirchenreform voranbringen. Eine 29jährige, nichtstudierte Frau liest dem obersten Kleriker die Leviten, und das mit Leidenschaft und höchst entschieden. Solche Frauen, viele davon, wünsche ich mir in dieser Kirche.

Sie weiß sich von Gott zu dieser Initiative beauftragt, auf der Spur biblischer Prophetinnen und Propheten. Ein Beispiel für die emanzipative Kraft des biblischen Gottesglaubens.

Eine andere Heilige, Teresa von Avila, die im 16. Jahrhundert lebte, spricht davon, dass es auf „Andachtsgenüsse“ nicht ankomme, denn das meinten die Menschen! Sie meint die Wohlfühlkirche. Nein, Klangschalenmeditation kann wohltuend sein, aber, so schreibt Teresa: Werke will der Herr!!!!

Es geht mir das Herz auf und ich weiß, woran es in der Kirche fehlt!!

Sollten wir diesen beiden nacheifern, sollten wir nicht mutiger uns zum Nucleus unseres Glaubens, diesem Jesus Christus, bekennen und – dann bitte nicht glückselig und heiter - niedersinken, sondern die Ärmel hochkrempeln und Welt und Kirche um uns herum gestalten? Gerade wir Männer, eine Frau zum Vorbild nehmen? Schon bei Hosea heißt es: Gott bin ich, nicht ein Mann! Und Maria, die Mutter des Herrn wies die Knechte auf der Hochzeit zu Kanaa an: was er Euch sagt, das tut. Ihn direkt zum Vorbild nehmen, unsere kleine Welt und die Welt um uns herum verändern.

Matthäus rät: was sie sagen, das tut. Was sie tun, das tut nicht (bezogen auf die Pharisäer).

Es wäre der Beginn einer echten Geichstellung und Gleichwürdigung beider Geschlechter in einer geschwisterlichen Kirche. Der Anfang eines Prozesses, der allen Männern und Frauen den Zugang zu einem geistlichen Amt, je nach konkreter Situation, ermöglicht.

Und es wäre endlich an der Zeit, sich von der aus Machtfülle verordneten Ehelosigkeit für die Priester zu verabschieden. Versöhnung mit dem Geschlechtlichen in uns, welches schlicht Voraussetzung dafür ist, dass wir alle hier beisammen sind. Seligpreisung der Liebe, der geistigen und körperlichen, die dem liebenden Menschen erst Anerkennung, Würde und Leben einhaucht. Ein Gottesgeschenk.

Es würde die Kirche in ihrer so seltsamen Verfassung grundlegend verändert. Eine neue Gestalt könnte entstehen, die für die Menschen anziehend und

zukunftsfähig wäre. Es würde die Menschen stark und frei machen. Eine Reformation 2.0?

Es wäre das, wofür dieser Jesus leidenschaftlich gekämpft hatte und ich bin mir sicher, dass er jetzt hier ist und von uns erwartet, dass wir ebenfalls kämpfen.

Wofür? Für eine vorbehaltlose Demutsgeste, die Bitte um Vergebung, die überall sichtbar sein muss, und den Mut zur Umkehr, die radikale Reformen beim Amt und den Zulassungsbedingungen zur Folge haben muss.

Dann könnten die Opfer des körperlichen und geistigen Missbrauchs vielleicht wieder versöhnt werden. Und wir hier hätten dann auch mehr und mehr die Zuversicht, dass unsere Kirche – deren Haupt doch Christus sein soll – eine Zukunft hat.

Wenn wir schon heute auf Ihn schauen und hören, dann ist die Axt bereits an die Wurzel gelegt und in der dunkelsten Stunde inmitten der Nacht beginnt der neue Tag.

Joachim Schönig

Kontakt

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Gottesdienste

Samstag 18.00 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe